"Transcendence" (USA, UK, CHN 2014) Kritik – Ein virtueller Johnny Depp macht noch keinen guten Film

Autor: Stefan Geisler

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„Shut it down!“

Der Geist in der Maschine: Bereits hundertfach wurde das Thema der künstlichen Intelligenz schon in Literatur und Film aufgegriffen und wird je nach Auslegung entweder zur größten Gefahr für die Menschheit („Terminator“) oder zum treuen und aufopferungsvollen Gefährten in der Not (C3PO). Was passiert aber, wenn ein Mensch versucht, seinen eigenen Geist in eine Maschine zu transferieren? Ist es überhaupt möglich einen menschlichen Geist in Daten zu verpacken und – viel wichtiger – würden wir dann überhaupt noch dieselbe Person sein? Diesen Fragen geht der ehemalige Kameramann Wally Pfister, der schon bei den Großen Hollywoods (Christopher Nolan) unter Vertrag stand, in seinem Regie-Debüt „Transcendence“ nach. Auch wenn das Ganze zumindest auf dem Papier interessant klingen mag und mit den Schauspielern wie Johnny Depp, Morgan Freeman und Rebecca Hall zudem noch ausnehmend gut besetzt ist, erweist sich Wally Pfisters Sci-Fi-Drama „Transcendence“ als Totalausfall. Das größte Problem liegt zweifelsohne in dem hanebüchenen Drehbuch von Schreiberneuling Jack Paglen, das größere Lücken aufweist als das Sicherheitssystem von Windows 8.

Dr. Will Caster (Johnny Depp) ist eine Koryphäe in seinem Gebiet. Stetig führt er die Entwicklung künstlicher Intelligenz voran. Ihm ist es nicht nur gelungen einen Computer mit eigenem Bewusstsein auszustatten, sondern auch den Verstand eines Affen in einen Computer zu übertragen. Während Caster von der Mehrheit gefeiert wird, steht die Extremistengruppe R.I.F.T. der voranschreitenden Technisierung kritisch gegenüber und versucht mit gezielten Anschlägen dem Techno-Wahn Einhalt zu gebieten. Auch Will Caster gerät in den Fokus dieser fragwürdigen Gruppierung und wird Opfer eines Anschlags. Um sein Leben zu retten, beschließt Will Casters Ehefrau Evelyn (Rebecca Hall) den Verstand ihres Mannes in einen Computer zu übertragen…

Johnny Depp ist satt. Die Zeiten in denen sich der zweifache „Sexiest Man Alive“ (2003 & 2009) noch schauspielerische Herausforderungen gesucht hat, sind lange vorbei. Inzwischen beschränkt sich sein Repertoire auf zwei Rollen: Das introvertierte Superhirn (Brille) oder den cartoonesque überzeichneten Sonderling (keine Brille). In seltenen Fällen können sich beide Rollen auch mal überschneiden, so wie beispielsweise in „Sleepy Hollow“. Auch in „Transcendence“ reißt sich Johnny Depp kein Bein aus, um die ausnehmend hohe Gage von 20 Millionen US-Dollar, knapp 20% des gesamten Produktionsbudgets, irgendwie zu rechtfertigen. Schlimmer noch, denn über die Hälfte des Films ist der Schauspieler nicht einmal körperlich anwesend, sondern tritt lediglich in animierter Gestalt in Erscheinung. In der restlichen Zeit von „Transcendence“ bietet uns Depp dieselbe Performance, die man schon so oft von ihm erleben durfte: Der unterkühlte Brainiac, der sich mehr für seine Arbeit, als für seine Mitmenschen interessiert, wird einschläfernd routiniert von Tim Burtons Darling heruntergespielt.

Aber warum Depp hier einen Vorwurf machen? Das eigentliche Problem liegt nicht im lustlos auftretenden Ensemble, sondern in dem haarsträubenden Drehbuch vom Autoren-Newcomer Jack Paglen. Neben den lediglich schablonenhaft angelegten Charakteren und den vielfachen Ungenauigkeiten in der Filmzeit, so werden unnötige Zeitsprünge in den Film eingebaut, während andere Ereignisse, beispielsweise der Bau einer riesigen Forschungsanlage, quasi über Nacht vonstattengehen, dürfte das größte Problem des Drehbuchs sein, dass es den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. „Transcendence“ wäre gerne clevere und spannungsgeladene Sci-Fi-Unterhaltung, bei der der Zuschauer gemeinsam mit den Protagonisten um das Ende der bestehenden Weltordnung bangen muss. Doch allzu oft herrscht ein offensichtlicher Widerspruch zwischen Wort und Bild. So wird beispielsweise mehrfach unmissverständlich klargemacht, dass sich die Cyber-Version des Dr. Will Caster in eine weltweite Bedrohung verwandeln könnte, der besser früher als später Einhalt geboten werden muss. Leider bleibt diese „Gefahr“ aber den ganzen Film über bloße Behauptung, denn die Maßnahmen die gegen Techno-Casters Cyborg-Armee getroffen werden, lassen nicht gerade darauf schließen, dass auch nur irgendjemand diese Krise mit dem nötigen Ernst behandeln würde. Wenn dann letztlich eine immerhin zehn Mann (!) starke Kampftruppe zum finalen Angriff gegen den virtuellen Wunderdoktor bläst, ist das Ungleichgewicht perfekt und der Zuschauer mit der Geduld am Ende. Ein bisschen mehr Bombast an der richtigen Stelle hatte „Transcendence“ wirklich gut getan.

Fazit: Wirre Handlung, lustlose Schauspieler und fehlende Spannung: Trotz prominenter Besetzung kann Wally Pfisters Regie-Debüt „Transcendence“ zu keinem Zeitpunkt überzeugen.