Kritik: Glass (USA 2019)

This is not a cartoon. This is the real world.

Wohl kaum jemand hätte es vor einigen Jahren noch für möglich gehalten, dass eines der neuesten Superhelden-Universen im Kino plötzlich durch den berüchtigten Autorenfilmer M. Night Shyamalan entsteht. Ein unerwarteter Twist, das ewige Markenzeichen des sympathischen Amerikaners, am Ende seines letzten Films Split sorgte jedoch für genau diese Entwicklung. War der Streifen zuvor noch ein verschrobener Psycho-Thriller, der die insgesamt 24 multiplen Persönlichkeiten der von James McAvoy mit stürmischer Wandelbarkeit verkörperten Hauptfigur als horrorartige Bedrohung in Szene setzte, wandelte sich Split durch die finale Enthüllung schlagartig zu einem Teil von etwas wesentlich Größerem. Mit dem Auftritt von David Dunn aus Shyamalans Unbreakable – Unzerbrechlich aus dem Jahr 2000 schlug der Regisseur die Brücke hin zu einem seiner fantastischsten Filme, der Superhelden auf eine besondere Art und Weise als Mythos ergründete, lange bevor sie durch das Marvel Cinematic Universe als Dauergast in die Lichtspielhäuser einzogen.

Mit Glass, der als doppeltes Sequel zu Unbreakable – Unzerbrechlich sowie Split angelegt ist und eine Art 3. Teil dieser beiden Filme bildet, hat sich Shyamalan nun sichtlich einen Traum erfüllt. Noch bevor die Einblendungen der Studios im Vorspann überhaupt fertig verblasst sind, ist aus dem Off bereits die Stimme von McAvoys Kevin Wendell Crumb zu hören, der eine neue Gruppe von Opfern gefangen hält. Neueinsteiger dürften schon in den ersten Sekunden von Shyamalans Film den Faden verlieren, denn der Regisseur stürzt sich so unvermittelt in das von ihm vor 19 Jahren erstmals geschaffene Universum aus Thriller, Charakterdrama und Comicbuch-Superhelden-Mythos, dass die zuvor durch Unbreakable – Unzerbrechlich sowie Split gelegten Grundpfeiler zwingend als Vorkenntnis vorausgesetzt werden.

Dabei stellt Glass wenig überraschend alles andere als den typischen Superhelden-Film dar, wie ihn Fans des Genres in den letzten Jahren ständig in höchstens leicht variierter Form im Rahmen der gegenwärtig profitversprechenden Shared Universes zu sehen bekommen. Shyamalan verschreibt sich zu Beginn stattdessen voll und ganz seinem eigenen Erzählrhythmus, dem immer auch etwas angenehm sowie gleichzeitig überholt Altmodisches anhaftet. Im Fall von Glass, der den gebrochenen, unfreiwilligen Superhelden David Dunn, welcher von einem lustlosen, lethargischen Bruce Willis seltsam treffend gespielt wird, auf die Jagd nach McAvoys mordendem Antagonisten schickt, erweist sich Shyamalans eigenes Drehbuch jedoch mit fortschreitender Dauer als unangenehm altbacken.

Nur noch wenig weiß der Regisseur mit seinen Figuren anzustellen, die er selbst in Origin-Story-ähnlichen Filmen etablierte und in ihren Eigenschaften zeichnete. Stattdessen reduziert Shyamalan seine Geschichte nach einem gemächlichen Auftakt mitsamt erstem spannenden Höhepunkt auf ein seltsam repetitives Kammerspiel. Auf einmal sind David, Kevin und Davids ewiger Erzfeind Elijah Price aka Mr. Glass in einer mysteriösen Einrichtung eingesperrt, wo ihnen die behandelnde Therapeutin Dr. Ellie Staple mithilfe intensiver Methoden versichern und beweisen will, dass es sich bei keinem von ihnen wirklich um eine Art Superhelden handelt. Länger als zwei Drittel des Films schleicht, schwebt und ruht die großartig geführte Kamera von Mike Gioulakis in den Korridoren, Gängen und Räumen dieser Einrichtung, die sich als zentrales Enigma von Glass entpuppt.

Während Shyamalan viel Aufwand betreibt, um die konkreten Hintergründe dieses Schauplatzes zu verschleiern, entgleiten ihm die entscheidenden Figuren seiner Erzählung mehr und mehr. Starr in Gut und Böse unterteilt wirkt die Dynamik zwischen Kevin, David und Elijah, wobei Ersterer aufgrund seiner multiplen Persönlichkeitsstörung inklusive einer übermenschlichen Bestie in sich so unberechenbar wie eh und je zwischen den mal bedrohlichen, mal amüsanten Charakterfacetten hin und her schaltet, während Mr. Glass höchstpersönlich so stark unter den Einfluss ruhigstellender Medikamente gestellt wurde, dass Samuel L. Jackson für die erste Hälfte des Films keine einzige Zeile Dialog lernen musste.

Vielmehr erweist sich Glass als von massiven dramaturgischen Schwächen begleitete Erzählung über ausgestoßene Individuen mit übermenschlichen Fähigkeiten, die zutiefst tragische Persönlichkeiten ans Tageslicht befördern. Leider gelingt es Shyamalan in seinem 3. Streich dieser zusammenhängenden Geschichte nicht, genügend Licht auf seine oftmals im Schatten verborgenen Figuren zu werfen. Hinzu kommen Nebenfiguren wie Davids Sohn Joseph sowie die junge Schülerin Casey, die Kevins Terror aus dem Vorgänger überlebte. In einigen wenigen Szenen, in denen der Regisseur Figuren für einen kurzen Moment zusammenbringt, die sich eigentlich abstoßen müssten, wird Glass kurzzeitig auch zu einem Film über kollektive Traumata, durch die selbst das abscheulichste Monster einen warmen Funken Menschlichkeit erhält.

Endgültig in sich zusammen bricht der Film jedoch im Finale, welches Shyamalan mit derart konstruierten und bemüht cleveren Enthüllungen versieht, dass die Figuren vollends zu funktionalen Erfüllungsgehilfen verkommen. Immer wieder zeigt sich Glass als selbstbewusste, ambitionierte Kampfansage an seelenlose Comicfilm-Konfektionsware, indem der Regisseur den Mythos des Superhelden und die Kraft von Comics selbst mit einer nachdenklichen und zugleich meditativen Menschlichkeit erdet. Am Ende erweisen sich die letzten Entwicklungen dieses Films jedoch als aufgesetzte Taschenspielertricks, durch die sich Shyamalan vor allem wieder einmal selbst als intelligenter Kino-Magier aufplustern will, der seinem Publikum weit voraus ist. Eine Eigenschaft, die er mit seinen vergangenen Filmen eigentlich abgelegt hatte und die jetzt in bedauerlicher Penetranz zurückgekehrt ist.

Glass ist ab dem 17. Januar 2019 im Kino zu sehen.

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