Kritik: Der Chef (FR 1972) – Der letzte Melville neu auf Blu-ray

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Finden Sie das anständig? Die Schwächen fremder Menschen auszunutzen und sie zu bestehlen?

Irgendwann kommt für jeden die Zeit der Trennung. Leider fragt das Schicksal dabei niemanden, ob man mit dieser Trennung einverstanden ist oder nicht. Aber wer würde diese Frage schon mit „Ja“ beantworten? Vor allem, wenn es um das geniale Duo Jean-Pierre Melville und Alain Delon geht? Niemand. Zwei Jahre nach dem Krimimeisterwerk Vier im roten Kreis erleben wir 1972 mit Der Chef die letzte Zusammenarbeit der französischen Legenden. Melville inszeniert einen gewohnt hochspannenden Krimi mit einem verboten coolen Alain Delon in der Hauptrolle.

Wie von einem Film von Jean-Pierre Melville gewohnt, ist Der Chef optisch perfekt: Trostlose und frostige Bilder mit feinem Blauton unterstrichen und perfekt von Kameramann Walter Wottitz festgehalten. Wottitz kommt ohne jeden Schnickschnack aus und fängt die Pariser Unterwelt voller Verbrechen in melancholischen und gleichermaßen eleganten Aufnahmen ein. Der Soundtrack von Michel Colombier ist ebenfalls grandios und untermalt die eisigen Bilder perfekt. Die Atmosphäre ist vielleicht nicht ganz so dicht wie in Vier im roten Kreis, doch in jedem Fall ab der ersten Sekunde packend.

Mit Alain Delon in der Hauptrolle hat Melville schon lange vor Der Chef die Idealbesetzung für seine Filme gefunden. Doch als Kommissar Edouard Coleman spielt dieser hier nun zum ersten Mal keinen Verbrecher, verändert den Charakter aber dennoch kaum. Mit weniger Worten und der perfekten Mimik und Gestik erzählt er dem Zuschauer mit seinen Blicken alles. Richard Crenna als Nachtclubbesitzer und Gangster Simon kann da schaupielerisch nicht ganz mithalten, kriegt aber auch nicht die Zeit für Entfaltungen wie Alain Delon. Gleiches gilt auch für Catharine Deneuve als Cathy und Frau zwischen den Fronten, was aber auch an der Screentime liegt.

Kommissar Coleman ist kein Mann der großen Worte. Vielmehr lässt er Taten sprechen. Auf lange Diskussionen lässt er sich erst gar nicht ein und lässt auch mal die Fäuste sprechen. Nach dem Überfall auf eine Bank in einer Provinzstadt hat Coleman bereits direkt einen Verdacht auf den Leiter dieses Überfalls: Sein Freund Simon, ein freundlicher Nachtclubbesitzer. Doch leider fehlen ihm die Beweise, um Simon hochgehen zu lassen. Er setzt einen Spitzel ein, doch der Plan geht nicht auf und die Gangsterbande schafft es einen Zug voller Drogen auszurauben. Dazu kommt noch das elendige Problem mit der Liebe. Simon und Coleman lieben beide Cathy. Simon hat nach seinem Zugüberfall längst seine Flucht mit Cathy geplant, doch Coleman klebt Simon schon an den Fersen.

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Einen Film von Jean-Pierre Melville erkennt man meistens auf den ersten Blick: Die düsteren Bilder, die finsteren Männer und die bis ins kleinste Detail perfekte Inszenierung. Dass Melville mal wieder ganz besonderen Wert auf die Inszenierung legt, wird bei den beiden Überfällen deutlich. Den ersten gibt es gleich zu Anfang des Films. Eine Bank wird ohne Probleme ausgenommen und die Bande marschiert ganz entspannt aus der Bank. Der zweite Überfall, bei dem Simon und Co mit Hilfe eines Helikopters einen Zug in Richtung Lissabon ausnehmen, ist noch beeindruckender. Melville hält die Perspektive auf die Details, ohne Unterbrechen wird uns jede Kleinigkeit der durchdachten Vorgänge geschildert. Die Genialität vom Einbruch auf einen Nobeljuwelier in Vier im roten Kreis wird trotzdem nicht ganz erreicht.

Eine wirkliche Charakterisierung erfolgt zudem ebenfalls nicht. Melville legt den klaren Schwerpunkt auf die Inszenierung, das heißt aber nicht, dass die Figuren flach oder oberflächlich sind. Unser Kommissar Edouard Coleman ist ein Profi und gleichermaßen skrupellos im Umgang. Genau wie die Gangster auf der anderen Seite. Coleman ist abgebrührt und unterkühlt, genau wie die Menschen die er jagt. Der Unterschied zwischen Coleman und den anderen ist eben der, dass er auf der richtigen Seite des Gesetzes steht. Ausgerechnet seinen guten Freund Simon muss Coleman dieses Mal irgendwie Schnappen. Ein Freund, mit dem er sich auch noch die Frau teilt. Das weiß Simon, von Anfang an hat er es gewusst, anmerken lässt er sich jedoch nichts. Beide behandeln sich mit dem nötigen Respekt, doch die Freundschaft muss in machen Situation ausgeblendet werden. Gerade in den Momenten, in denen die Trennlinien zwischen Gut und Böse deutlich werden. Es gibt diese Augenblicke im Leben, in denen Freundschaft nichts bedeuten darf. Momente, in denen man handelt, weil man es einfach muss. Doch am Ende siegt wie immer der innere Schmerz.

Melville verabschiedet uns mit der Routine der Polizeiarbeit. Nach einem der schwersten Schritte im Leben von Coleman steht schon der nächste Fall an. Man muss weitermachen. Immer und immer wieder. Die Kamera zeigt dabei nur noch Colemans Gesicht und man sieht in seinen Augen die ganze Zerrissenheit seiner Lage. Drei sind immer einer zu viel und doch steht man am Ende immer alleine da.

Der Chef kann zwar nicht mit der grandiosen Kompaktheit aus Charakteren und Story aus Melvilles bisherigem Schaffen, darunter auch Meisterwerke wie Der eiskalte Engel (1967), auffahren, unterhält aber über seine gut 100 Minuten trotzdem auf allerhöchstem Niveau. Längen bei Melville sowieso ein Fremdwert und dazu kriegen wir die wohl coolste Klavierszene überhaupt serviert: Alain Delon mit Zigarette im Mundwinkel und seiner einmaligen Lockerheit am Flügel, während Cathy ihn dabei beobachtet.

Fazit: Jean-Pierre Melville beweiste mit seinem letzten Film erneut, dass er einer der besten Regisseure seiner Zeit war. Der Chef ist ultracool, stilsicher und brillant inszeniert. Kleinere Abstriche muss man jedoch in der Charakterzeichnung machen. Am Ende bleibt ein spannender Krimi, mit einem hervorragendem Alain Delon, tollen Bildern und passendem Soundtrack. Mit Sicherheit nicht Melvilles bester Film, aber ein würdiger Abschied von einem der größten Regisseure aller Zeiten.

Der Chef erscheint am 5. August 2021 erstmals als Single-Blu-ray. Bereits seit einiger Zeit ist der Film auf Blu-ray in der Melville-Collection enthalten.*

Hier geht es zum Trailer auf Youtube.

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