Kritik: Außer Atem (FR 1960) – Wo Paris, der Existenzialismus und die Nouvelle Vague vereint sind

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Nach was streben Sie in Ihrem Leben am meisten? – Nach Unsterblichkeit. Unsterblich werden und dann sterben.

Was ist Liebe…? Eine Illusion? Ein nicht endender Dialog? Eine Strafe?

Mit seinem ersten Werk in Spielfilmlänge schrieb Jean-Luc Godard 1960 Filmgeschichte. Seine Erzähltechnik mit Hilfe der Jump Cuts garantiert ein bis heute nur selten dagewesenes Tempo. Keine Sekunde scheint zu langweilen, kein Dialog überflüssig. Was allerdings wäre „À bout de souffle“ ohne den um sein Leben spielenden Jean-Paul Belmondo und ohne Jean Seberg, die einen Charme und eine Präsenz an den Tag legen, welches ich bis heute kaum in dieser Ausprägung erlebt habe?

Jean-Luc Godard liefert uns natürlich mehr als genug Gründe, warum man den Film auch hassen könnte. Erzählt „À bout de souffle“ nur eine gewöhnliche Story, die sich hinter ihrer Fassade aus Style versteckt? Ich könnte diese Kritik nachvollziehen. Für mich jedoch hat Jean-Luc Godard, der mit diesem Film in seine Karriere als einer der bedeutsamsten Filmemacher aller Zeiten startet, einen der unvergesslichsten Filme aller Zeiten geschaffen, welcher erst im Detail seine Stärken ausspielt.

Michel Poiccard (Jean-Paul Belmondo) klaut in Südfrankreich ein Auto, gerät daraufhin in einen Schusswechsel und wird von der Polizei in ganz Frankreich gesucht. Auf der Flucht erschießt er einen Polizisten und flieht ausgerechnet in die menschenüberfüllteste Stadt Frankreichs, in die Stadt der Liebe, um seine weibliche Bekanntschaft Patricia (Jean Seberg) zu überreden, mit ihm nach Rom zu zu fliehen.

Mehr als ein Viertel dieser Geschichte spielt in einem Hotelzimmer in Paris. Für die einen mag der dort stattfindende Dialog unsinnig und einschläfernd erscheinen. Ich zähle ihn zu den Besten, die ich jemals mitverfolgen durfte. Die Chemie zwischen den beiden Protagonisten, die Art und Weise, wie sie aneinander vorbeireden – sie auf der Suche nach dem Beweis, dass sie ihn liebt und er möchte sie überzeugen, mit ihm nach Rom zu reisen, da er ein gesuchter Polizistenmörder ist, was sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiss.

Jean-Luc Godards Inszenierung ist atemberaubend. Ich kann mich nur wiederholen. Das Einfangen der Atmosphäre der Pariser Straßen und der Szenen im Hotelzimmer, begleitet von wunderschönen Jazz-Melodien, ist eine Meisterleistung. Kamera- und schauspieltechnisch revolutionierte Jean-Luc Godard damit das Kino und inspirierte Generationen von Filmschaffenden. Er bietet viel Stoff zum Nachdenken, lässt viel Spielraum zum Interpretieren und vor allem sind seine Figuren, trotz ihrer überspitzen Charakterisierung, so unfassbar menschlich, so dass ich Patricia und Michel ab dem ersten Augenblick lieb gewonnen habe.

Dazu bekommt man noch einen Gastauftritt vom Meisterregisseur Jean-Pierre Melville, der hier unglaublich amüsant und spannend über Liebe und Erotik philosophiert. Zwei Irisblenden, eine gleich zu Beginn, machen das ganze Werk noch persönlicher und schaffen die perfekte Verbindung zwischen den Figuren und dem Zuschauer.

Ausser Atem ist von Anfang bis Ende Anti-Kino in seiner höchsten Vollkommenheit, zwischen Kunst, Spontanität und Perfektion. Ein nicht sofort einfach zu greifendes Meisterwerk sondergleichen, welches man ab dem ersten Augenblick hasst oder liebt. Ich persönlich habe darin meinen liebsten Godard entdeckt, der hier mit dem Thema Liebe ebenso destruktiv wie liebenswert hantiert, Erzählkonventionen über Bord wirft und sich vollkommen der narzisstischen Welt widmet, in der Träume und die Liebe ebenso erreichbar wie zum Scheitern verurteilt sind. Vielen Dank Monsieur Godard für diesen Einblick, welcher mir immer wieder aufs Neue in Erinnerung ruft, warum ich Kino so sehr liebe.

Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig.

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