"Stay" (USA 2005) Kritik – Mitternacht im Seelenleben von New York

„Ein eleganter Suizid ist das ultimative Kunstwerk.“

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Deutsche Regisseure sind in Amerika, oder auch Hollywood, recht spärlich gesät. Die ersten Namen, die heutzutage einfallen, wären wohl Roland Emmerich, der sich inzwischen zum Katastrophen-Guru gemausert hat und Amerika immer wieder auseinandernimmt, obwohl der Schwabe in seinen Filmen immer gerne amerikanischer wäre, als die Amerikaner selber. Dann gibt es Wolfgang Petersen, um den es inzwischen still geworden ist und der einst das Kriegs-Meisterwerk ‚Das Boot‘ inszenierte. In Amerika fand er diese Qualität aber auch nicht wieder und gerade das Remake ‚Poseidon‘ war ein schwerer Reinfall. Werner Herzog ist da ein ganz anderer Fall, denn der Meisterregisseur, der zu den wichtigsten Gesichtern der Nachkriegszeit zählt, konnte mit ‚Rescue Dawn‘ und ‚My Son, My Son, What Have Ye Done‘ auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten richtig hochwertige Ware abliefern. Ein ganz anderer Name wäre der Ulmer Marc Foster, der sich immer mehr zu einem der interessanten Nachkömmling aus Deutschland etablierte. Wo ‚Monster’s Ball‘ noch nicht ganz überzeugen konnte, wusste er mit seinem Oscar Beitrag ‚Wenn Träume fliegen lernen‘ den Funken überspringen zu lassen. 2005 konnte Foster mit ‚Stay‘ jedoch seinen bis dato besten Film abliefern.

Henry hat einen klaren Plan für das kommende Wochenende: Selbstmord. Und zwar genau um Mitternacht. Seinen neuen Psychiater Sam weiht er in sein Vorhaben ein, der weiß jedoch vorerst nicht, wie er damit umgehen soll und wie viel Wahrheit in die Aussage von Henry interpretieren kann. Irgendetwas muss er jedoch unternehmen und den depressiven Pessimisten von seinem schwerwiegenden Gedanken abbringen. Ein düsterer Trip durch New York und die eigene Seele beginnt, bei dem auch Sams Freundin, Lila, eine Rolle spielen wird.

Vergleichbar, aufgrund der ersten großen Verwirrung, ist ‚Stay‘ wohl am ehesten mit einem Film vom Vater des Surrealen David Lynch, der uns mit Filmen wie ‚Lost Highway‘ oder ‚Eraserhead‘ schon so manches Mal die Köpfe verdrehte. Wobei auch dieser Vergleich wohl etwas zu weit hergeholt erscheinen mag und man Lynchs Filme sowieso nicht vergleichen kann und ebenso wenig in eine gemeinsame Schublade stecken. Wenn Foster mit ‚Stay‘ irgendwo auf einer Höhe mit den Werken von Meister Lynch steht, dann bei der visuellen Klasse. Die ästhetischen Hochglanzaufnahmen von Roberto Schaefer sind so stilsicher fotografiert wurde und tragen einen verschleierten Charme mit sich, der das nächtliche New York wirklich wunderbar fühlbar macht. Auch die Schnitttechnik hätte jeden Filmpreis der Welt verdient, denn wenn Matt Chesse langsam Personen mit Außenwelt verschmelzen lässt, ist das einfach fantastisch, vor allem bleibt da die Szene in Erinnerung, in der Bob Hoskins Gesichter zur Hochauswand wird. Ganz große Kunst. Abgerundet wird das Ganze mit dem Soundtrack von Asche & Spencer, die auf leise und bedrohliche Klänge setzen und die finstere Atmosphäre perfekt abrunden.

Schauspielertechnisch ist das hier auch die aller erste Güteklasse. Angefangen mit Ewan McGregor („Der Ghostwriter“), der hier mal so richtig zeigt was er auf dem Kasten hat und seinem Psychiater Dr. Sam Foster nicht nur mit Tiefe füllt, sondern auch die emotionalen Zwischentöne vollkommen beherrscht. Mit Sicherheit ist diese Rolle eine von McGregor anspruchsvollsten, die aber mit seinem ganzen Können meistert. Neben ihm ist es die australische Charakterdarstellerin Naomi Watts („Tödliche Versprechen“) als Freundin Lila, die eine schwere Vergangenheit hinter sich hat und Sam auch in seiner Freizeit fordert. Auch Watts, obwohl sie viel zu wenige Szenen zugesprochen bekam, kann wie gewohnt in jeder Szene vollends überzeugen. Das wahre Highlight des erstklassigen Cast ist jedoch Ryan Gosling („Drive“) als selbstmordgefährdeter Henry. Gosling ruft ein derartig intensives Spiel aus Mimik und unaufdringlicher Gestik auf, welches allen anderen Darstellern immer wieder die Show stiehlt. Auch in der Nebenrolle ist Bob Hoskins („Snow White and the Huntsman“) als blinder Dr. Leon Patterson zu sehen.

Schicksal oder Zufall? Unsere Hauptfigur Dr. Sam Foster, der uns auch die Geschichte des Films offenbart, ist Psychiater. Eigentlich ist der depressive Henry Letham gar nicht sein eigener Patient, doch weil seine Kollegin Beth erkrankt ist, nimmt er sich dem Fall an, ohne zu wissen, mit welchem schwerem Kaliber er es zu tun bekommen wird. Henry ist ein unscheinbarer, dünner Mann, mit dunklen Haaren und hegt einen furchtbaren Gedanken. An seinem 21. Geburtstag will er sich das Leben nehmen und obwohl Sam dem jungen Mann zu Anfang nicht glauben will, erscheint die Situation doch mysteriöser als gedacht, vor allem, nachdem Henry auch noch einen Hagelschauer vorhersagt, der aus heiterem Himmel entsteht. Seine Frau Lila, eine Künstlerin, die sich auch vor einiger Zeit umbringen will, lässt Sam weiter über seinen neuen Patienten nachdenken. Sam will etwas ändern, will den kommenden Suizid stoppen, doch es scheint so, dass alles zwecklos wäre und er immer weiter in einen unerklärlichen Sog gezogen wird, in dem er es mit Personen zu tun bekommt, die es entweder gar nicht gibt, oder längst verstorben sind. Sam muss wissen, wo er steht und darf sich nicht verlieren, doch hier wird es nie ein Ende geben, denn das Ende steht für den Beginn und andersrum ebenso.

„Schlechte Kunst ist tragischerweise schöner als gute Kunst, weil es menschliches Versagen dokumentiert.“

Fosters dritte Regiearbeit ist neben der optischen Vortrefflichkeit ein bedrohlicher Trip durch das Nachtleben von New York, festgehalten in einigen der düstersten Einstellungen der Stadt. ‚Stay‘ ist jedoch nicht nur eine Reise durch die Weltstadt, sondern auch eine abgründige Reise durch jeden der Charaktere, die sich in einer flackernden Illusion aus Realität und verwirrender Fälschung wiederfinden. Foster inszeniert einen Psycho-Thriller und verpackt ihn im Mantel eines schweren Charakter-Dramas, welches nicht nur immer wieder ein großes, pochendes Fragezeichen über den Zuschauer heraufbeschwört, sondern auch mit der Tragik der Personen, allein die Szene, in der Henry weinend in der Stripbar sitzt, überzeugt. Ein verwirrend und finsterer Ausflug durch die Gefühls- und Zustandsebenen, der dabei immer in neue Sphären eintaucht und weder Anfang noch Ende besitzt. Alles steht hier für einen Start und ebenso für den Schlusspunkt. Foster lässt Interpretationsfreiraum und will keine Antworten geben, weil sie in diesem Fall unnötig sind. ‚Stay‘ ist ein verworrener, aber dennoch in sich logischer Film, der die Einbildungen verknüpft und zwischen Traum und Tatsachen umherspringt. Mal mit Aha-Effekt, mal zutiefst pessimistisch und schwer zynisch, aber immer dramatisch und bedrückend. Eine plausible Geschichte, umhüllt vom Schleier der Undurchdringlichkeit, die sowohl schmerzt, als auch mit ihrer ganzen Intensivität mitreißt.

Fazit: Ein visuelles Meisterwerk, brillant gespielt, mit tollem Drehbuch und der grandiose Inszenierung von Foster machen ‚Stay‘ aus. Hier wird man mit menschlichen Abgründen, unerklärbaren Vorfällen und echte Gefühlen konfrontiert, die nicht immer schön sind, aber dafür umso spürbarer. ‚Stay‘ ist ein Film, den man beim ersten Mal nicht verstehen kann und nicht verstehen will, vor allem nicht, wenn man es auf Biegen und Brechen erzwingen will, doch mit der Zeit öffnet sich die Schale und der Blick in das Innenleben wird etwas einzigartiges, welchen man immer und immer wieder riskieren will.

Bewertung: 9/10 Sternen