"Glaubensfrage" (USA 2008) Kritik – Gefangen inmitten schwerer Zweifel

„Bei der Verfolgung von Unrecht kann es passieren, dass man sich von Gott entfernt.“

null

John Patrick Shanley dürfte wohl eher den Theaterfans ein richtiger Begriff sein. In der Filmwelt tat sich Shanley hingegen eher schwer und schrieb Drehbücher zu durchschnittlichen bis schwachen Filmen wie ‚Mondsüchtig‘ oder auch ‚Vier Dinos in New York‘. Als Regisseur versuchte er sich erfolglos 1990 bei ‚Joe gegen den Vulkan‘, zu dem er auch das Drehbuch schrieb, mit namenhafte Besetzung wie Tom Hanks und Meg Ryan. 18 Jahre sollte es dauern, bis Shanley sich wieder auf den Regiestuhl wagte, doch dieses Mal sollte es anders werden. Mit ‚Glaubensfrage‘ brachte er sein eigenes preisgekröntes Theaterstück „Doubt: A Parabel“ auf die große Leinwand und inszenierte einen guten Film mit brandaktuellem Thema.

Der sympathische Pater Flynn wird an die St. Nicholas Schule in die Bronx versetzt. Flynn ist der strengen Schuldirektorin Schwester Aloysius Beauvier ab dem ersten Moment ein Dorn im Auge. Als der Priester sich dann auch noch ganz besonders um den einzigen schwarzen Schüler der Schule kümmert, kommt der Schwester ein schrecklicher Verdacht.

‚Glaubensfrage‘ lebt ganz klar von den tragenden Schauspielerleistungen und Shanley konnte sich gleich zwei der besten Charakterdarsteller unserer Zeit sichern. Meryl Streep spielt die bestimmende Direktorin Schwester Aloysius Beauvier und zeigt wie immer eine ganz hervorragende Leistung. In jeder Szene treibt sie ihren Charakter weiter nach vorn und zieht die Zuschauer mit sich. Auf der anderen Seite steht der grandiose Philip Seymour Hoffman als charismatischer Pater Brendan Flynn. Hoffman steht nie im Schatten von Streeps Darstellung, ganz im Gegenteil. Er kann sogar noch mehr aus seiner Rollen holen und gibt eine derart facettenreiche wie vielschichtige Leistung ab, die wirklich begeistert. Aber auch die Nebenrollen haben so einiges zu bieten. Amy Adams als naive Lehrerin Schwester James versteht es ebenfalls genau ihre zarte Figur auszufüllen. Viola David als Donalds Mutter hat zwar die kleinste Rolle, bringt aber trotzdem eine äußerst emotionale Vorstellung ab und rundet den starken Cast überzeugend ab. Es kommt nicht von ungefähr, das alle Schauspieler 2008 eine Oscar Nominierung bekamen.

‚Glaubensfrage‘ zielt in eine sehr genaue und brisante Richtung. In heutiger Zeit, in der man immer öfter von Kindesmissbrauch innerhalb einer Gemeinde hört und immer wieder in den Nachrichten von diesen schrecklichen Taten hört, wird man unweigerlich dazu gezwungen, sich seine eigenen Gedanken zu machen und unzählige Fragen zu stellen. Vor allem in dem Fall, man hat eigene Kinder, die mit der Zeit immer wieder etwas mit der Kirche zu tun haben werden. Wie reagiert man auf erste Hinweise und fremdwirkende Reaktionen des eigenen Kindes, die auf ein solches Verbrechen deuten könnten. Man darf allerdings auch nie überreagieren und in unklaren Situationen unschuldige anklagen. Genau in diese großen Wunden sticht Shanley mit seinem Film.

Wir kriegen die zwei unterschiedlichen Charaktere gezeigt, auf die sich der Film sorglos stützen kann, ohne zu befürchten, sie wären ihm nicht gewachsen. Wir haben den sympathischen und selbstbewussten Pater Flynn, der sich mit seiner netten Art bei den Schülern schnell beliebt macht. Er mag sie auch, doch ganz besonders scheint ihm der schwarze Donald ans Herz gewachsen zu sein. Dann die strenge Direktorin Schwester Aloysius, die ihr striktes System eisenhart durchzieht und keinerlei Fehler erlaubt. Zwei ambivalente wie auch undurchsichtige Charaktere werden uns geboten und wir als Zuschauer stehen zwischen zwei Fronten und befinden uns auf der eigenen Suche nach Wahrheit.

‚Glaubensfrage‘ ist immer dann am stärksten, wenn er die beiden Schauspielgrößen aufeinander loslässt und sie mit ihrem einzigartigen Können die geschliffenen Dialoge rausfeuern um sich gegenseitig in die Enge zu drängen. Shanley lenkt uns dabei immer in die von ihm bestimmten Richtungen und hält die Figuren dabei mit aller Klarheit fest. Abweichungen vom Thema gibt es keine und der Film geht durch Shanleys sachliche Inszenierung seinen straffen Weg. Was uns natürlich auch klar vorgibt, wie unser Gemütszustand in diesen Moment auszusehen hat und nur wenig Spielraum für die eigene Gefühlswelt gibt. Das stört aber nur wenig und Shanley wirft immer wieder neue Andeutungen und Hinweise auf die Wahrheit in den Film, die den Zuschauer fast wie in einem altmodischen Krimi miträtseln lässt.

Shanley inszeniert mit ‚Glaubensfrage‘ einen wichtigen Film, der nicht nur während der Laufzeit beschäftigen sollte, sondern auch nach dem Abspann noch nachdenklich stimmen. Shanley stellt die Methoden und das System der Kirche in Frage, genau wie die Macht des Glaubens. Eine Auseinandersetzung zwischen alten unveränderbaren Richtlinien (Schwester Aloysius) und frischem Wind (Pater Finny) wird intelligent in die schlimme Unwissenheit gedrückt. Am Ende steht jeder für sich alleine da und muss sich entscheiden in welche Richtung er nun geht. Glaubt er an das Gute im Menschen, oder zweifeln wir an Bezugspersonen und schreiten durch eine unergründliche Welt irgendwo gefangen zwischen Wahrheit, Lüge und Verdacht. Mit Sicherheit ist der zweite Weg nicht beruhigend und erfüllend, aber wohl ein Stückweit realistischen und ehrlicher, ganz besonders im Umgang mit sich selbst. Zweifel sind immer erlaubt, doch das Verurteilen muss gerechtfertigt sein.

Fazit: ‚Glaubensfrage‘ ist ein spannender und aktueller Film, der allein durch seine herausragenden Schauspieler durchgehend fesselt. Zwischendurch bestimmt Shanley mit seiner Inszenierung zwar etwas zu sehr und auch den erhobenen Zeigefinger hätte er an manchen Stellen lieber in der Tasche lassen sollen, sehenswert ist der Film aber in jedem Fall.

Bewertung: 7/10 Sternen