"Get the Gringo" (USA 2012) Kritik – Mel Gibsons Sommerferien im mexikanischen Gefängnis

Autor: Pascal Reis

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„Is this a prison, or the world’s shittiest mall?“

Wenn man das gegenwärtige Action-Genre etwas genauer unter die Lupe nimmt, dann ist der angestrebte Fasson mehr als überdeutlich zu erspähen: Alter vor Schönheit. Das Zepter im sogenannten „Männerkino“ dürften heute erneut die Helden der Vergangenheit gen Himmel strecken und erleben so ihren zweiten Frühling, in dem sie wieder an dem Punkt angekommen sind, der auch schon den Karrierestartschuss in den frühen 80er Jahren gegeben hat. Arnold Schwarzenegger ist mit „The Last Stand“ als grimmiger Sheriff zurück in die Kinos gekehrt, Bruce Willis darf als John McLane in „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“ zum fünften Mal die Welt retten und die große Seniorenzusammenkunft mit fulminanten Kalibern und eminenten Stichwaffen, die den Fans der in die Jahre gekommenen Haudegen Freudentränen in die Augen trieb, fand bereits in „The Expendables“ und „The Expendables 2“ statt – Festtage im Land wo Blut und Testosteron regieren. Eine Person darf da natürlich nicht fehlen: Mel Gibson. Das schwarze Schaf Hollywoods, verbannt aus dem Garten Eden, kehrt ebenfalls schlagfertig zurück und macht in Adrian Grunbergs „Get the Gringo“ sogar eine außerordentlich gute Figur.

Eigentlich wollte der namenlose Gangster, der nur als Driver bekannt ist, diesem Schicksal entgehen, doch als er bei einer hitzigen Verfolgungsjagd unerlaubt die Grenze nach Mexiko lautstark durchschlug und so problemlos in die Hände der mexikanischen Polizei rauschte, war das bittere Urteil unumgänglich: Ab hinter schwedische Gardinen mit Driver. Als Driver an seinem neuen Aufenthaltsort angekommen ist, stellt er fest, dass er sich nicht um ein normales Gefängnis handelt mit Zellen und klarer Strukturierung, nein, Driver ist einem kleinen Dorf angelangt, umringt von riesigen Mauern und in diesem Mikrokosmos werden die Regeln von den schmutzigen Umgängen der Insassen bestimmt, die von den leitenden Bossen, ebenfalls Verbrecher in Anzügen, angeleitet werden. Als Driver einen 10 jährigen Jungen und seine Mutter kennenlernt, setzt er sich zum Ziel, die zweiköpfige Familie aus dem Gefängnis zu schaffen. Das erweist sich natürlich als äußerst problematisch, denn nicht auf Driver haben es die Bosse abgesehen, sondern auch auf die Leber des Kleinen…

Mel Gibson hat seinen Ruf in der Traumfabrik in unzählige Teile zerschlagen und der ehemalige Superstar, der dank Filmen wie „Lethal Weapon“, „Was Frauen wollen“ und „Braveheart“ eine zeitlang zu den beliebtesten Schauspielern der Welt zählte, wird nun mit aufgeladenen Hasstiraden in Form von Beschimpfen wie „Fatalist“, „Antisemit“, „Alkoholiker“ und vielen anderen Dingen beworfen. Unbegründet sind diese Äußerungen mit Sicherheit nicht, Mel Gibson hat sich ohne Frage daneben benommen, aber wenn wir einmal versuchen Film und Privates voneinander zu trennen, dann bleibt Mel Gibson einfach ein sehr guter Schauspieler, der ein herrliches Repositorium an Chrisma und Sympathie bereithält, dem man sich als Zuschauer nicht entziehen kann. Und genau das ist der ausschlaggebende Faktor, der „Get the Gringo“ in erster Linie so spaßig macht. Mel Gibson zeigt sich als namenloser Gringo in herrlicher Verfassung und sein mannigfaltiges Minenspiel zu beobachten ist Unterhaltung pur. Da können Jungdarsteller Kevin Hernandez und Dolores Heredia lange nicht mithalten.

Adrian Grunbergs Action-Komödie „Get the Gringo“ sollte im Vorfeld nicht mit diesem Namen betitelt werden, sondern als „How I Spent My Summer Vacation“ den Weg in die Kinos finden. Nach der Betrachtung des Filmes wäre dieser Titel der deutlich passendere gewesen, denn hier wird genau dieser ironische Grundton reflektiert, den Grunberg durchgehen ausstrahlen kann. Wenn man sich mit der Filmographie von Mel Gibson bereits etwas vertraut gemacht hat, dann lässt sich „Get the Gringo“ vor allem als amüsante Wiederaufbereitung sämtlicher Gibson-Werke und den damit verbundenen Charakteristiken verstehen. Im Allgemeinen ist das Geschehen hier so auf seinen Hauptdarsteller fokussiert, dass es doch ein wenig verwunderlich ist, dass sein Name nicht direkt in den Filmtitel eingebaut wurde. Was nun nicht bedeuten soll, Grunberg würde auf Biegen und Brechen versuchen den gefallenen Stern Gibson wieder die Türen nach Hollywood zu öffnen und auf überzogene Selbstdarstellungen des Australiers setzten, im Gegenteil, Gibson ist Dreh- und Angelpunkt, doch immer charmant und im besten Sinne einnehmend.

Die Geschichte vom Kriminellen, der im Gefängnis landet, Freunde gewinnt und sich dann einen Weg in Richtung Freiheit sucht, wird keinen Preis für beachtliche Innovationen gewinnen. „Get the Gringo“ ist einfach eine außerordentlich unterhaltsame One-Man/Mel-Show, bei dem die grobe Optik an die schmutzigen Zeiten des 70er und 80er Jahre Action-Kinos erinnert und den traditionellen Reißern à la Charles Bronson einen freundlichen Wink entgegensendet. Immer wenn Gibson den verbrecherischen Trubel voller Drogen, Organhandel und Brutalität mit seinen zynischen Off-Kommentaren unterstreicht, erreicht „Get the Gringo“ seine augenzwinkernden Höhepunkte, die dank der allesüberschattenden Ausstrahlung des Protagonisten nie störend aufgenommen werden. Der Humor des Films ist letzten Endes Geschmackssache und das einige schwarzhumorige Tiefschläge ausgeteilt werden, spielt dem legeren Ton des Ganzen genau in die Karten. Ein kleines Highlight im Action-Sujet ist „Get the Gringo“ schon, ohne seinen fantastischen Hauptdarsteller wäre der Streifen allerdings nichts wert.