Kritik: Lucy (FR, US 2014)

Autor: Conrad Mildner

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„Ich bin zu Dingen fähig, die ich niemals zuvor getan habe.“

Die junge Lucy (Scarlett Johansson) gerät nach einer durchzechten Nacht in Taipeh in die Hände der Drogenmafia und soll eine neuartige Droge in ihrem Magen ins Ausland schmuggeln. Als Lucy von einem Mafiosi in den Bauch getreten wird, reißt der Plastikbeutel und die blaue, kristalline Droge breitet sich ungehindert in ihrem Inneren aus. Die Überdosis ist für sie allerdings nicht tödlich, sondern sprengt die bekannte (und wissenschaftlich falsche) 10%-Barriere ihres Gehirns. Lucy fühlt, denkt und erkennt auf einmal viel mehr als die Menschen um sie herum.

Dass der Mensch nur zehn Prozent seines Gehirns benutzt ist ein weit verbreiteter urbaner Mythos. Glauben, sollte man ihn dennoch nicht, auch wenn der Gedanke eines noch völlig unerschlossenen, riesigen Kontinents im eigenen Kopf ungemein faszinierend ist. Das dürfte zumindest auch der Grund für die nicht enden wollende popkulturelle Ausschlachtung sein. Bessons Film pfeift auf derartige wissenschaftliche Fakten und erhebt die Prozentanzeige zum dramaturgischen Prinzip. Lucys Gehirnleistung steigt kontinuierlich und erscheint im Gleichklang mit Plot und Wendungen immer wieder in großen Lettern auf der Leinwand.

20, 30, 40, 50 Prozent: Lucys Gehirn wird zum Ladebalken und ihre Umwelt zur Tablet-Oberfläche. In einer Szene sortiert Lucy die für sie sichtbaren Gehirnströmungen ihrer Mitmenschen auf einer Autoscheibe per Touchfunktion. Das ist nur eine der vielen ästhetisch ambitionierten Momente in Bessons Film, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Die Lust am Fabulieren ist „Lucy“ jede Sekunde anzusehen. Nichts ist ihm zu peinlich. Die wissenschaftlichen Fakten würden in diesem Reigen aus körperlicher Action, Philosophiediskurs und Special-Effects-Orgie ja auch gar nicht so wichtig erscheinen, wenn der Film sie nicht im ersten Viertel allzu deutlich bemühen würde, wo Morgan Freeman (wer sonst?) als Morgan Freeman einen Vortrag über das Potenzial des menschlichen Gehirns hält.

Quasi die gleiche Rolle spielte Freeman auch in Wally Pfisters im Frühjahr gestarteten „Transcendence“. Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Filmen aufzuzählen, wäre müßig. Interessanter sind dagegen die Unterschiede. Denn während „Transcendence“ äußerst dröge und oberflächlich gegen das Web 2.0 und für das Karottenbeet im heimischen Garten Partei ergreift, sind die Grenzen in Bessons Film loser gezogen. Wo Johnny Depps Transzendenz zum „Ghost in a Shell“ ihn bloß entmenschlicht, erlebt Lucy eine unbeschreibliche Befreiung. Sie wird neugeboren und verwandelt sich zunehmend in eine gottähnliche Kreatur. Ob das nun gut, schlecht oder beides ist, überlässt Besson glücklicherweise dem Publikum. Ohnehin hat das Web 2.0 und das unaufhaltsam rasante global networking zu einer Transzendenz geführt, die mit Lucys brain extensions vergleichbar ist. An einer Stelle scrollt sie sogar durch die Menschheitsgeschichte wie durch einen Youtube-Clip. Auch wir sind wissensdurstiger geworden. Und auch unsere Körper werden jeden Tag spürbar schwerer.

Ein kleiner Geniestreich gelingt Luc Besson zum Schluss, wenn die nervenaufreibende und visuell ausufernde Geschichte in einem schwarzen USB-Stick kulminiert, auf dessen Oberfläche das funkelnde Universum zu sehen ist. Diese Pointe beweist nicht nur Bessons Ironie für den leicht ins prätentiöse abdriftenden Stoff, sondern denkt auch die begonnene Analogie computerisierter Technologien zu ende. Exponentiell ansteigende Speichervolumen und Datenaufkommen, Prozessorleistungen und Schnittstellenvielfalt: Das gesamte Menschheitswissen auf einem USB-Stick klingt gar nicht so sehr nach allzu ferner Zukunftsmusik. Steht Lucys Gehirnboost etwa im Wettbewerb mit unseren schnell wuchernden Technologien? Müssen wir letztendlich im Äther des Internets verschwinden?

Der Film hat genug Kanten, an denen man sich schneiden kann. Spätestens beim theologischen Hammerschlag zum Schluss schmerzen die Finger aller Ungläubigen im Saal. Der Light-Science-Action-Mix ist dennoch zu sympathisch, um ignoriert zu werden. Klüger war „The Matrix“ ja auch nicht, religiös verbrämter dagegen schon. „Lucy“ ist heterogener, überraschender, einfach schroffer. Welcher Film verbindet sonst noch eine wahrhaftig emanzipierte Heldin im Kampf gegen das verbrecherische Patriarchat mit der Ambition von Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“? Allein der Versuch ist schon spannend anzusehen. Selbst wenn bei den meisten Zuschauer_innen nur zehn Prozent davon ankommen sollten, hundertprozentiges Kino ist „Lucy“ allemal.