"Dead Man" (USA 1995) Kritik – Requiem der halluzinierenden Akzeptanz

„Manchen winkt die ewige Nacht…“

null

Der Western ist seit Anbeginn der Filmgeschichte eines der beliebtesten und vielfältigsten Genres überhaupt, denn die Ausrichtung der Charaktere und der Handlungsorte kann so unterschiedlich sein, dass diese Welt keine Grenzen zu haben scheint. Dabei muss man natürlich auch über den klassischen Westernhelden hinausblicken, für den die Legende John Wayne Jahrzehntelang Pate stand. Auch Clint Eastwood wurde als wortkarger und ebenso gnadenloser Namenloser zur Legende in diesem Genre und konnte seinen großen Durchbruch mit Colt und zu Pferd feiern. Denkt man an die wichtigsten Westernregisseure, dann kommen zwei Namen in den Sinn, die beide auf den Vornamen Sergio hören. An erster Stelle der wohl bekanntere Sergio Leone, der mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ und seiner Dollar-Trilogie 4 Filme für die Ewigkeit geschaffen hat, die auch heute noch immer und immer wieder zitiert werden. Und dann gibt es da noch Sergio Corbucci, der Vertreter des dreckigen Western, in denen es keine Helden gibt und alles in ihrem grenzenlosen Pessimismus ertrinkt. Ob Spaghetti-Western oder Neo-Western, diese Filme werden immer angesagt bleiben und genügend hochkarätige Schauspieler in sich tragen dürfen. Dann gibt es allerdings noch ein anderen Bereich im Western, dem sich Regieexzentriker Jim Jarmusch 1995 mit „Dead Man“ widmete: dem Anti-Western.

Eigentlich sollte die Reise in den Westen für William Blake auch ein Neubeginn sein, denn in dieser ihm unbekannten Umgebung wurde ihm ein Job als Buchhalter angeboten, den Blake nun, nach der Beerdigung seiner Eltern, mit Freude antreten möchte. Die Ernüchterung ist vor Ort eine große. Der Job ist vergeben und Blake wird nicht gebraucht, genauer gesagt, er wird mit geladener Waffe vertrieben und der gebildete Mann im Anzug wird zu einem Niemand. Als er eine Frau trifft und Blake von ihrem Mann mit ihr im Bett erwischt wird, teilt er einige Kugeln aus, fängt sich aber auch eine ein und schleppt sich, trotz seiner Verletzung, in die tiefen Wälder, wo ihn schließlich der Indianer Nobody findet und pflegt. Allerdings sieht der Indianer in Blake einen verstorbenen Dichter und die beiden unterschiedlichen Menschen machen sich auf eine gemeinsame Reise, während Blake von drei Kopfgeldjägern verfolgt wird…

Es gibt kaum einen anderen Film, der eine derart melancholisch-düstere Atmosphäre wie „Dead Man“ hat. Das Jim Jarmusch seinen Film in finsterem schwarz-weiß drehte, trägt natürlich an erster Stelle schon etwas zum starken Feeling bei, aber gerade der Score von Neil Young ist da der Hauptgrund, das sich diese Atmosphäre um den Zuschauer legen kann und direkt in diese triste Farblosigkeit zieht, in der es weder Spaß noch Euphorie gibt. Wenn die verzerrten Gitarrenklänge ertönen, dann hat das einen wunderschönen Charme, bringt aber dennoch eine unheimlich traurige und philosophische Note mit, die den Kern des Films einfach genauestens trifft, ohne ihn aber zu überschatten. Die Kameraführung von Robby Müller passt sich der Eigenart von Jarmuschs Führung ebenfalls perfekt an, denn die weiten Einstellungen scheinen manchmal kein Ende zu nehmen und geben dem Film so kein wirkliches Tempo. Hier findet das Musikalische und die visuelle Brillanz einen Einklang und kann sich mit der Inszenierung einmalig verknüpfen.

In der Hauptrolle sehen wir Johnny Depp, mitten in seiner Sturm und Drangphase, als William Blake. Wo Depp zuvor noch als Normalo in „Gegen die Zeit“ eine gute Figur machte, darf er in „Dead Man“ wieder einen ziemlich untypischen Charakter spielen, der natürlich genau zu Depp passt. Blake wollte eine Zukunft, bekam aber nur Ablehnung vor den Kopf geknallt und fängt sich eine Kugel ein, die seinen Werdegang durch die Akzeptanz bestimmt. Depp zeigt eine grandiose Darstellung, die sich gerade durch ihre Ruhe auszeichnet und in jedem Moment eine ganz eigene Melancholie mit sich bringt und vor allem von Depps fantastischer Mimik nährt. Gary Farmer als Indianer Nobody bringt auch eine tolle Leistung und weiß seinen Indianer, der schon ironisch überspitzt dargestellt ist, ebenfalls fein auszufüllen und gibt so den mehr als interessanten Gegenpart zu Johnny Depp. Aber auch die kleinen Nebenrollen sind stark besetzt. Da hätten wir Crispin Glover als schmutziger Lokomotivenmaschinist, Lance Henriksen als gewissenloser Kopfgeldjäger, John Hurt als John Schlofield, Robert Mitchum als John Dickinson, Iggy Pop als Sally, Gabriel Byrne als Charlie Dickinson und Billy Bob Thornton als Big George.

Wer also von „Dead Man“ einen Western in gewohnter Tradition erwartet, in der ein redefauler Cowboy durch die Einsamkeit reitet und sich mit den verschiedensten Gestalten anlegt, nur um seine eigene Coolness anzutreiben, der liegt deutlich daneben. Jim Jarmusch inszeniert einen Anti-Western, in dem es nicht im Ansatz zu einer Heldenzeichnung kommt, sondern nur zu einem Mann, dem alle Träume zertreten wurden und der sich innerhalb einer Nacht zum totgeweihten Outlaw macht. Jarmusch stellt uns die Welt, in die Blake vordringt, als einen Ort der Hoffnungslosigkeit vor. Die Industrialisierung kennt keine Gnade, weder mit den Menschen, noch mit der Natur, und alles geht im Schlamm der Gegenwart unter. Amerika verkommt zur Zivilisation, die einzig aus Zerstörung und erbarmungsloser Gewalt entstanden ist und kann diese Brutalität und den Tod einfach nicht mehr aus sich treiben. Nach Gerechtigkeit fragt man hier besser nicht, genau wie man Blake kein Glück auf seiner Reise wünschen sollte, einfach weil sein Weg längst beschlossene Sache ist. „Dead Man“ wird zur lakonischen Totenmesse, in dem die Menschen ihr Äußeres mehr und mehr ablegen und den Worten ihrer Seelen folgen, die sich irgendwo zwischen Gesetzlosigkeit, Opferung, Reinkarnation und Erlösung festsetzten. Jeder Weg deutet hier auf den Tod und das Elend, jeder Schritt ist auch ein Schritt näher an das eigene Ende und die unausweichliche Vergänglichkeit wird zunehmend deutlicher. Mit dem Verlassen des Zuges wurde Blake auch schlagartig jede Zukunft genommen, doch wann Blake zum Dead Man wird, muss der Zuschauer zwischen Interpretationsansätzen, Metaphern und interessanter Symbolik schlussendlich selber entscheiden.

Fazit: „Dead Man“ ist wieder einer dieser Ausnahmefilme, die man so im Leben nur einmal zu sehen bekommt. Dem Western wird hier zu keiner Sekunde gehuldigt, Helden gibt es nicht, genauso wenig wie es Anti-Helden, glorreichen Taten und ehrenvolle Tapferkeit gibt. In „Dead Man“ gibt es nur den Weg in den Tod und die Akzeptanz von diesem. Mit vielfältigen Interpretationsansätzen erzählt Jim Jarmusch seine Geschichte ohne sich den Konventionen zu beugen oder seinen Film in die traditionelle Westernschiene laufen zu lassen. „Dead Man“ ist ein Indie-Meisterwerk der ganz besonderen Sorte, mit einem überwältigen Soundtrack, wunderbar-melancholischen Bildern und tollen Darstellern, die „Dead Man“ auch zu einem Kunstwerk machen und zu einer erneuten Sichtung immer wieder einladen.

Bewertung: 9/10 Sternen