Cannes Filmfestival 2017 – Tag 2: Buhrufe und technische Probleme

Okja

19.05.17 um 8:30 Uhr morgens, mein Tag 2 des Festivals, und es stand die Weltpremiere vom sehnlichst erwarteten, neuen Science-Fiction-Abenteuer Okja des koreanischen Regisseurs Bong Joon Ho (Snowpiercer) an. Doch nach nur wenigen Sekunden war klar, dass dies keine gewöhnliche Weltpremiere sein würde. Die Diskussion um die Cannes-Teilnahme der Netflix-Produktionen Okja und The Meyerowitz Stories beherrschte in den ersten beiden Tagen das Festival und kaum ist Okja am laufen, ertönen laute Buhrufe und Gepfeife beim Aufblitzen des Netflix-Logos im Kinosaal. Obendrein wurde auch noch schnell klar, dass es bei der Bildeinstellung ein technisches Problem zu geben scheint. Abgeschnittene Köpfe sind zwar kurzzeitig unterhaltsam, doch nach wenigen Minuten ohne Besserung in Sicht wurde es im Kinosaal immer lauter. Nach einigen Minuten wird die Vorführung dann also abgebrochen, bevor Okja wenige Minuten später doch noch im richtigen Bildformat von der Leinwand Besitz ergreifen durfte. Ein unvergesslicher Kinomoment.

Wirklich ärgerlich hingegen ist allerdings, dass dies der spannendste Augenblick der Vorführung gewesen sein sollte. Bong Joon Hos neuste Regiearbeit über ein koreanisches Mädchen, welches ihr gezüchtetes, überdimensionales Hausschwein vor dem Konsum retten möchte, ist nämlich an Albernheit kaum zu übertreffen. Die Kritik an absatzorientierten Lebensmittelgroßkonzernen ist zwar gut gemeint, doch die Regie und das Drehbuch bewegen sich zu sehr an der Oberfläche, so dass der Film kaum packend und ebensowenig erhellend daherkommt. Platter Symbolismus, wie dass sich das (tierische) Leben nicht gegen Gold aufwiegen lässt, bestimmt fast bis zur Unerträglichkeit das Leinwandgeschehen. Der zuweilen einzige Lichtblick: Jake Gyllenhaal als vollkommen schräger, durchgeknallter TV-Journalist. Okja ist größtenteils ohne Mumm erzählt, kratzt zu sehr an der Oberfläche seiner Konsumkritik und ist obendrein nur wenig ansprechend inszeniert. Meine erste große Enttäuschung des Festivals.

L’amant d’un jour

Und auch der darauf folgende Film Barbara von Regisseur Mathieu Amalric, der am ersten Tag im Eröffnungsfilm Ismaël’s Ghosts vor der Kamera zu glänzen wusste, war nicht wirklich interessanter, weshalb ich also direkt zum ersten Highlight des Tages übergehen möchte, dem wundervoll-melancholischen, in Schwarz-Weiß gedrehten Beziehungsdrama L’amant d’un jour (Lover for a day) von Philippe Garrel. Der Regisseur tut mal wieder das, was ich am meisten an seinen Filmen schätze: Gewohnt charmant-leichtfüßig und einfach gehalten erzählt Garrel von den Komplikationen zwischenmenschlicher Beziehungen. Insbesondere was es bedeutet, in der Liebe Kompromisse einzugehen. Die Kamera ist hierbei wie immer intim nah dran an den Hauptdarstellern, sieht die Schönheit in kleinen Details, wenn sie auf Gesichtern verweilt, und alltägliche Umgebungen wie Straßen, Gehwege, Cafés als Spiegel unserer Emotionem versteht. Begleitet wird das alles von Jean-Louis Auberts herrlich-subtilen Melodien. Eine junge Dame, ihr Vater und seine Liebhaberin. Garrel holt mal wieder aus einer auf dem Papier einfach anmutenden Figurenkonstellation in einer Laufzeit von nicht einmal Eineinhalbstunden das Maximum an Komplexität heraus und schenkt uns einen nachdenklich machenden, jedoch hoffnungsvollen Blick auf persönliche Beziehungen. So verwundert es nicht, dass meine Gedanken im danach folgenden, wenig ergiebigen Transgenderdrama They immer wieder zu L’amant d’un jour abgeschweift sind.

Blade of the Immortal

Das änderte dann aber spätestens der letzte Film des Tages, das fast zweieinhalbstündige Samurai-Fantasy-Epos Blade of the Immortal, der mittlerweile sage und schreibe 100. Film des japanischen Regieexzentrikers Takashi Miike. Dieser hat sich wohl gedacht, dass er zu diesem Jubiläum besonders Eindruck hinterlassen muss. Spektakuläre Massenkampfzenen und epische Boss-Fights, in Blade of the Immortal häufen sich so sehr Leichenberge, durch die Luft fliegende Gliedmaßen und Blutlachen, dass man über die komplette Laufzeit nicht den Blick von der Leinwand abwenden kann. Takashi Miike ist mit seinem 100. Film ein gänzlich einnehmendes, unvergessliches, enorm blutiges Samurai-Rache-Abenteuer gelungen.

Das war mein gestriger Tag 2 und nach nur wenigen Stunden Schlaf warten heute hoffentlich weitere unvergessliche Highlights auf mich. In diesem Sinne: freut euch schon mal auf meinen nächsten Tagesrückblick, in dem ich u.a. etwas zum als Komödie angelegten Godard-Biopic Le Redoutable des oscarprämierten Regisseurs Michel Hazanavicius (The Artist) etwas schreiben werde.

HIER geht es zu meinem Rückblick von Tag 1 (Wonderstruck, Ismael’s Ghosts, Jupiter’s Moon und Loveless).