Kritik: Sleep Tight (ES 2011)

„Zum ersten Mal habe ich einen Grund zu leben.“

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Spanien macht in den letzten Jahren vor allem durch Genrefilme von sich reden. Sogar in den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb schaffte es mit „Childish Games“ eine solche Produktion. Filme wie „Das Waisenhaus“ oder „[REC]“ zeigen deutlich wie sehr dieser Trend im Qualitätskino Fuß gefasst hat, besonders, wenn sogar der Großmeister des spanischen Kinos Pedro Almodóvar mit seinem letzten Film „Der Haut in der ich wohne“ einen waschechten Horrorthriller abgeliefert hat.

Jaume Balagueró ist nun auch kein unbeschriebenes Blatt. In Spanien ist er sogar ein bekannter Regisseur, der schon mit zahlreichen Filmen einen Ruf als Schreckensmann festigen konnte. Der Durchbruch kam dann endgültig mit dem, zusammen mit Paco Plaza inszenierten, Found-Footage-Horror „[REC]“, der sofort ein Hollywood-Remake und zwei Fortsetzungen nach sich zog. Mit einem solchen Erfolg im Rücken machte sich Balagueró auf sein Wunschprojekt „Sleep Tight“ zu realisieren.

Es geht um César (Luis Tosar), einem Concierge eines bürgerlichen Wohnhauses, dem es unmöglich ist glücklich zu sein. Er weiß nicht wofür es sich überhaupt lohnt morgens aufzustehen, doch es gibt Hoffnung. Die lebensfrohe Mieterin Clara (Marta Etura) ist ihm ein Dorn im Auge. Sie lächelt jeden Tag. César nimmt sich als Ziel das Lächeln aus ihrem Gesicht zu radieren.

Es gibt wahrscheinlich einfachere Rollen für einen Schauspieler. Luis Tosar gelingt es dennoch hervorragend das Wechselspiel von Sympathie und Abscheu zu spielen. Seine Figur ist ein böser Mensch, doch Tosar macht ihn menschlich, ja sogar sympathisch. Sobald er sein Ziel formuliert, nämlich die junge Frau unglücklich zu machen, wird es auch zum Ziel des Zuschauers, der ebenso wie César auf der Lauer liegt, ob Clara am nächsten Morgen immer noch lächeln wird oder nicht. Alberto Marinis Drehbuch ist so klug unseren „Helden“ nicht unverwundbar zu machen. Die meisten Antagonisten in Filmen strahlen bis kurz vor Schluss immer eine gewisse Überlegenheit aus, was es dem Publikum leichter macht ihn fallen sehen zu wollen. César ist dagegen schon ganz unten. Sein Chef schikaniert ihn, sein Beruf ist nicht geachtet und seine Mutter liegt im Krankenhaus. Zu einem gewissen Punkt könnte man sogar meinen er gebe das Unrecht, was die Welt auf ihn geladen hat, bloß weiter.

Höhepunkt dieser Identifikation mit César bildet eine lange Sequenz in der er versucht aus Claras Wohnung zu entkommen ohne von ihr und ihrem Freund gesehen zu werden. Eine bekannte Situation, die Balagueró dennoch zum möglichen Spannungshöhepunkt treibt, da er stets in Césars Perspektive bleibt und sich nicht ablenken lässt. Man drückt die Daumen und wünscht diesem „Helden“, dass er es schafft zu entkommen, ganz egal wie gemein er ist. „Sleep Tight“ beweist eindringlich, wie unwichtig dem Zuschauer Moral und Anstand sind. Jede Figur, egal wie schlecht sie ist, bleibt eine Projektion, die wir mit unseren eigenen Gefühlen aufladen. In Wirklichkeit sind wir es, die den Film durchleben, niemand sonst.

Das Drehbuch strukturiert seine Geschichte streng chronologisch. Wie in „Sieben“ bilden Wochentage den Rhythmus des Films, was Balagueró für einen gekonnten Schlussakkord verwendet, wobei man sagen muss, dass „Sleep Tight“ grundsätzlich keinen großen Schritt hinaus wagt. Die Identifikation mit César ist zwar sehr gut gelungen, aber ohnehin genreimmanent. Die Inszenierung bleibt reibungsarm. Besonders der seichte Soundtrack versucht zu kitten, was man gar nicht kitten bräuchte. So ein Film braucht Widerhaken, Momente in denen man hinaus geworfen wird, wo man eben nicht nur folgen kann. Doch darauf hat es der Regisseur abgesehen. Er hat sich ganz der Nachvollziehbarkeit verschrieben, weshalb er wahrscheinlich die dunkelsten Abgründe vermeidet. Betrachtet man Césars Versuche Clara das Leben schwer zu machen, so fällt auf, dass Balaguerós Inszenierung weitaus schärfer hätte sein können. Ein Schabenbefall in Claras Wohnung zum Beispiel wirkt hier eher komisch als beängstigend, was natürlich auch daran liegt, dass Clara auch vom Zuschauer nur als Versuchsobjekt betrachtet wird. Die emphatischen Genremomente vermisst man überwiegend.

Letztendlich bleibt „Sleep Tight“ nichts anderes übrig als seine größten Bomben am Ende zu zünden, die dafür umso mehr schmerzen. Dennoch ist Balagueró auch an diesem Zeitpunkt an Homogenität interessiert. Er will, dass der Zuschauer das Kino in der Gewissheit verlässt einen runden Film gesehen zu haben, dabei sind es doch die Ecken an denen man sich stoßen sollte.

Bewertung: 6/10 Sternen