"Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen 2" (USA 2013) Kritik – Angriff der Lebensmittel-Tierchen

Autor: Stefan Geisler

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„This is enough to make a grown man cry. There you go tear.“

Mit „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“ konnte das 2002 gegründete Animationsstudio Sony Pictures Animation nach den eher durchschnittlichen Animationsfilmen „Jagdfieber“ und „König der Wellen“ ein erstes Ausrufezeichen setzen, denn das durchgeknallte Abenteuer um den verrückten Junior-Wissenschaftler Flint Lockwood markierte den bis dato größten Erfolg des Animationsstudios an den Kinokassen. Doch auch in Sachen Animationsstil konnte man sich bei Sony Pictures Animation endlich eine eigene Handschrift zulegen, denn die hysterisch-lonneytuneske Figurenzeichnung, die in „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“ zum ersten Mal zum Einsatz kam, ist inzwischen ein Markenzeichen des Studios geworden. Wen wundert es da noch, dass man nun vier Jahre nach dem ersten Teil Flint Lockwood erneut auf eine abgefahrene Mission schickt. Mag „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen 2“ in den ersten Minuten noch wie eine homogene Fortsetzung des Animationsspektakels von Phil Lord und Chris Miller wirken, entpuppt sich der Film bald als biedere Genrekost, die den Anarcho-Charme des Vorgängers fast vollständig vermissen lässt.

Zwar hat Flint mit der Hilfe seiner Freunde seine außer Kontrolle geratenen Maschine FLDSMDFR (Sprich: Flitzem-deför), die Wasser in Essen verwandeln konnte, erfolgreich den Garaus gemacht, doch das Abenteuer ist für die Bande vom Affenfels noch lange nicht zu Ende. Eigentlich sollten sich Wissenschaftler der Organisation LIVE unter der Führung des abgehobenen Gurus Chester V daran machen, Affenfels von den Lebensmittel-Überresten zu säubern, doch auf mysteriöse Weise verschwindet ein Forschertrupp nach dem anderen. Als letzte Option sendet LIVE den ortskundigen Flint auf die Insel, der sich in Begleitung seiner Freunde auf den Weg begibt, um herauszufinden, was auf der Insel eigentlich vor sich geht…

Einfallsreich ist sie ja, die essbare Kreaturenwelt, die in „Wolkig auf Fleischbällchen 2“ auf den Zuschauer losgelassen wird. Egal ob Schrimpansen, Melofanten, Flamangos, U-Brote, Frittantulas oder sprechende Gurken, die Lebensmittel-Tierchen erweisen sich zumeist als zuckersüße Zeitgenossen, die man direkt ins Herz schließt. Und so gestaltet sich zumindest die Entdeckungsreise durch die überwucherten Ruinen von Affenfels als amüsantes Vergnügen, zumal es hier auch die ein oder andere Film-Referenz zu entdecken gilt, was besonders das erwachsene Publikum erfreuen dürfte.

Wenn die Geschichte rund um das perfide Vorhaben des verschlagenen Wissenschaftlers Chester V wenigstens nur ansatzweise die Originalität der Lebensmittel-Tierchen aufweisen könnte, hätte „Wolkig auf Fleischbällchen 2“ ein richtig guter Film werden können. Doch mit dem glatzköpfigen Westenträger Chester V wird dem Zuschauer ein 08/15-Bösewicht vorgesetzt, der bereits ab der ersten Sekunde den Schriftzug „EVIL“ auf seiner Neon-Weste spazieren trägt. So wird dessen Enttarnung als profitgieriger Fiesling, der die Lebensmittel-Fauna auf Affenfels zu seinem eigenen Wohl ausbeuten will, wirklich niemanden mehr überraschen, zumal dieser bereits im Vorfeld in einigen Szenen sein grundböses Wesen offenlegt.

Selbst wenn man über die offensichtlichen Probleme der Spannungskurve hinwegsehen kann, hat man noch einige andere Stolpersteine im Filmvergnügen zu verdauen. Neben der Vielzahl an abgenutzten Moral-Klischees, die hier bedient werden (natürlich siegt im Endeffekt der Wert der Freundschaft/Familie über die Kraft des schurkischen Einzelgängers), stößt einem besonders die Doppelmoral unangenehm auf. Denn während auf der einen Seite Massentierhaltung und die Verarbeitung der Lebensmittel-Tiere zu Nahrungsmitteln angeprangert werden, da sich diese als liebende, lebende Wesen entpuppen, die über Gefühle verfügen, scheuen sich Flint und seine Freunde auf der einen Seite nicht davor, mit Freuden die Angel ins Wasser zu halten, oder auch mal ein paar saftige Burger zu verdrücken. Man kann nicht Vegetarismus predigen und gleichzeitig Burger essen. Wer also eine solch schwierige Thematik in den Mittelpunkt eines Kinderfilms stellt, sollte wenigstens so konsequent sein und diese Punkte nicht nur in Bezug auf die zuckersüßen Schmuse-Tierchen geltend machen.

Fazit: Flint und seine Freunde sind zurück, doch leider geht dem verrückten Treiben viel zu schnell die Luft aus. War der erste Teil ein herrlich abgedrehter Anarcho-Spaß, bei dem man nie wusste, was als nächstes passieren wird, verläuft Cody Camerons („Jagdfieber 3“) und Kris Pearns „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen 2“ nach genreüblichen Spielregeln. Spaß machen lediglich die verrückten Charaktere, von denen auch in der Fortsetzung jeder seinen großen Moment hat und die Entdeckungsreise durch die knallbunte Lebensmittel-Welt.

P.S.: Wer die Möglichkeit hat, sollte sich den Film unbedingt im OV anschauen, da man mit Cindy aus Marzahn (Barb) und der ehemaligen Joko&Klaas-Assistentin Palina Rojinski (Sam Sparks) zwei Synchronsprecherinnen für große Rollen angeheuert hat, die der Synchronisationskabine lieber fern geblieben wären und es sogar schaffen, durch ihre miserable Arbeit, etlichen Szenen komplett den Witz zu rauben.