"The Purge 2 – Anarchy" (USA 2014) Kritik – Straßen in Flammen

Autor: Pascal Reis

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„It’s late. You need to leave.“

Nachdem James DeMonaco mit seinem Home-Invasion-Thriller „The Purge – Die Säuberung“ einen doch recht ansehnlichen Erfolg feiern konnte (der Film spülte fast das Dreißigfache seines 3 Millionen Dollar Budgets in die Kassen), war es, wie es der Trend nun einmal verlangt, nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Fortsetzung in den Kinos breitmachen durfte. Dass „The Purge – Die Säuberung“ aber alles andere als ein guter Film war, lässt sich mit Leichtigkeit attestieren, ging dem Drehbuch, dessen Prämisse natürlich Humbug der Extraklasse ist, jede Gesellschaftskritik mit satirischem Einschlag daran verloren, dass sich die Produktion ihrer schieren Blödheit nicht bewusst gewesen war und mit befremdlicher Ernsthaftigkeit sein „12-Stunden-Gesetzlosigkeit“-Dekret (an dem jedes hierarchische System in Windeseile komplett zerbrechen würde!) auf engem Raum feierte. Eine solche Grundlage funktioniert nicht in dieser (pseudo-)kritischen Kontextualisierung, dafür aber wohl als Plattform für exploitativen Nonsens. Aber hat DeMonaco aus seinen Fehlern gelernt?

Man ist geneigt diese Frage zu verneinen: Auch „The Purge 2 – Anarchy“ projiziert seine gesellschaftskritische Botschaft in einem Radius, den in dieser marktschreierischen Plakative auch Uwe Boll mit verschiedenen Werken abdeckt, mit dem Unterschied, dass Boll darüber hinaus eine viel verwerfliche Tonalität pflegt, stärkere handwerkliche Defizite aufweist und seinen Streifen immerzu eine von sinnstiftender Relevanz gezeichnete Tiefsinnigkeit anhefte. „The Purge 2 – Anarchy“ hingegen ist wiederum nur doof, aber nicht wirklich ärgerlich, gerade weil ein Großteils des Films mit Action-Sequenzen aufwartet, die zwar nie sonderlich innovativ in Szene gesetzt wurden und einen gewissen Retorten-Charakter besitzen, für das grenzdebilen Säuberungsgesetz der „neuen Gründerväter“ aber einen in ihrer linearen Härte solide visualisierten Ausdruck bedeuten. Zum reinrassigen Exploiter will sich „The Purge 2 – Anarchy“ aber (leider) nicht herunterbrechen lassen, dabei hätte eine simple Genre-Reduktion, klar auf die Ausmaße des urbanen Schrecken fokussiert, sicher eine größere, in ihrem Zynismus gleichwohl unterhaltsamere Wirkung gehabt.

„The Purge 2 – Anarchy“ will nicht einfach nur auf gesellschaftliche Misstöne aufmerksam machen – Subtilität war ja schon für Teil 1 ein nicht zu dechiffrierendes Fremdwort – er reibt dem Zuschauer die Brennpunkte so richtig penetrant unter die Nase: Die Arbeitslosigkeit (die doch eh schon einem utopischen Gedanken gleich auf das Minimum geschrumpft ist, also warum weiter purgen? Oder ist „The Purge 2 – Anarchy“ gar eine Parabel auf den menschlichen Drang nach dem Erreichen eines abstrusen Perfektionismus?), wie die harsche Kluft zwischen Arm und Reich, werden dem gutsituierten Bevölkerungsteil doch freiwillige Opfer Freihaus geschickt, natürlich nur gegen eine üppige Entlohnung für die Familien – Wenn es denn noch eine geben sollte nach den zwölf Stunden. Über die Ansätze dieser Schlagwort-Problematiken kommt das Drehbuch selbstredend nicht hinaus, genau wie die Figuren (ein zankendes Paar, ein Vater auf Rachefeldzug und ein Mutter-Tochter-Doppel) absolute Stereotypen sind, denen weder „The Purge 2 – Anarchy“ noch der Zuschauer irgendwie Interesse entgegenbringen kann.

In dem von einer ungemein transparenten Dramaturgie signierten Handlungsgeflecht darf sich nun auch eine in schierer Lächerlichkeit ihrer Ambitionen kulminierende Rebellenorigination (ihr Anführer wird gespielt von Michael K. Williams) die Ehre geben, die das Gesetz in die Knie zwingen wollen, in dem sie die passionierten Purger, äh…purgen. Joa. Und das ist auch der Lösungsansatz der gesamten Bredouille, an den sich „The Purge 2 – Anarchy“ hängt, während ein grässliches Gelächter durch die Häuserschluchten schallt, lange Schatten auf dem kalten Asphalt klatschen und die anarchische Gewalt orgiastisch (und ebenso unreflektiert, wie alles eben) zelebriert wird, bis der generische, mechanisch-plärrende Score das Geschehen alles platt gewalzt hat und pathetische Töne aufgegriffen werden. Die Sadisten, die Patrioten, die Fundamentalisten und die Anti-Bewegung dürfen die Macheten und die Gewehre wieder im Schrank versperren und dem Job im Supermarkt, im Büro oder im Discounter nachgehen, vielleicht auch als neuer Geschäftsführer. Bis die Sirene erneut ertönt…Ächz.