"Mysterious Skin" (USA 2004) Kritik – Liebe, Schmerz und verdrängte Wahrheiten

„Ich war sein Liebling.“

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Immer wieder gibt es diese Filme, die aus verschiedensten Gründen den Weg ins Kino nicht finden und so auch nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Einer dieser Fälle ist Gregg Arakis Außenseiter-Drama ‚Mysterious Skin‘ aus dem Jahr 2004. Araki inszeniert einen emotionalen und gleichermaßen schockierenden Film rund um das Tabu-Thema Pädophilie.

Die eindringlichen Bilder von Steve Gainer wurden gleichermaßen mit Kälte und Wärme durchzogen, die sich genau mit der Gefühlswelt des Zuschauers anpassen können. Der feine Score umwandert die Szenen unaufdringlich und bringt uns den Film, in Verbindung mit den tollen Aufnahmen, näher. Die Atmosphäre hält den Zuschauer durchgehend gefesselt und das Wegsehen wird unmöglich gemacht.

Joseph Gordon-Levitt darf die Hauptrolle spielen. Er verkörpert den homosexuellen Stricher Neil und zeigt eine absolute Glanzleistung. Jede Emotion spielt er mit Bravour aus und liefert eine unheimlich authentische und ausdrucksstarke Darstellung ab. Brady Corbet als traumatisierter Brian kann zwar die Leistung von Gordon-Levitt nicht erreichen, bringt aber in jedem Fall eine überaus überzeugende Vorstellung ab. Auch die Nebenrollen sind mit Bill Sage, Elisabeth Shue und Michelle Trachtenberg passend besetzt.

Brian glaubt, dass er im Alter von 8 Jahren von Außerirdischen entführt worden ist. Seit diesem Vorfall, an den er sich nicht mehr erinnern kann, versucht er Antworten zu finden und baut den Kontakt zu Gleichgesinnten auf. Neil geht es ganz anders. Er entdeckt mit 8 Jahren seine Neigung zu Männern und verkauft inzwischen seinen Körper täglich als Stricher. Beide sind sie sich von Grund auf verschieden und trotzdem verbindet sie ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit.

Wie erwähnt, widmet sich ‚Mysterious Skin‘ einem mehr als aktuellem Thema: Pädophilie und Missbrauch und die unterschiedlichen Folgen im Verlauf des späteren Leben. Wie geht man mit so einem Verbrechen um? Verdrängen? Irgendwie diesen Vorfall vergessen? Und doch kommt irgendwann der Tag, der alles wieder aufwühlt und alles verändern wird und man sich schließlich doch dieser Vergangenheit stellen muss und sie irgendwie bewältigen. Auch wenn es fast unmöglich erscheint.

In ‚Mysterious Skin‘ geht es jedoch nicht um eine Anklage oder Verurteilung solcher Taten. Nichts in dieser Art wird in den Vordergrund gestellt. Das soll aber nicht heißen, dass der Film dieses Verbrechen selbst verharmlost oder in irgendeiner Weise abmildert. Ganz im Gegenteil. Wir werden wachgerüttelt und mit Wahrheiten konfrontiert, die uns lange nicht loslassen werden und ebenso nachdenklich stimmen.

Wir kriegen es mit zwei Jugendlichen zu tun, deren Reinheit und Unschuld schon im Kindesalter durch eine schreckliche Form der Liebe genommen wurde. Doch beide erfahren verschiedene Leben nach diesem Tag. Brian ist ein stiller, schüchterner und sensibler Mensch, der sich auf die Suche nach seinem vergangenen wahren Ich begeben muss. Anders als Neil, der homosexuell ist und als Stricher mit verschiedensten Männern aller Altersgruppen Sex hat. Immer mit der Gefahr, irgendwann an den Falschen zu geraten, der keine Grenzen kennt und Neil zerstört. Beiden werden jedoch auf ewig verbunden sein und in ihrem Schmerz einen zarten Einklang finden.

Gregg Araki inszeniert einen Film, der wie ein Schlag in die Magengrube wirkt. Dabei zeigt er auch die Sexszenen in ihrem vollen Ausmaß. Ganz extrem ist hier die Szene, in der Neil von einem gewalttätigen „Kunden“ verprügelt und vergewaltigt wird. Ein Moment, der sich für immer in seiner ganzen Schonungslosigkeit im Gedächtnis festsetzen wird. Doch nicht nur diese Szene ist erschreckend unverblümt, der ganze Film wird von dieser klaren Offenheit bestimmt. Deswegen sei an dieser Stelle gesagt: wer sich ‚Mysterious Skin‘ ansehen will, der sollte auch wissen worauf er sich einlässt, denn die FSK 18 kommt nicht von ungefähr. Menschen, die ein Problem mit Freizügigkeit haben, sollten mit Sicherheit einen großen Bogen um den Film machen. Wer jedoch einen ehrlichen, verstörenden und schockierenden Film erleben will und sich auch mit diesem schweren Thema auseinandersetzen kann, der sollte ‚Mysterious Skin‘ eine Chance geben, denn die hat er in jedem Fall mehr als nur verdient.

Fazit: ‚Mysterious Skin‘ ist feinfühlig, emotional und verstörend. Voller Liebe und Schmerz und absolut schwer verdaulich. Die toll ausgewählten Schauspieler, die starken Bilder, der feine Score und die packende Atmosphäre machen ‚Mysterious Skin‘ zu einem Film, der wirklich unter die Haut geht.

Bewertung: 9/10 Sternen