"Chico & Rita" (ES/GB 2010) Kritik – Heißblütige Liebe im jazzigen Havanna

„Als Erstes musst du dir Respekt erarbeiten.“

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Der europäische Filmpreis, der spanischen Goya, der Preis für die Beste Langanimation auf dem Trickfilmfestival in Stuttgart und eine Oscar-Nominierung standen am Ende neben den unzähligen Lobeshymnen auf der Habenseite des Animationsfilmes „Chico & Rita“. Wenn man bedenkt, mit wie viel Liebe und Elan die Verantwortlichen hier zur Sache gegangen sind, dann haben sie sich die Preise und ein kleines Fleißsternchen durchaus verdient. Mit dem Spanier Fernando Trueba hatte man einen Regisseur zur Verfügung, der nicht nur die nötige Erfahrung mitbringen konnte, sondern auch schon einen Oscar für seine Romanze „Belle Époque“ entgegennehmen durfte, in der die feurige Schönheit Penélope Cruz die Hauptrolle verkörperte. Dazu waren auch noch der bekannte Zeichner Javier Mariscal mit von der Partie, der sich durch seinen unverkennbaren Stil längst einen Namen gemacht hat und die kubanische Jazzlegende Bebo Valdés, der nicht nur Direktor des Nachtclubs Tropicana in Havanna war, sondern auch das große Ansehen durch seine einmaligen Kompositionen erlangen konnte. Bei so viel Herzblut kann das Ergebnis von „Chico & Rita“ ja eigentlich gar nicht enttäuschend sein und das Endprodukt ist zwar durchaus sehenswert, doch kann seinen konventionellen Strukturen nicht entspringen.

Havanna, 1948: In der kubanischen Hauptstadt träumen viele Künstler von ihrem Durchbruch. So auch Jazzpianist Chico, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Leidenschaft in vollen Zügen ausschöpfen zu können und jeden mit seiner Musik anzustecken. In einem Nachtclub trifft Chico auf die leidenschaftliche Sängerin Rita, die ihn mit ihrer beeindruckenden Stimme sofort umgarnt und hypnotisiert. Beide fühlen sich voneinander angezogen und verbringen ihre erste heiße Nacht miteinander, die allerdings in einem schweren Streit endet und die beiden Künstler wieder auseinanderbringt. Rita zieht es, wenn auch mit Kummer im Herzen, nach New York, wo sie ihre großen Träume endlich verwirklichen will, während sich Chico zum Ziel macht, Rita wiederzutreffen, selbst wenn er dafür sein geliebtes Klavier verkaufen muss…

Durch das prägnante Rotoskopie-Animationsverfahren, bekommt „Chico & Rita“ gleich bei seiner Eröffnung einen ganz eigenen ästhetischen Charme, der seine Liebe zum Detail unweigerlich offenbart und den Zuschauer schnell in das Geschehen zieht. Und einer solchen Rotoskopie-Animation versteht man genaugenommen die Übertragung von realen Bildern in den tricktechnischen Bereich. Die Bilder entwickeln ein herrliches wie farbenfrohes Eigenleben, sämtliche Einstellungen gleichen einem Gemälde und die markanten Städte, von Havanna und New York bis nach Las Vegas, lassen sich als wahrer Blickfang für das erwartungsfrohe Auge bezeichnen. Des Weiteren liegt das Interesse des informierten Zuschauers natürlich auf der Musik. Hier wurde all das zusammengetrommelt und unterlegt, was im Bereich des Jazz Rang und Namen hat. An erster Stelle natürlich der erwähnte Bebo Valdés, der sich als Hauptverantwortlicher für den wunderbaren Soundtrack hervorheben lassen darf. Dann gibt es noch Melodien von Dizzy Gillespie, Cole Porter und Thelonious Monk, die dem Feeling von „Chico & Rita“ immer den richtigen Drall geben und das Gefühl der Zeit passend offenbaren.

Wenn wir uns aber von dem großartigen Rotoskopie-Verfahrungen und der passionierten Jazz-Untermalung distanzieren und uns auf die eigentliche Geschichte konzentrieren, dann wird man als Zuschauer schnell feststellen, wo genau die eigentliche Schwäche von „Chico & Rita“ liegt. Die Lovestory wird schlichtweg konventionell und durchgehend überraschungsarm erzählt. Unsere beiden Künstler Träumen, wie alle Künstler, vom ganz großen Durchbruch, doch das das nicht immer reibungslos funktioniert, wird jeder früher oder später feststellen müssen. Chico und Rita verlieben sich, Chico und Rita streiten sich, Chico und Rita trennen sich, Chico und Rita vermissen sich und Chico und Rita finden sich. Im Großen und Ganzen ist das der Verlauf der Handlung und wer sich nun ein Mindestmaß an Tiefgang erhofft, der wird auf rhythmische Schablonen treffen. „Chico & Rita“ bleibt dennoch ein ansprechender Film, der vor allem dadurch überzeugen kann, in dem er das Lebensgefühl und die Verve dieser kubanischen Epoche mehr als fühlbar einfängt. Die Farb- und Schattenspiele verdeutlichen immer wieder die momentane Emotionalität der Figuren, während sich ganze Städte durch feine Verschleierungen, Schattierungen oder glühende Überstrahlungen charakterisieren lassen. „Chico & Rita“ wird zu einer blühenden Hommage, die durch zwei Liebende erstrahlen darf und von Liebe, Eifersucht, Schicksal und Romantik alles abdeckt. Wer aber darauf hofft, dass Themen wie der Rassismus, der wirtschaftliche Umschwung und der politische Umstrukturierung wirklich behandelt werden, der ist an der falschen Adresse.

Fazit: Das Lebensgefühl der Vollblutmusiker im Havanna der 40er Jahre kann „Chico & Rita“ wunderbar einfangen. Die Rotoskopie-Animationen sind ein Genuss, die jazzigen Untermalungen eine Fest und die Liebe zum Detail lässt sich in jeder Szene wiedererkennen. Die Charaktere, in Verbindung mit der eindimensionalen Liebesgeschichte, stellen den Kritikpunkt von „Chico & Rita“ dar, denn es gibt weder Überraschungen, noch wirklichen Charakter-Tiefgang. Nichtsdestotrotz wissen die Regisseure Fernando Trueba, Javier Mariscal und Tono Errando mit ihrer Reise in die kubanische Vergangenheit durchaus zu überzeugen und ziehen den Zuschauer in ein Feel-Good-Movie, der heißblütigen Sorte.

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