Netflix-Kritik: Mute (GB, DE 2018)

© Netflix

Do you know what it is to make your dreams come true, Leo?

Man sollte meinen dem filmischen Einfallsreichtum seien keine Grenzen gesetzt, dem kreativen Entdeckergeist ständen alle Wege offen. Tatsächlich haben sich jedoch im Laufe der Jahre etliche Motive verfestigt, Bilder eingebrannt, von denen sich Filmemacher nur schwerlich lösen können. Das Abbild der dystopischen Großstadt, in seiner Dynamik von Fritz Lang in Metropolis erdacht und optisch unwiderruflich von Ridley Scotts Meilenstein Blade Runner geprägt, ist ein treffendes Beispiel. Unendliche Hochhausblöcke, dekoriert in Neonlicht, ausstaffiert mit Hologrammen. Strenge Klassengesellschaften, Ober- trifft auf Unterschicht. Sterile Innenräume, gläserne Fronten, dreckige Gassen mit sonderbaren Gestalten. Vormals kraftvolle Bilder, die jedoch immer abgeschmackter wirken. So auch in Duncan Jones neuestem Werk Mute, welches im Vorfeld nicht nur aufgrund seiner Veröffentlichung auf Netflix heiß diskutiert wurde.

So ist dieses Mal Berlin die Stadt, welche zum multikulturellen Moloch geformt wird. Getreu seinem großen Vorbild Blade Runner pendelt Mute optisch stets zwischen futuristischer Strahlkraft und verwahrloster Schmuddeligkeit. Visuell ist das zwar weitestgehend wertig und bis auf kleinere Details durchaus zufriedenstellend, für heutige Standards aber bestenfalls erwartungskonform. Erschreckend ist dagegen, wie statisch und wesenslos die Welt im Hintergrund des Films verkommt. Tatsächlich gibt es keinen einzigen Grund, warum die Geschichte eines stummen Barkeepers auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe im Jahr 2052 und nicht etwa in der Gegenwart angesiedelt ist. Es ist frustrierend zu sehen, wie asynchron das Setting am eigentlichen Film vorbeiläuft, wie wenig Duncan Jones aus dieser Wundertüte an Möglichkeiten macht.

Doch auch erzählerisch wird der Film seinen Erwartungen keinesfalls gerecht. Mute ist unzusammenhängend und vage, strukturell furchtbar zerfahren – nicht etwa auf eine fordernd chaotische Art, sondern vielmehr unheilvoll verheddert. Über weite Strecken stellen simple Fragen darüber was oder warum etwas passiert den Zuschauer vor unlösbare Aufgaben. Charakterentscheidungen wirken unnachvollziehbar, allein deshalb, weil keine der Figuren überhaupt charakterisiert wird. Mute als schlampig erzählt zu beschreiben, wäre bloße Untertreibung, denn letztlich stimmt bei Jones neuestem Werk eigentlich gar nichts. Dabei ist der zugrundeliegende Ansatz, die Vermengung von Film Noir Elementen mit dystopischer Gesellschaftskritik, eigentlich eine mehr als vielversprechende Angelegenheit.

Was Duncan Jones uns hier als Film verkaufen will, ist eine Frechheit. Sicherlich, es werden sich vereinzelt Stimmen finden lassen, die in Mute ein Plädoyer für die Freiheit des Künstlers, einen kraftvollen Schrei für die vollständige Eigenständigkeit eines Auteurs, sehen. Ein Schrei, der wie es der Filmtitel jedoch unweigerlich vorwegnimmt, bestenfalls ein stummer ist. Denn Mute ist nicht etwa subersiv, ist keinesfalls vom Wahnsinn geschwängert oder vom unweigerlichen Drang einer Vision beseelt. Duncan Jones tappt im Dunkeln und bringt einzig und allein sein Unverständnis der Materie zum Ausdruck. Mute ist nicht einmal sonderlich gewagt, nein, sondern schlichtweg missraten. Egal welchen Blick man auf ihn anwendet, von welcher Perspektive man sich nähert, ein Sinn, eine Botschaft, bleibt selbst dem aufmerksamsten Zuschauer verborgen.

Letztlich ist Mute ein eindringliches Beispiel dafür, wie sich künstlerische Narrenfreiheit ihr eigenes Grab schaufeln kann. Über zehn Jahre hat Duncan Jones laut eigener Aussage an diesem Projekt gearbeitet. Zehn Jahre, in deren Verlauf er jedwede kritische Distanz zu seinem eigenen Werk ebenso verloren hat, wie die Fähigkeit zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Hoffnungslos verrannt stapelt er Luftloch auf Luftloch und sorgt für Leerstellen, die er maximal mit seiner eigenen Erfahrung füllen kann, die dem Zuschauer aber ein ewiges Mysterium bleiben werden. So kurios es auch klingen mag, Mute speist den Gedanken, dass ein kontrolliertes Studioumfeld manchmal nicht nur förderlich, sondern gar bitter notwendig ist. Und Netflix? Die sollten bei aller Liebe zum Geld aufpassen, nicht zur Resterampe für missglückte und fehlgeleitete Filmprojekte zu werden.

Mute ist seit dem 23. Februar auf Netflix verfügbar

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