Kritik: Edge of Tomorrow (AU, USA 2014)

Autor: Sebastian Moitzheim

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„You’re a weapon.“

Vor ein paar Jahren haben meine damaligen Mitbewohner und ich das 80er-Jahre-Videospiel „Rick Dangerous“ entdeckt. Wir hatten eines Abends meinen C64 und den Amiga meines Mitbewohners angeschlossen und im Grunde alle Disketten durchgetestet, die wir hatten. Bei „Rick Dangerous“ blieben wir hängen und schworen – im natürlich absolut nüchternen und zurechnungsfähigen Zustand –, den Amiga nicht abzuschalten, bevor wir das Spiel durchgespielt hatten. Der Computer lief für drei Tage und Nächte.

„Rick Dangerous“ ist eines der notorisch schwersten und frustrierendsten Spiele aller Zeiten. Selbst wenn man die ohnehin schon schwierige und ungelenke Mechanik des Spiels perfekt gemeistert hat, ist es unmöglich, ein Level des Spiels beim ersten Versuch zu beenden. Das liegt daran, dass überall unsichtbare, bei der ersten Berührung tödliche Fallen lauern. Die einzige Möglichkeit, das Spiel durchzuspielen, ist also, immer wieder zu sterben und nach und nach die Level und die Position der Fallen auswendig zu lernen.

Es mag wie ein Vorwurf klingen, wenn ich nun schreibe, dass „Edge of Tomorrow“ für mich diese Videospiel-Erinnerung rekreiert hat, aber ich meine das äußerst positiv. „Edge of Tomorrow“ ist, obwohl keine Videospielverfilmung (der Film basiert stattdessen auf dem Roman „All you need is Kill“ von Hiroshi Sakurazaka), einer der besten Videospielfilme aller Zeiten – und außerdem ein Vertreter einer Art von Blockbuster, die wir im Jahr vier nach „The Dark Knight“ nur noch sehr selten zu sehen bekommen.

„Edge of Tomorrow“ sieht aus wie ein Ego-Shooter, nimmt sich allerdings eher die Mechaniken und assoziierten Emotionen eines Old-School-Plattformers zum Vorbild und ersetzt das in Videospielen falsche Gefühl, etwas erreicht zu haben, durch eine echte Fallhöhe, etwas, das tatsächlich auf dem Spiel steht (das, ähhh, Fortbestehen der Menschheit). Das Ergebnis ist ein Film, der eine unwiderstehliche Sogkraft, einen, um beim Videospielvergleich zu bleiben, Suchtfaktor entwickelt und den zu schauen eine geradezu kindliche Freude bereitet.

Die Prämisse des Films ist im Grunde mit „Täglich grüßt das Murmeltier“ meets „Aliens“ hinreichend beschrieben: Tom Cruise spielt William Cage, einen Army-Major ohne Kampferfahrung, der gezwungen wird, bei der letzten Offensive der Menschheit gegen ihre außerirdischen Invasoren an die Front zu gehen – obwohl er nichtmal weiß, wie er die Waffe seines futuristischen Mecha-Kampfanzugs entsichert. Cage stirbt im Gefecht mit den Aliens – und wacht am Tag vor der Offensive wieder auf, gezwungen, den Kampfeinsatz erneut zu durchleben.

Im Grunde hat Cage also einen “Checkpoint”, von dem aus er wieder und wieder neu startet. Nach und nach lernt er nicht nur, besser mit seinem Kampfanzug umzugehen, sondern lernt auch die Schlacht gegen die Aliens “auswendig”, weiß im Voraus, wann er wo sein muss, um welchen Kameraden zu retten etc. Doch nichts davon hilft ihm und der Menschheit im Großen – die Aliens scheinen auf die Offensive der Menschen vorbereitet, die Chancen der Menschheit, siegreich aus der Schlacht hervorzugehen, tendieren gegen null. Erst, als Cage auf dem Schlachtfeld auf Rita Vrataski (Emily Blunt), das Postergirl des menschlichen Widerstands gegen die Aliens, trifft und diese ihm sagt “Find me when you wake up!” schöpft er neue Hoffnung, und gemeinsam mit seiner neuen Verbündeten/Trainerin sucht er nach einem Weg, den Kreislauf zu beenden.

Es ist eine Weile her, dass ich mich so in einen Blockbuster-Protagonisten hineinversetzen konnte, so sehr mit ihm mitfieberte. Das sagt etwas über mich aus, dass ich die Sorte Nerd bin, der eine Filmkritik mit einer länglichen Besprechung eines obskuren 80er-Jahre-Videospiels beginnt, aber auch etwas darüber, wie gut Regisseur Doug Liman und sein Team Cages Erfahrungen in Szene setzen. Cages Frustration, der Horror, immer wieder denselben, grausamen Kreislauf durchleben zu müssen und nicht zuletzt seine Angst in den Sekundenbruchteilen vor seinen vielen Toden sind fast körperlich spürbar, wobei „Edge of Tomorrow“ selbst allerdings nie frustrierend wird. Das hat eine ganze Menge mit dem Schnitt von James Herbert zu tun, der dem Film soviel Rhythmus und Tempo mitgibt, dass man vergisst, dass man im Grunde immer das gleiche sieht. Die sich wiederholenden Einstellungen und die Großaufnahmen von Cruises Gesicht, kurz bevor er mal wieder von Emily Blunt erschossen wird, werden gerade so lange gehalten, dass sie wirken, aber nicht so lange, dass man als Zuschauer gezwungen ist, sich in der Grausamkeit von Cages Schicksal einzurichten und darüber den Spaß vergisst.

Denn Spaß, und das ist im heutigen Blockbuster–“Entertainment” ja nicht selbstverständlich, steht bei „Edge of Tomorrow“ klar im Vordergrund. Leicht hätte man aus der Prämisse einen weiteren hyperseriösen, selbstverliebten, “realistischen” Prätentionsblockbuster machen können. Der Trailer suggeriert ja sogar einen solchen. Stattdessen hat man sich dankbarerweise für erfrischend klassische, eskapistische Unterhaltung entschieden, wie man sie heutzutage viel zu selten zu sehen bekommt. Das Skript von Jez und John-Henry Butterworth sowie „Jack Reacher“-Regisseur Christopher McQuarrie glänzt nicht nur durch ein geradezu lehrbuchhaftes Verständnis von Dan Harmon’scher Storystruktur, sondern auch durch einen trockenen, selbstironischen Humor und eine tatsächlich interessante, gut geschriebene Hauptfigur. An dieser Stelle – und es tut mir durchaus weh, das zu sagen – kommt man nicht daran vorbei, Tom Cruise zu loben: Nicht viele A-List-Stars würden eine solche Figur spielen, eine Figur, die über Strecken des Films nicht nur lachhaft ungeschickt im Kampf, sondern auch egoistisch und feige ist. Einen Helden zu sehen, der tatsächlich eine Entwicklung durchmacht, der erst zum Helden werden muss, ist erfrischend, und Cruise liefert eine angenehm uneitle, aber dennoch charismatische Performance ab.

Bei all dem Lob sind einige Schwächen des Films nicht zu übersehen: Die Action ist zwar kompetent, aber auch etwas generisch inszeniert, was allerdings, da sie eher in kurzen Ausbrüchen, beinahe wie jump scares im Horrorfilm, eingesetzt wird, nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Schwerer wiegt da schon die Tatsache, dass „Edge of Tomorrow“ nicht eine einzige originelle, visuelle Idee hat und stattdessen allzu offensichtlich “Inspirationen” aus einer Reihe von Vorbildern von „Aliens“ und „Starship Troopers“ bis zu „Der Soldat James Ryan“ remixt (und beim Aliendesign war der Videospiel-Einfluss vielleicht etwas zu groß). Auch eine Basil Exposition-Figur, die tatsächlich die Handlung anhält, um eine PowerPoint-Präsentation über die Aliens zu geben, trübt das positive Gesamtbild etwas.

„Edge of Tomorrow“ verlässt sich letztlich ausschließlich auf seine, naja, nicht unbedingt originelle, aber doch unverbrauchte Prämisse. Das kann er allerdings auch, denn als einer der wenigen High-Concept-Filme weiß er mit dieser Prämisse tatsächlich etwas anzufangen, sie auszureizen und Spaß mit ihr zu haben. Dabei traut er dem Zuschauer zugegeben ein höheres Maß an suspension of disbelief zu als die meisten aktuellen Blockbuster. Wer dies allerdings aufbringen kann, wird mit einem Blockbuster belohnt, der, anstatt so zu tun, als wäre er eine Dokumentation, den Zuschauer tatsächlich mitnimmt, ihn eintauchen lässt in eine involvierende, handwerklich perfekt erzählte Geschichte. Dass „Edge of Tomorrow“ der erste Film seit „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ ist, der aus einer tatsächlichen Liebe zu Videospielen und einem Verständnis für ihre Reize heraus gemacht zu sein scheint, ist da fast nur noch Bonus: Wer Videospiele liebt, dürfte auch „Edge of Tomorrow“ etwas abgewinnen können. Es reicht aber auch, wenn man Filme liebt und nicht grundsätzlich dagegen ist, bei einem Blockbuster mal wieder Spaß zu haben.

Diese Gast-Kritik stammt von Sebastian Moitzheim. Auf seinem Blog smoitzheim.de äußert er sich leidenschaftlich zur Film- und Fernsehkultur und in seinem Podcast Wasting Away widmet er sich zusammen mit Batz Filmen, die nur mit Alkohol zu ertragen sind.