"Herz aus Stahl" (CN/GB/US 2014) Kritik – Brad Pitt rollt im stählerner Koloss durch Deutschland

Autor: Pascal Reis

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„Ideals are peaceful. History is violent.“

Du liebe Güte, was hatte er sich doch ins Aus geschossen, der David Ayer, als er da mit breiten Schrittes um die Ecke gebogen kam und seinen urbanen Thriller „Sabotage“ auf die Filmwelt losgelassen hat. Der Trailer versprach ein nihilistisches Manifest und das Comeback des charismatischen Muskelklotz Arnold Schwarzenegger, dem man schon so lang entgegengefiebert hat. Aber Pustekuchen, „Sabotage“ war ein tiefer Griff in die Toilettenschüssel, inkohärent erzählt, dass man Bezugspunkte beinahe mit der Lupe suchen musste, um trotzdem nichts zu finden und mit einem derart abstoßenden Zynismus signiert, dass es kein Pläsier bereitete, der chauvinistischen Rasselbande beim Arschlochsein zuzusehen. Dieses harsche Urteil wurde vielerorts mit Überraschung aufgenommen, war David Ayer, ähnlich wie Antoine Fuqua („The Equalizer“), doch immer als verlässlicher Genre-Handwerker wahrgenommen, der sich nicht für die weltbewegenden, aber doch die unterhaltsamen Stoffe verantwortlich zeigte: „Harsch Times – Leben am Limit“, „Street Kings“ und „End of Watch“ gefielen durchweg.

Was sich motivisch in seiner Vita abzeichnet, ist sein Hang zur kriminalistischen Thematik, zum Konflikt von Polizeiapparat und Delinquenz, wobei die Kollision beider Parteien immerzu in Grauzonen verwischen wurde: Auf beiden Seiten gab es Integrität und Verrat zu beobachten. Mit seinem neusten Film „Herz aus Stahl“ distanziert sich David Ayer vom Gangster-Milieu, hebt sich ab von den korrupten Gepflogenheiten auf Amerikas Straßen und dringt vor in die historische Vergangenheit: Dem zweiten Weltkrieg. Als wäre dieses Kapitel filmisch nicht schon bis zum Exitus aufbereitet worden, schien Ayer das Verlangen getrieben zu haben, ebenfalls seinen nicht gerade zimperlichen Senf dazugeben zu wollen. Ob das was werden kann, nachdem Ayer mit „Sabotage“ eines der miserabelsten Werke des letzten Kinojahres abgeliefert hatte? Es kann! Der mit einem Budget von knapp 70 Millionen Dollar formal hervorragend ausgekleidete „Herz aus Stahl“ wird – gerade im europäischen Raum – mit Sicherheit nicht auf die ihm würdige Gegenliebe stoßen, letztlich aber besinnt sich Ayer auf alte künstlerische Tugenden und vollbringt das, was er kann: Garstige Genre-Kolpotrage.

Selbstredend betreibt David Ayer, der nicht nur den Regieposten abgedeckt hat, sondern auch das Drehbuch schrieb, geschichtliche Klitterung, um eine nachweisbare Exaktheit damaliger Tatbestände ist es dem aus Illinois stammenden Künstler aber sowieso nicht gelegen. Stattdessen macht eine Texttafel zu Anfang schnell deutlich, in welche Richtung sich „Herz aus Stahl“ orientieren wird: Die deutschen Panzer sind denen der Amerika eindeutig überlegen. Kriegstechnik, das Aufeinanderprallen von Stahl, das Bedienen von Hebeln, Schaltern, Knöpfen und Abzügen. Und wenn Brad Pitt als mit zusammengekniffenen Blick dreinblickender Wardaddy in seiner ersten Szene einen deutschen Soldat vom Pferd reißt, um ihm sein Messer durch das Auge zu rammen, ist auch die Marschroute eindeutig festgelegt: Wer keine unvermittelt visualisierte Gewalt ertragen kann, der ist hier (und eigentlich in jedem anderen Kriegsfilm) an der falschen Adresse. „Herz aus Stahl“ geht in seiner eingefangenen Brutalität sogar soweit, dass er zuweilen in eine gar exploitative Dimension vordringt, so beherzt hier am laufenden Bahn Körper durch Gewehrsalven und Granateinschläge deformiert werden.

Als Zuschauer nehmen wir die Perspektive des Frischlings Norman Ellison (Logan Lerman) ein, eigentlich ein Schreiberling, der nun an die Front geschickt wird, um dem 1. Panzer Platoon zur Seite zu stehen. Es ist seine Unkenntnis, das Zögern, das anfängliche Erbrechen angesichts der ganzen geballten Gräueltaten, die das Charaktergefüge gelungen, aber keinesfalls sinnstiftend kontrastiert. Das eingeschworene Quartett um Wardaddy, Bible (Nuanciert: Shia LaBeouf), Gordo (Michael Pena) und Coon-Ass (Jon Bernthal) nämlich ist ein haufen rassistischer Machos, die die Deutschen über einen Kamm scheren und nichts lieber täten, als alle Soldaten mit Schwarz-Rot-Goldener Flagge auf dem Oberarm kaltblütig zu eliminieren – Nachdem sie ihre Frauen gepflegt geknattert haben, versteht sich, dafür braucht es ja ohnehin nur eine Tafel Schokolade. Ayer versucht dem Zuschauer zu Anfang noch metaphorisch zu verdeutlichen, dass auch unsere vermeintlichen Helden keine weißen Westen, sondern schlammverkrustete Uniformen tragen; ihre ausgelaugten Gesichter erzählen vom Krieg, von Afrika, Frankreich, Belgien und nun von Deutschland, die vorgeschriebene Heroisierung wird trotzdem nicht umgangen, was der charakterlichen Differenzierung selbstredend schadet.

Immerhin gibt es in den letzten Minuten von „Herz aus Stahl“ einen Moment, in dem Ayer all die nationalistische Ideologie auf einen unangenehm-räudigen Höhepunkt hätte schrauben können, stattdessen aber aufzeigt, dass auch ein SS-Bediensteter irgendwo nur Mensch ist. Das ist im Gesamtblick zu wenig, dafür überwiegen die patriotischen Manierismen der Hauptakteure, die sich zuweilen wie im Saustall gebaren, und doch ein kleiner „erfreulicher“ Funke, zu dem sich andere Regisseure (Gruß an Peter Berg) mit Sicherheit nicht aufschwingen hätten können. „Herz aus Stahl“ heftet sich weiterhin an die Schulter von Norman, er portiert uns über die Schlachtfelder, inmitten durch Blut, Schmutz, Gedärme und abgetrennte Extremitäten, um mit Wardaddys greifender Hand im Nacken zu realisieren, dass auch er nur ein Zahnrad im kriegerischen Getriebe ist, das auf Knopfdruck zu funktionieren hat, auch wenn es dafür seine persönliche Werte durchkreuzen muss: Recht und Unrecht tun hier nichts mehr zur Sache und jede Sekunde der Stille ist trügerisch, trägt der Wind einen Wimpernschlag später doch schon das Echo marschierender Soldaten mit sich. „Herz aus Stahl“ ist ein grimmiger Film, kein relevanter, vielmehr einer, der zubeißt, wenn man seine Hand nicht schnell genug wegzieht. Vielleicht ist das auch richtig so.