Müssen Filme politisch sein? Berlinale/ WdK

Zum Auftakt der diesjährigen Woche der Kritik, eine Veranstaltung des Verbands der deutschen Filmkritik e.V., die zeitgleich zur Berlinale ein erlesenes internationales Filmprogramm in den Hackeschen Höfe Kinos vorführt, wurde eben diese Frage diskutiert. Im Kulturquartier Silent Green versammelte der Journalist Rüdiger Suchsland am 08.02. ein Panel um sich, welches sich aus verschiedenen Perspektiven an diese Problematik herantasten sollte: die Regisseurin und Produzentin Athina Rachel Tsangari („Chevalier“), die ehemalige Leiterin des Istanbul Film Festivals Azize Tan, der Filmkritiker Joachim Lepastier (Cahiers du Cinéma), der Philosoph Alexander García Düttmann und der Redaktionsleiter von „Kino und Debüt“ (Bayerischer Rundfunk) Carlos Gerstenhauer.

In der Begrüßung von critic.de Chefredakteur Frédéric Jaeger und der Einführung von Filmkritiker Nino Klingler wurde schon die besondere Stellung der Berlinale als `politisches Filmfestival´ angesprochen. Unter der Leitung des Festivalchefs Dieter Kosslick hat sich das Festival über die letzten Jahre immer stärker gegenüber der Konkurrenz in Cannes oder Venedig als Forum der großen Weltpolitik positioniert. Letztes Jahr wurde der Goldene Bär schließlich an den Dokumentarfilm „Seefeuer“, der den Alltag der Rettungshelfer und der über das Meer nach Italien kommenden Flüchtlinge beobachtet, vergeben. Kulturstaatsministerin Monika Grütters lobt kurz vor Beginn der 67. Berlinale das diesjährige Programm und die Kräfte dieser Filme: „ihre Fähigkeit zu berühren, ihre Kraft, Schweigen und Tabus zu brechen, ihr Vermögen, die Sehnsucht nach einer besseren Welt zu wecken, ihren Ehrgeiz, Sand im Getriebe der Politik zu sein.“ So äußert sie sich natürlich indirekt auch zu ihren Erwartungen für das Festival und den Effekt den diese Filme auf ihr Publikum haben sollten.

Gewiss könnte man argumentieren, dass die Zeiten lauter den je nach politischen Filmen rufen, dass FilmemacherInnen eine größere Verantwortung tragen, mit ihren Filmen etwas bewirken zu wollen. Schon zu Beginn der gestrigen Konferenz konnte man sich darauf einigen, dass der Aufruf „Filme müssen politisch sein“ konkret bedeutet „Filme müssen aktuelle Themen behandeln“. Doch was ist dabei die `richtige´ Herangehensweise? Gibt es Filme, die entpolitisieren? Für welches Publikum wird ein Film gemacht, der politisch affizieren soll? Zum Ende des Gesprächs hin wurden zwei Begriffe hitzig diskutiert: „Dringlichkeit“ (urgency) und „Trost“ (consolation). Wie sehr werden uns die Filme der diesjährigen Berlinale `trösten´ (vielleicht ist „beruhigen“ das bessere Wort)? Und ist diese Emotion nicht schlussendlich hinderlich, wenn es darum geht, Leute aktiv machen zu wollen?

Diese und weitere Fragen werden wir uns auf der diesjährigen Berlinale stellen. Heute Abend geht es offiziell los.

Das Programm der Woche der Kritik findet ihr hier: http://wochederkritik.de/de_DE/wdk2017/