Kritik: Carlos – Der Schakal (FR/DE 2010)

„Mein Name ist Carlos. Ihr habt bestimmt von mir gehört.“

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Der Film erzählt die Geschichte des meistverfolgten Terroristen der 70er Jahre, Carlos, genannt der Schakal. Reszensiert wird hier die Langfassung von 330 Minuten.

Edgar Ramirez verkörpert Carlos mit vollem Körpereinsatz, lässt sich Zeit für seinen Körperkult, seine Blicke und Eroberungen. Dennoch lässt uns Assayas auf Distanz. Wir erfahren über Carlos immer nur so viel wie es der historische Kontext zulässt. Der Film folgt einer unaufhaltsamen Geschichtsbuch-Chronologie.

Ebenso ist die Dramaturgie sprunghaft. Manches wird lang gedehnt (OPEC-Anschlag), vieles nur angerissen. Das mag keine Überraschung sein und ist sowieso kein schlechtes Zeichen. Assayas gelingt es durchgehend den Fokus richtig zu setzen und internationale Zusammenhänge fast simpel auf Spielfilmformat herunter zubrechen.

Letztendlich ähnelt „Carlos“ aber zu sehr einer Form von Kino mit der ich schon lange auf Kriegsfuß stehe. Obwohl der Film zu Beginn die Wahrhaftigkeit seiner Geschichte grundsätzlich anzweifelt, erzählt Assayas seinen Film trotzdem mit der „Aufgeregtheit“ eines Universitäts-Professors. Anstatt er, wie David Fincher zuletzt in „The Social Network“, sich an die Kraft des Fiktiven hält und die wahre Begebenheit nur als Anlass einer umfassenden Analyse nutzt, wirkt „Carlos“ so als klammere sich Assayas an Akten, Protokollen und wahrscheinlich so zugetragenen Ereignissen fest. Dabei vermischt er kommentarlos inszenierte Nachrichtenbeiträge mit der Spielfilmhandlung. Ich fühlte mich stark an Uli Edels „Baader-Meinhof-Komplex“ erinnert, der mit ähnlicher N24-Reenactment-Lust den Zuschauer den wirlichen Zugang zur Geschichte mit der Kraft des Unterhaltungskinos verbauen möchte.

In diesem blutleeren Kontext können nur die Figuren leiden, die durch ihre historische Aura zu Chiffren degradiert werden. Nur wenigen Charakteren gönnt Assayas genügend Fokus damit sie ihr eigenes fiktives Leben entwickeln können. Neben dem hervorragenden Christoph Bach und dem ebenso tollen Alexander Scheer, hat mich natürlich Edgar Ramirez begeistert, der besonders in der letzten Stunde sehr viel gewinnt.

Das beste an „Carlos“, und das kann die zwiespältige Inszenierung auch nicht kaputt machen, ist sein Porträt, Carlos als Revolutionär und Privatperson. Eine gefährliche sexuelle Arroganz steht hier in Verbindung mit einer eisernen Ideologie, angeführt durch Waffengewalt. Die kommentarlosen Anschläge vermitteln da eher wenig. Viel packender sind dagegen Carlos Zeiten im Exil, zwischen Trunksucht und Hahnenkämpfen, billigen Huren und dem Hals in der Schlinge. Hier gelingt Assayas eine glückliche Dekonstruktion, ganz mit den Mitteln des fiktiven. Wenn Carlos eine Prostituierte zusammenschlägt, weil sie sein Sperma ausgespuckt hat, dann hat der Terrorismus seinen ganzen Romantizismus verloren und bleibt in einer ekelhaften privaten Dimension gefangen.

Bewertung: 6/10 Sternen