Kritik: Public Enemies (USA 2009)

„Wie lange brauchen Sie für eine Bank? – Etwa 1 Minute und 40 Sekunden, nüchtern.“

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John Dillinger (Johnny Depp) war der erste Public Enemy Amerikas, der zur Zeit der großen Depression in den USA mit seiner Gang zahlreiche Banken überfiel. Das FBI und ihr strahlender Special Agent Melvin Purvis (Christian Bale) waren auf der Jagd nach ihm.

Die Videoästhetik der Bilder stellt sich als geringeres Übel heraus als erwartet. Es ist doch so, dass gerade der Gedanke ein Period Picture mithilfe moderner Kameratechnik zu filmen, um es, so zu sagen, in die heutige Zeit zu holen, sich als der innovativste Kniff dieses Gangsterepos herausstellt.

Die Atmosphäre stimmt, ja gerade die Handkamera, die so mutig ist, dem Zuschauer auch mal eine Form der Orientierung vorzuenthalten, z.B. bei den Ausbruchssequenzen, trägt ungemein dazu bei. Ja, auch das Bildrauschen, die späten Schärfen, all das hilft, das ist neu und das lässt einen auch ein wenig besser die epische Filmlänge „genießen“. Warum sich aber Kamera-Legende Dante Spinotti dazu entschloss einen unangenehmen Grad an Bewegungsunschärfe zu verwenden, ist mir ein Rätsel. Schwenks und schnelle Bewegungen sehen schecklich aus und bestehen nur aus einem unkenntlichen Brei aus Pixeln.

Dafür war die Tonmalerei, wieder Michael-Mann-typisch, hervorragend, die Schüsse lauter als alles andere und die Atmos authentisch und satt, vorallem in den Ausbruchsszenen wird dem Sounddesign ein beeindruckender Raum gegeben. Leider zerstört Mann diese Authenzität, sobald er auf Musik zurückgreift. Denn was sich in diesem Film Soundtrack schimpft ist das seelenloseste und austauchbarste, was ich seit langem hören musste. Zum Schock lese ich dann beim Abspann, dass der große Elliot Goldenthal das verzapft hat, traurig. Gerade der Einsatz der Musik ist verherrend, da man ihn vorhersehen kann.

Technisch überzeugt der Film also nur zur Hälfte. Ein gutes Kamerakonzept mit penetranter Bewegungsunschärfe und ein tolles Sounddesign mit miserabler Musik. Was hat der Film inhaltlich zu bieten? Ich erinnere mich gerne an „Heat“, der nicht nur technisch beeindruckend war, sondern auch inhaltlich. Leider kommt „Public Enemies“ da auch nicht heran.

Johnny Depp ist das beste, was der Film zu bieten hat. Obwohl es Mann nicht schafft der Figur genügend Tiefe zu geben, da er sich nur auf eine seichte Liebesgeschichte verlässt, gibt es Szenen, wo man merkt wie gut er spielt, wie man förmlich in seinem Gesicht lesen kann, was er fühlt. Erschreckend fällt da der Vergleich zu Christian Bale aus. Hier baut das Drehbuch schlicht Mist. Bales Figur bleibt flach, vor allem weil wir nichts über sie erfahren. Bales einzige Sätze beschrenken sich auf Sachen wie „Er ist da und da und du und du kommen mit mir“. Das könnte man ja noch verschmerzen, wenn es Michael Mann so angelegt hätte, dass es wirklich nur um Dillinger gehen würde und alle anderen nur als Randfiguren dienen. Dann hätte der Film aber auch auf die letzte Texteinblendung verzichten müssen. Es ist schon eine Frechheit einer Figur mithilfe eines unscheinbaren Satzes am Ende mehr Tiefe zu geben, als der Regisseur auf zweieinhalb Stunden zustande bringt. Vielleicht hätte der Regisseur Bale auch eine Anweisung mehr geben sollen außer „Du bist cool und fühlst dich überlegen und lächelst süffisant.“ Dieser Special Agent war anscheinend ein sehr verzweifelter Mann, vielleicht sogar interresanter als Dillinger. Davor hatte Michael Mann womöglich Angst, weil es seiner Outlaw-Ikone geschadet hätte.

Ich bin gespannt was die Regie-Legende als nächstes aus dem Hut zaubern wird. Sein „Public Enemies“ wirkt leider wie ein hohler Abklatsch von „Heat“, mit guten Schauspielern in schlechten Rollen. Hoffentlich hat sich sein Kino nicht schon selbst entleert im Rausch der Pixel.

Bewertung: 4/10 Sternen