"Walk the Line" (USA 2007) Kritik – Joaquin Phoenix wird zum Man in Black

„Zum Glück habe ich meine Federn für so einen Notfall alle durchnummeriert.“

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In der Filmwelt ist es heutzutage nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ein bestimmter Regisseur einer der wichtigen Musiker-Legenden annimmt und das Leben dieses Menschen auf die großen Leinwände bringt. Wenn wir darüber nachdenken, welche Biographien es bereits in die Kinos geschafft haben, dann muss man unweigerlich Filme wie „I’m Not There“ über Bob Dylan, „Control“ über Ian Curtis, „La vie en rose“ über Edith Piaf, „Nowhere Boy“ über John Lennon und „Ray“ über Ray Charles erwähnen. Dabei ist es allerdings immer ein äußerst dünner Grat, auf dem sich ein solcher Filmemacher bewegt, denn die Erwartungen, die an einen solchen Film gerichtet sind, liegen in astronomischen Höhen und sind nicht selten bereits vor dem Drehbeginn zum enttäuschenden Scheitern verurteilt. Die strengen Angehörigen der Berühmtheiten werden die Werke genau unter die Lupe nehmen, vielleicht auch der titelgebende Star selbst, und dann wären da noch die weltweiten Fans, die ihrem Helden jahrelang gefolgt sind, die Musiksammlung regelmäßig mit den Platten des Sängers fütterten und sich auch im Privatleben dieses Person genauestens auskennen. Welche Lasten auf den Schultern von James Mangold 2005 gelesen haben müssen, als er seine Johnny Cash-Biographie „Walk the Line“ in die Kinos gebracht hat, lässt sich wohl nicht im Ansatz erahnen, doch das Ergebnis kann sich mehr als sehenlassen, auch wenn der Film durchaus seine Schwächen hat.

Eine derartige Biographie bringt dann auch immer ganz eigene Schwierigkeiten mit sich. Das Drehbuch von Gill Denis und James Mangold zum Beispiel wurde gute 10 Jahre immer wieder auf Eis gelegt und die ersehnte Umsetzung bekam von den verschiedensten Produzenten und Filmfirmen immer neue Stolpersteine in den Weg gelegt. Ein weiteres Problem ist dann auch die Frage nach der Passenden Besetzung, denn der glückliche Schauspieler, der die Ehre bekommt, die reale Legende zu verkörpern, sollte nicht nur äußerlich passend sein, sondern auch den Charme und die Ausstrahlung des Vorbildes vermitteln können. Die Wahl fiel schlussendlich auf Joaquin Phoenix, für den sich der große Johnny Cash kurz vor dem Tode noch persönliche einsetzt und die exquisite Besetzung so in die Wege leitete. Man muss natürlich vorerst zugeben, dass Joaquin Phoenix in Sachen Statur und dem eigentlichen Aussehen recht wenig mit Cash gemeinsam hat, doch dafür hat Phoenix einfach den Vorteil, dass er seinen Beruf versteht und ein fantastischer Schauspieler ist, der jeder noch so schwierigen Rolle gewachsen ist und sie nicht nur mit Hingabe, sondern auch mit professioneller Balance ausfüllt. Neben dem grandiosen Phoenix glänzt auch Reese Witherspoon, die ihr Image als naives Blondchen konsequent zerbricht und als Cashs Lebensliebe June Carter ihre mit Abstand beste Karriereleistung abliefert. Ihre vielschichtige Performance verknüpft sich wunderbar mit der von Phoenix und jede einzelne Charakterfacette findet ihre präzise Entfaltung.

Dabei glänzen die beiden Hauptdarsteller nicht nur mit ihren schauspielerischen Leistungen, sondern auch aus gesanglicher Sicht liefern Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon Großes ab. Anders als in Taylor Hackfords „Ray“, in dem Jamie Foxx die Lieder von Ray Charles nicht selber gesungen hat, sondern von gesammelten Archivaufnahmen verdeckt wurde, überlässt Mangold seinen Stars die große Bühne, in jederlei Hinsicht. Auch das hätte bitter in die Hose gehen können und gut und gerne in einer Beleidigung für die Country-Legende enden, doch auch in diesem Punkt geht „Walk the Line“ voll auf. Die beiden Schauspielkaliber legen beeindruckende Gesangsvorstellungen ab und haben nicht nur die treffende Kraft von Cash & Carter in der Stimme, sondern reißen den Zuschauer bei ihren Auftritten auch ohne Halt mit. Jedoch sollen an dieser Stelle auch die anderen Darsteller nicht unterschlagen werden, denn ganz besonders Robert Patrick als Vater Ray Cash zeigt endlich wieder eine ernstzunehmende Leistung, die sich von dem festgefahrenen B-Movie Murks abhebt und sein vorhandenes Talent zeigt. Ginnifer Goodwin als erste Ehefrau Vivian kann da unmöglich mithalten, denn ihre Rolle wurde schlussendlich zu eingeschnürt gezeichnet, um wirkliche Impulse setzen zu können.

Worum sich „Walk the Line” also handelt, braucht man nicht mehr erwähnen, höchstens, dass James Mangold seine Geschichte im Zeitraum zwischen den Jahren 1944 und 1968 angesiedelt hat und diese verschiedenen und überaus wichtigen Stationen im Leben Cashs beinahe episodenhaft abarbeitet. Wir begleiten Johnny Cash auf seinem abwechslungsreichen Lebensweg und beginnen in der Zeit, in dem er im Kindesalter seinen großen Bruder auf tragische Weise verloren hat. Nicht nur Schmerz wurde Teil seines Lebens, sondern auch die Missgunst seines Vaters, der nie an ihn geglaubt hat und am liebsten Johnny im Grab des verstorbenen Bruders gesehen hätte. Johnny durchstreitet danach die verschiedenen Bereiche, ob als Soldat im Nachkriegsdeutschland oder als Vertreter, bis er seinen Draht zur Musik entdeckt, die ihn schließlich zu dem gemacht hat, was er heute für unzählige Generationen ist: Eine unsterbliche und unerreichbare Legende, die den gleichen Ruhm besitzt, 9 Jahre nach dem mysteriöse Tod, wie zu den glorreichen und durchaus schwierigen Lebzeiten. Dass Mangold sich letzten Endes dazu entschied, nur diesen Zeitraum in dem Film unterzubringen, ist natürlich im ersten Augenblick für jeden interessierten Zuschauer schade, doch wenn man bedenkt, welch ereignisreiches Leben dieser Mann geführt hat, liegt die Antwort auf das „Warum“ schnell auf der Hand: Es ist eine schiere Unmöglichkeit, den Umfang der Persönlichkeit von Johnny Cash detailliert in einem würdigen Film zu verpacken, ohne den Rahmen zu sprengen.

Man muss Mangolds Inszenierung einige unübersehbare Schwächen vorhalten: Da wäre die hastige Abarbeitung verschiedener Ereignisse, die in Verbindung mit den zuweilen groben Zeitsprüngen immer wieder einen unrunden Eindruck erwecken. Dazu die konventionelle Erzählweise, die natürlich keinerlei Überraschungen mit sich bringen kann, denn wer sich mit der Lebensgeschichte von Johnny Cash auskennt, der weiß natürlich genau, in welche Richtung das Ganze steuern wird. Auch das konservative Gitter, in dem sich „Walk the Line“ durchgehend aufhält, wird vielen Zuschauern gegen den Strich gehen, während man sich hier und da immer wieder wünscht, dass sich Mangold endlich die nötige Zeit für einen bestimmten Lebensabschnitt nimmt und die Emotionalität des Augenblicks präziser durchleuchtet.

Und dennoch weiß „Walk the Line“ zu überzeugen, natürlich hauptsächlich dank der hervorragenden Darsteller und ihren schauspielerischen wie gesanglichen Großleistungen. Wir tauchen in das Leben dieser immortalen wie prägenden Ikone ein und werden dabei nicht nur Teil der ruhmreichen Seiten, sondern erfahren auch die dunklen Momente des Man in Black. Cash versucht den wachsenden Erfolg mit erhöhtem Drogenkonsum zu kompensieren und driftet immer weiter in den Bereich der Selbstzerstörung. Er hat keine Zeit für seine Frau, keine Zeit für die Erziehung seiner Kinder und die Ehe zerbricht aufgrund einer neuen Liebe, die ihn letzten Endes vor dem katastrophalen Sturz rettet. Durch die Stadien der Schüchternheit bis zur gestandenen Reife zieht „Walk the Line“ uns streckenweise unheimlich fesselnd in das Geschehen, auch wenn die Faszination Cashs für die Musik nie wirklich angesprochen wird. Letztlich bekommen wir einen Film über den Menschen Cash serviert, der über die Fehler, die Gefühle und die Entwicklung dieses Mannes spricht.

Fazit: „Walk the Line“ ist sicher kein perfekter Film, denn dafür ist Mangolds Inszenierung immer wieder zu sprunghaft, die Faszination Cashs für die Musik wird nie wirklich deutlich und letztlich ist das Leben dieses Mannes einfach zu ereignisreich gewesen, um es in einen 150 Minuten Film (Extended Versionen) stimmig zu verpacken. Doch „Walk the Line“ ist und bleibt ein überzeugender und starker Film, der mit zwei wunderbaren Hauptdarstellern glänzen kann, die sich ebenso leidenschaftlich wie präzise offenbaren und die Lebensabschnitte, die Mangold uns hier verdeutlicht, verstehen es, den Zuschauer mitzureißen und den „Man in Black“, der zu Gott betete, dem Teufel unterlag und letztlich durch die Liebe den Weg in die richtige Spur fand, ansprechend darzustellen.

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