Kritik: The Music Never Stopped (USA 2011)

„Sie wissen doch wie das ist, wenn man einen Song hört durch den man in eine andere Zeit versetzt wird.“

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Musik ist wahrscheinlich die einzige Kunstform mit der jeder etwas anfangen kann oder um es wie David Carradine in „Kill Bill“ zu sagen: „Everyone likes music.“ Wahrscheinlich könnte jeder ein Medium nennen auf das er bereitwillig verzichten könnte. Musik wäre wohl nie darunter. Das Kino wollte schon immer etwas von dieser Liebe abhaben. Schon zu Beginn wurden Stummfilme durch Live-Musik erträglicher gemacht. Später im Tonfilm verschmolz beides endgültig miteinander und das Musical-Genre scheint den absoluten Gipfel darzustellen.

Kino-Debütant Jim Kohlberg weicht diesem Gipfel wissentlich aus. „The Music Never Stopped“ ist ein Liebeserklärung an die Musik wie jedes Musical auch, doch nicht im Sinne der Form, sondern des Inhalts. Erzählt wird die Geschichte von Henry (J.K. Simmons), dessen Sohn Gabriel (Lou Taylor Pucci) vor Jahren verschwand und nun aufgrund einer Operation zurückgekehrt ist. Gabriel hat einen Gehirntumor, der ihm erfolgreich entfernt wird, doch sein Kurzzeitgedächtnis erleidet irreparable Schäden. Er kann sich nur noch an Ereignisse, speziell der Musik, aus der Vergangenheit erinnern, an die Flower-Power-Zeit als er und sein Vater sich immer häufiger stritten, bis es zum Bruch kam.

Kohlbergs Film basiert auf einem wahren Fall, den der Autor des zugrundeliegenden Buches untersucht hat. Gabriel im Film ist es fast unmöglich nach der Operation mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Sein Vater engagiert eine Musiktherapeutin, die entdeckt, dass sich der Sohn öffnet sobald er Musik hört, die ihn damals berührte. Der Film erzählt anhand bestimmter Songs die Familiengeschichte nach und springt immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Letztendlich geht es um einen simplen Generationenkonflikt, das Aufbegehren gegen den Vater und die spätere Zusammenführung. Scheinbar unüberwindbare Konflikte, die durch die Kraft der Musik, oder eher unserer Projektion von Musik, aufgelöst werden. Die Schauspieler wie auch das Drehbuch sind ständig damit beschäftigt uns zu erklären warum die und die Musik so hervorragend ist. Teilweise fühlt sich „The Music Never Stopped“ wie Musikunterricht an.

Hält man sich vor Augen, dass diese Geschichte so ähnlich passiert ist, bleibt sie etwas besonderes, doch ehrlich gesagt ist es für einen Spielfilm ziemlich unerheblich, ob er auf einer wahren Begebenheit beruht oder nicht. Wenn der Film läuft, denkt darüber niemand mehr nach. Vollkommen nackt betrachtet geht es leider wirklich nur um die altbekannte Geschichte zwischen Vater und Sohn, was sich umso stärker zeigt, sobald die Mutter und die Musiktherapeutin in der zweiten Filmhälfte kaum noch auftauchen. Damit ist auch das Interesse am realen Fall reine Pose. Kohlberg übt sich dagegen in Gefühlskino, orchestriert die Tränen seiner Zuschauer wie Musik. Wenigstens bekommen die Schauspieler etwas zu tun. Dabei ist es wirklich schön, J.K. Simmons mal in einer großen Rolle zu erleben und ihn nicht nur auf der Tribüne der Supporting Actors zu erspähen.

Ich frage mich dennoch immer öfter, was das Problem mit solchen Filmen wie „The Music Never Stopped“ ist. Sie sind handwerklich makellos und machen wahrscheinlich auch jeden Abschlussjahrgang einer Filmhochschule stolz, trotzdem wirken diese Filme immer etwas billig auf mich. Was nützen tolle Schauspieler und großes Handwerk, wenn sie nur für ein paar Liter Tränen eingesetzt werden? Umso ärgerlicher ist es doch, dass die meisten dieser Tränen zum Schluss wieder getrocknet sind, da der Film ja immer mit einem leicht tragischen Happy-End schließen muss. Das ist die Formel. Doch was will uns Kohlberg zum Schluss überhaupt sagen? Dass Musik großartig ist? Das wissen doch schon alle. Jeder mag Musik.

Bewertung: 4/10 Sternen