"Elephant" (USA 2003) Kritik – Kontrollverlust in der Alltäglichkeit

„Hier ist gleich die Hölle los.“

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Immer wieder wird die Welt durch neue und unvorhergesehene Amokläufe in den verschiedensten Ländern erschüttert. Menschen verschiedensten Alters, vom Schüler bis zum erfolgreichen Geschäftsmann, greifen zur Waffe und verwandelt einen belieben Ort in wenigen Minuten in einen Platz von Blut und Schrecken. Familien werden zerstört, Menschen bis an ihr Lebensende traumatisiert und der Ort des Geschehens, wird für die Ewigkeit mit den grauenhaften Vorfällen in Verbindung gebracht werden. Man denke nur an die Amokläufe von Erfurt, Littleton, Utøya und zuletzt in Aurora, in dem der 24jährige James Holmes bei der „The Dark Knight Rises“-Premiere ein Kino gnadenlos stürmte. Sind Filme über so ein brisantes, aktuelles und schockierendes Thema nun von Nöten, oder erweisen sie sich sogar als respektlos den Opfern und den Angehörigen gegenüber? Die Frage lässt sich leicht beantworten: Es kommt immer darauf an, wie man dieses Thema behandelt und umsetzt. Michael Moore hat mit seiner Dokumentation „Bowling for Columbine“ schon den richtigen Ton angeschlagen, wobei er den Amoklauf von Littleton dabei nur als Ausgangslage genommen hat. Gus van Sant hingegen hat es mit seinem Spielfilm „Elephant“ ebenfalls genau richtig gemacht und entfernt sich von jeder Moralverstellung.

Alles ist mal wieder wie immer. Die Wolken ziehen, die Sonne flüstert leise und in einer Highschool in den USA geht der Alltag seinen gewohnten Gang. Elias folgt seiner Lieblingsbeschäftigung und schießt Fotos von seinen Mitschülern, Michelle hat mal wieder keine Lust auf den Sportunterricht und einige Mädchen lästern über alles und jeden, um dann ihr Frühstück auf der Schultoilette wieder auszubrechen. Gerüchte hier, Gerüchte da, und auch der Sportler Nathan möchte mit seiner Freundin nicht mehr an der Schule sein, ihre Matheklausur lief nämlich nicht besonders gut. Nebenbei planen Eric und Alex noch ihren Amoklauf, bei dem sie keine Gefangenen machen werden und den Alltag der Highschool ins blutige Chaos stoßen.

Die Kamera von Harris Savides begleitet die Darsteller immer wie ein stummer Verfolger. Ein leichter Blick über die Schulter, ein distanziertes Beobachten aus der Ferne und lange Einstellungen aus ruhigem Blickwinkel. Savides lässt eine Alltäglichkeit entstehen, begleitet die Schüler über die Flure und in die Klassenzimmer, alles macht den Anschein, als würde es sich hier wirklich um eine echte Highschool handeln. Um noch weitere Natürlichkeit im Zusammenspiel der Schauspieler heraufzubeschwören, hat man allen Darstellern die realen Namen gelassen. Alex Frost und Eric Deulen, die beiden Amokläufer, heißen auch im Film Alex und Eric. Hobbyfotograf Elias heißt im echten Leben Elias McConnell und der blonde John Robinson, wird im Film zu John McFarland. Auch die musikalische Untermalung beschränkt sich auf wiederholende Andeutung von Ludwig von Beethovens Für Elise, oder der Mondscheinsonate, was auch dem Charakter von Alex eine Kultiviertheit gibt und in kein unintelligentes Muster drückt.

„Das wird ein großer Tag für uns. Ein Feiertag.“

„Elephant“ eröffnet uns ein Bild einer stinknormalen, aber fiktiven Highschool, irgendwo in den Vereinigten Staaten. Die Mädchen tuscheln und tratschen, irgendjemand muss mal wieder zum Rektor und in der Essenshalle herrscht der typische Lärm, weil sich hier jeder die tollsten Neuigkeiten erzählen muss. Die Außenseiterin, die in der Bibliothek arbeitet, wird mit schrägen Blicken gestraft, Gerüchte um eine Frauenschlägerei machen die Runde und Alex und Eric wollen die Highschool in einen Ort des Grauens verwandeln, in dem sie ihren durchdachten Plan vom Amoklauf in die Tat umsetzen. Gus van Sant arbeitet mit subtiler Alltäglichkeit und zieht uns in eine Welt, die wir so, oder so ähnlich, alle kennen, dementsprechend universell ist seine Inszenierung und lässt sich auf jede Schule in einem beliebigen Land projizieren.

Smalltalk, Sportunterricht, fotografieren und die typischen Problem dieser Zeit werden besprochen. Das Van Sant dabei keine Antworten auf das Motiv seiner beiden Amokläufer gibt, erweist sich als bestmöglicher Weg, sich diesem Thema anzunehmen. Van Sant geht nicht den konventionellen Schritt und erzählt dem Zuschauer, was er hören will und verrennt sich so in spröden Klischees, sondern kratzt nur an den Ursachen und kann aus diesen losen Andeutungen eine Eindringlichkeit erzeugen, die keine Moralpredigt im Ansatz nötig hat. Sexuelle Orientierungslosigkeit, Extremismus und die altbekannten Killerspiele. Irgendetwas könnte es sein, vielleicht könnte es aber auch an etwas ganz anderem liegen. Leichte Parallelen zu realen Amokläufen sind natürlich gegeben, doch „Elephant“ will hier nichts nachstellen, sondern zum Nachdenken anregen. Kann man einen solch grausamen Vorfall vermeiden, oder ist man hilflos? Kann man es vorhersehen, oder ist man in seiner stetiger Angst gefangen? Van Sant lässt jedem Zuschauer die Möglichkeit, sich die Antwort selber zurechtzulegen und will so weder manipulieren, noch irgendjemanden in ein Muster drängen. „Elephant“ ist kühles, aber umso intensiveres Indie-Kino der ganz besonderen Sorte.

Fazit: Wenn man sich dem Thema Amoklauf nähern will, dann ist man mit Gus van Sants „Elephant“ genau an der richtigen Adresse. Hier bekommt man zwar keine Antworten auf Ursachen und auch die Charaktere dienen nicht den stumpfen Klischees, sondern man muss als Zuschauer selber für sich entscheiden. „Elephant“ eignet sich dementsprechend auch dafür, ihn mit mehreren Personen zu gucken und über die Motive und das Gesehene zu diskutieren. Van Sant hat keinen leichten Film inszeniert und die Kraft die er aus der Alltäglichkeit, verbunden mit der Gräueltat, zieht, ist ein kalter Schlag in die Magengrube, doch „Elephant“ ist ein wichtiger Film, den man sehen sollte und sich genauso mit ihm beschäftigen, auch noch nach dem Abspann.

Bewertung: 8/10 Sternen

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