Kritik: Avatar – Aufbruch nach Pandora (USA 2009)

„Ich gehöre jetzt zu dir, Jake. Wir sind vereint für’s Leben.“

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Im Jahr 2154 sind die Rohstoffe der Erde erschöpft und die Menschheit sucht in fernen Welten weiter. Pandora, einen erdenähnlicher Mond, ist reich am begehrten Rohstoff Unobtanium, doch um es aubzubauen gefähren die Menschen den Lebensraum der Na’vi, der Ureinwohner Pandoras.

Als ich das erste mal von „Avatar“ gehört habe, war ich euphorisch. Nicht nur das Cameron wieder dreht, nein, er dreht sogar einen Sci-Fi-Film, eines meiner Lieblingsgenres. Dazu kam die Ankündigung eines Opus Magnum des 3D-Kinos, einer „Revolution“, wie Cameron es selbst beschrieb. Das schürt Erwartungen, die bei zwei Jahren Wartezeit gut gedeihen konnten.

Camerons Kino ist für Science-Fiction gemacht. Seine besten Arbeiten waren Sci-Fi-Filme („Aliens“, „T2“, „Abyss“). Titanic war zwar nicht monumental, aber monumentalistisch, der Versuch eines Hollywood-Epos der alten Tage für die Millenium-Generation. Alter Inhalt, neue Form, Gigantismus, das Versenken eines echten Schiffes, jeder ging in diesen Film, ich auch, doch im Laufe der Jahre blieb da nicht viel hängen, was erzählenswert oder filmgeschichtlich wichtig wäre, außer vielleicht der Box-Office-Rekord und die Effekte. Den Weg, den Cameron mit „Titanic“ einschlug, geht er nun mit „Avatar“ konsequent weiter.

Ich habe ja von meiner vorherigen Euphorie geschrieben, die sich steigerte. Wunder, habe ich nicht erwartet, aber ich weiß, dass Cameron es kann. In „Aliens“ hat er der Figur der Ellen Ripley unglaublich viel Tiefe gegeben. Er hat es verstanden Actionkino, Dramaturgie und Charakterentwicklung in Einklang zu bringen. Weaver wurde für ihre Leistung für den Oscar nominiert und wieder steigerte sich meine Erwartung als ich hörte, dass die Weaver auch bei „Avatar“ mit dabei ist.

Erste Ernüchterung trat ein als ich einen kurzen Abriss der Story las. Schon das las sich wie Öko-Kitsch nach alter Rezeptur, doch ich vertraute auf Camerons Talent als Drehbuchautor und sprach immer wieder zu mir: „Aliens! Aliens! Aliens!“

Der nächste Dämpfer kam mit dem ersten Trailer, wo ja für viele das Grübeln begann. Die Schlümpfe störten mich zwar nicht, aber das präsentierte Effekt-Gewitter sah mehr wie das Videospiel einer Mischung aus Star Wars und Herr der Ringe aus. Ich blieb trotzdem am Ball, ging absichtlich nicht zur Promo-Clipschau ins Kino, und schob die Videospiel-Optik auf die schlechte Qualität des Internetvideos.

Im Dezember 2009 war es dann soweit und nachdem die von mir gewünschte Vorstellung im Cinemaxx, wegen technischer Probleme, ausfiel, wir unser Geld zurück und Freikarten für die 21 Uhr Vorstellung bekamen, fiel ich in den Sessel, setzte mir die „Brille“ auf und fing an zu staunen.

Am Anfang war das Staunen, wirklich. Die ersten dreißig Minuten kriegt man kaum die Kinnlade hoch. 3D, dass oftmals noch wie gestaffelte Pappaufsteller im Raum aussah, ist hier erstmals richtig plastisch. Jedes Objekt hat eine wirkliche Tiefe, eine Form. Der Kamerablick wird zum eigenen Blick, trotz Brille. „Avatar“ fesselt allein schon dadurch, dass er den Zuschauer „zu sich“ holt, in die eigene Welt, ihn vereinahmt und vielleicht auch ein wenig überfordert.

Die eigentliche Revolution findet statt, im Kontext des 3D-Films, rein technisch, versteht sich. In diesem Sinne hat der Film nur sich selbst als Thema. Die „neuen“ Bilder, die wir zu sehen bekommen, reizen unsere Sinne mehr als es davor der Fall war. Diese sogenannte Revolution kann auch als Rückschritt angesehen werden, denn ruckzuck fühlt man sich wie im 19. Jahrhundert als das Kino noch eine Jahrmarktsattraktion war, die Leute begeistert in kleine Gucklöcher starrten und sich inhaltslose Bewegungsloops ansahen. Die Form als Attraktion, wir sind wieder am Anfang, beim Oberflächenkino. „Avatar“ ist eine Rummelattraktion der alten, neuen Tage.

Die Geschichte und die Charaktere begeistern dagegen vielleicht noch Zehnjährige, aber das war es dann auch schon. Zynisch gesehen, hat Cameron vielleicht die Story extra so flach gelassen, damit man nicht noch davon überfordert wird. Dafür ist die 3D-Technik schließlich ja schon da. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum er eine Geschichte verfilmt, die mehr Staub angesetzt hat als der Andromeda-Nebel. Alle Vergleiche mit Winnetou und Pocahontas sind mehr als berechtigt. Inwieweit man schon von Diebstahl sprechen kann, muss jeder für sich entscheiden. Andererseits sind die Handlungsmuster, der Gut-und-Böse-Konflikt und die Figuren an sich schon zu reinen Klischees geworden, so dass das Urheberecht für diese ausgetretenen Wege gar nicht mehr greift, denke ich.

Nun könnte man die Story als unerheblich betrachten, wie das manche euphorische Stimmen tun. Wer soweit ist, hat schon verloren. Denn das traurige ist, dass Cameron das alles ganz schön ernst nimmt. Das tut weh. Als hätte er die letzten zwanzig Jahre verschlafen und denkt er würde uns was ganz neues erzählen.

Was das Drehbuch vermurkst, bekommen natürlich auch die Schauspieler zu spüren. Sam Worthington kommt da noch ganz gut weg. Sigourney Weaver dagegen ist ein wandelndes Klischee, genauso wie Michelle Rodriguez, aber die scheint ja auch nur immer die gleiche Rolle zu spielen. Die Nav’i-Wesen dagegen „spielen“ beeindruckend gut, dafür dass sie aus dem Computer kommen. Dieses neue Motion-Capturing-Verfahren macht schon ein wenig Angst vor den zukünftigen Filmen ohne Schauspieler. Ich hoffe doch das Publikum ist so weise und will weiterhin echte Schauspieler sehen.

Sechzig Prozent des Films sind CGI. Bringt mich das zum Staunen oder zum Weinen? Die Qualität der Bilder ist erwartungsgemäß High-End. Das anfängliche Videospiel-Gezweifle war schnell verflogen, was allerdings bestimmt auch am überwältigenden 3D-Effekt lag. Technisch ist der Film ein Triumph, meistens jedenfalls. Die immer noch gravierenden Nachteile digitaler Kinematografie konnte auch Cameron nicht lösen. In den vielen Verfolgungsjagden geht die Übersicht oftmals durch die hohe Bewegungsunschärfe verloren. Das ist zwar nicht ganz so schlimm wie bei „Public Enemies“ von Michael Mann, aber die langsamen CMOS-Sensoren der Digicams sind immer noch keine Konkurrenz für den alten 35mm-Film.

Die synthetische Welt in „Avatar“ hat nur blühende Landschaften zu bieten. Alles ist perfekt, doch das Geschehen ist nicht perfekt. Während Cameron seine Geschichte mit Krieg, Terror und Genozid auflädt, wird Pandora indirekt proportional schöner und verkommt zur Tapete. Die Kulisse wird sichtbar und die Illusion verfliegt. Camerons Filme behandeln immer die Vereinbarkeit von Technologie und Natur. Seine bisherige Stärke war, dass er diese beiden Seiten gegenüberstellte und sich für keine entschied. Das war auch bei Titanic noch so, doch „Avatar“ bricht mit dieser Linie. Die Technologie ist hier immer Diktator, getrimmt auf Leistung, Effizienz und Vollkommenheit. Pandora entstand durch die selbe Technologie, eine antiseptische Welt, unbarmherzig gegen alles was nicht perfekt ist. Der von Cameron beabsichtigte humanistische Grundton enttarnt sich als große Lüge. Dieser Film lebt nicht.

Bewertung: 4/10 Sternen