"Lone Ranger" (USA 2013) Kritik – Fluch der Karibik im Western-Gewand

Autor: Stefan Geisler

null

„There come a time, when good man must wear mask.“

„Never change a running system“: Dieser Spruch könnte auch auf Johnny Depps Filmkarriere zutreffen, denn wer ein wenig mit der Filmografie des extrovertierten Schauspielers vertraut ist, der weiß, dass Depp gerne wiederholt mit den gleichen Regisseuren zusammenarbeitet. Neben Tim Burton, mit dem Depp schon an insgesamt acht Filmen gemeinsam werkelte und deren Beziehung weit über ein reines Arbeitsverhältnis hinaus geht, steht auch „Ring“-Regisseur Gore Verbinski sehr hoch im Kurs. Lange Zeit galt das Gespann Verbinski/Depp direkt als eine Art Wunderwaffe im Hause Disney, schafften diese es doch sogar mit der „Fluch der Karibik“-Reihe das totgeglaubte Genre des Piratenfilms zu reanimieren. Mit ihrer fünften Zusammenarbeit sollte nun einem weiteren Genre-Sorgenkind wieder zu alter Stärke an den Kinokassen verholfen werden: Der Western. Diesem uramerikanischen Genre sollte das Duo mit „Lone Ranger“ eine zeitgemäße Verjüngungskur verpassen. Und immerhin: „Lone Ranger“ ist ein Western-Spektakel mit bombastischen Schauwerten und gleicht stellenweise einem „Fluch der Karibik“ im Western-Gewand. Trotzdem ist „Lone Ranger“ wohl einer der größten Flops des diesjährigen Kino-Sommers und das nicht nur aus finanzieller Sicht, denn die unnötig lange Laufzeit und die schrecklich geskripteten Charaktere lassen den einsamen Ranger in der Mittelmäßigkeit versumpfen.

1869: Der gesetzestreue Anwalt John Reid (Armie Hammer) plant in seine Heimatstadt zurückzukehren, doch schon während der Zugfahrt in die Heimat wird der überzeugte Pazifist mit den ersten Problemen konfrontiert: Eine Bande wilder Outlaws überfällt den fahrenden Zug, um Bandenführer Butch Cavendish (William Fichtner) vor dem Galgen zu retten. Kaum in der Stadt angekommen macht sich John Reid gemeinsam mit seinem Bruder, dem Texas Ranger Dan (James Badge Dale), und einigen waffensicheren Helfern auf, um die flüchtige Cavendish-Gang zu stellen. Doch die Ranger geraten in einen Hinterhalt der Diebesbande und werden systematisch hingerichtet. Lediglich John Reid überlebt durch einen glücklichen Zufall und wird bewusstlos in der Wüste zurückgelassen, wo ihn der Indianer Tonto findet und gesund pflegt. Wieder bei Kräften schwört sich John Reid die Mörder seines Bruders zur Strecke zu bringen…

Warum muss heutzutage fast jeder Blockbuster die ominöse Zwei-Stunden-Marke knacken? In Anbetracht von Gore Verbinskis „Lone Ranger“ kommt einem zumindest das alte Sprichwort „In der Kürze liegt die Würze“ sofort in den Sinn, denn der Western ist mit seinen 150 Minuten Spielzeit eindeutig zu lang geraten. Statt dem knackig-rasanten Westernabenteuer, das einem versprochen wurde, bekommt man als Zuschauer lediglich eine träge Rache-Odyssee serviert, die erst im Schlussakt so richtig in Fahrt kommen will.

Leider wird einem durch die überlange Laufzeit die schlampige Ausarbeitung der Charaktere in all ihrer Deutlichkeit vor Augen geführt. Während Johnny Depp mit dem Indianer Tonto eine nervige Kopie seines extravaganten Piratenkapitäns Jack Sparrow zum Besten gibt, der sich lediglich in Schminke und Akzent von seinem seetauglichen Abbild unterscheidet, ist es besonders Armie Hammers („Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“) Figur des Lone Rangers, die negativ heraussticht. Es scheint fast erstaunlich, dass man sich dazu entschlossen hat, einen derart naiven, unsympathischen Biedermann in den Mittelpunkt zu stellen, der fast den gesamten Film braucht, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die von ihm gehegten Ideale vielleicht doch nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Wem das noch nicht genug ist, der darf sich dann über den verschenkten Versuch ärgern, „Lone Ranger“ eine politische Note zu verpassen. Zwar sind die Ansätze deutlich erkennbar – wo wenn nicht im Western könnte man Kapitalismuskritik und Ausbeutung von Arbeitern zugunsten des schnellen Geldes besser veranschaulichen? – doch leider wissen Verbinski und sein Autorenteam die Kraft dieser Bilder nicht zu nutzen. Werden in einer Szene Indianer auf das Menschenunwürdigste hingerichtet, stehen in der nächsten Szene schön wieder actionreiche Verfolgungsjagden und witzige Oneliner im Vordergrund. So pendelt das Western-Abenteuer zwischen schwermütig politischen Aussagen und leichter Familienunterhaltung hin und her. Ein Kompromiss, der keinen so richtig zufrieden stellen mag.

Fazit: „Lone Ranger“ hätte ein großartiges Wild-West-Spektakel werden können, denn dass sich Gore Verbinski im Western-Genre auskennt, konnte der Regisseur bereits mit dem großartigen Animationsabenteuer „Rango“ unter Beweis stellen. Auch wenn es hin und wieder spassige Einzelszenen gibt, verhindern die schlecht ausgearbeitete Figurenzeichnung, Mängel im Drehbuch und die deutlich zu lange Laufzeit, dass sich „Lone Ranger“ gegen die Blockbuster-Konkurrenz im Sattel halten kann.