"Chappie" (USA, SA 2015) Kritik – Will das Herz fordern, nicht den Verstand

Autor: Sebastian Groß

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„Warum hast du mich erschaffen, wenn ich doch sterbe?“

Südafrika in naher Zukunft: Um die horrende Kriminalität in den Griff zu bekommen setzt die Polizei Roboter ein. Deon arbeitet in der Firma, die diese Roboter entwickelt und produziert. Als er eine moderne, künstlichen Intelligenz entwickelt und diese verbotenerweise einem Roboter einsetzt, verstößt er damit nicht nur gegen die Vorschriften, sondern zieht auch die Aufmerksamkeit von Kleinkriminellen auf sich, die den Roboter nutzen wollen, um den großen Coup zu landen. Doch statt einer Killermaschine bekommen sie Chappie, einen Roboter, der zu Beginn mehr ein Kind ist, als ein Kämpfer.

Der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp liefert mit „Chappie“ seine dritte Regiearbeit ab und erneut lässt hier all das finden, was bereits seinen Erstling, der grandiosen „District 9“, ausgemacht hat: Futuristik die auf gegenwärtige Slumästhetik trifft, klar ausformulierte Actionszenen und natürlich ganz viel Gesellschaftskritik, vorgetragen mit glühenden Kanonen, die bei Blomkamp den altbewährten Holzhammer ersetzen. Nach „Elysium“, den Blomkamp mittlerweile selbst eher kritisch betrachtet (womit der zwar durchaus Recht hat, was die positiven Qualitäten des Films mit Matt Damon und Jodie Foster aber keineswegs schmälert) ändert sich also recht wenig an seinem Stilistik. Störend ist dies allerdings nicht, denn Blomkamp ist aktuell scheinbar der Einzige Regisseur mit Blockbusterqualität, der zum einen ohne falsche Scham oder aufgesetzt Trash-Affinität dem Genre des Sci-Fi-Film huldigt – und es obendrein mit viel Herz und Wärme bedient – , zum anderen inszeniert und verfasst er Filme, die ihre Aussage (auch wenn sie nicht immer sonderlich elegant formuliert ist) genauso ernst nimmt, wie seine effektvollen Schauwerte und die präsentierte, futuristische Welt.

Bei „Chappie“ ist das nicht anders. Erneut bedient sich der Regisseur und Autor beim Worldbuilding, welches er bereits 2009 für „District 9“ verwendete. Er beherrscht es mittlerweile wahrscheinlich mit verbundenen Augen. So gut und stimmungsvoll es auch ist, es bleibt zu hoffen, dass er bei seinem nächsten Projekt, „Alien 5“, sich von ihr befreit und sich, genau wie Roboter Chappie, weiterentwickelt, denn auch wenn sein Robo-Drama deutlich mit Schwächen zu kämpfen hat, so ist es doch einer der interessantesten Blockbuster der letzten Monate, weil Blomkamp stets versucht mehr zu erschaffen als wummernde Action und High-Tech-Brimborium. „Chappie“ z.B. spielt mit essentiellen, philosophischen Fragen. Das der Roboter eine defekte Batterie hat, kann er nicht aufgeladen werden, ist also zu sterben verdammt. „Warum hast du mich erschaffen, wenn ich doch sterbe?“ fragte der liebenswerte Roboter seinen Schöpfer, den Ingenieur Deon (Dev Patel, bekannt u.a. aus „Slumdog Millionär“). Eine gewichtige Frage. Das der Film wirklich Ansätze verfolgt diese zu beantworten ist so ehrenwert wie auch charmant. Am Ende gibt sich Blomkamp aber mit Plattitüden zufrieden. Ein Vordringen, tiefer in den Raum des Machbaren, das fehlt „Chappie“.

Was er dafür besitzt ist neben einem eher verzichtbaren Faible für Slow Motion-Shots und Product Placement für die südafrikanische Band Die Antwoord, die hier als Gangsterpärchen auftritt, ein Herz für seinen Titelhelden. Es sind höchst einfache Empathie-Kniffe, die Blomkamp verwendet, um Chappie dem Publikum näher zu bringen, die teils sogar an den Kinderfilmklassiker „Das Schweinchen namens Babe“ erinnern, aber sie funktionieren bestens, in dieser modernen, actiongeladenen Neuinterpretation von „Nummer 5 lebt“, die auch deswegen hinter ihren Möglichkeiten bleibt, weil Blomkamp die Zuschauer nie wirklich fordert. Gut, das tat er eigentlich noch nie, doch hier, innerhalb der Handlung, verbergen sich so facettenreiche Gedankenexperimente und teils auch ethische (Grundsatz-)Fragen, dass es nicht ausreicht zuerst nur auf einen funktionellen Unterhaltungswert hinzuarbeiten. Dieser Wert kommt bei „Chappie“ auch immer wieder ins Stocken. Neben innigen wie amüsanten Momenten und einem Hugh Jackman, der sichtbar Freude daran hat einmal den Bösewicht zu verkörpern, verkrampft sich Blomkamp nämlich des Öfteren in recht renovierungsfällige Klischees und auch die (im Gesamtbild eher wenigen) Actionszenen, sind zwar alles andere als unschick, wirken jedoch meist zu wahllos, stellenweise sogar etwas zu aufgesetzt.

Ja, „Chappie“ steckt voller Fehler, doch der Film besitzt dafür eine unglaubliche Wärme. Der Ausdruck „das Herz am rechten Fleck“, er passt zum Film wie die sprichwörtliche Roboterfaust aufs Auge. Wie Neil Blomkamp mit (wirklich simplen) Mechaniken Sympathie sowie Empathie zum Titelheld aufbaut ist das wahre Highlight des enttäuschenden, aber letztlich doch gelungenen Films. Und am Ende, wenn es ähnlich wie in Christopher Nolans „Interstellar“ der Mensch ist, der Gottes Werk an sich reißt und dessen Regeln außer Kraft setzt, findet Blomkamp einen Schlusspunkt, in dem liebliche Hoffnung genau so viel Platz findet wie niederschmetternder Pessimismus. Diese wunderschöne Ambivalenz sowie sein großes Herz hat „Chappie“ Nolans großkotziger Weltraumopfer voraus, auch wenn man beide Filme wohl nur indirekt miteinander vergleichen kann.