"Inside Llewyn Davis" (USA, FR 2013) Kritik – Die Leiden des jungen Künstlers

Autor: Stefan Geisler

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„Alles, was du anfasst, wird zu Scheiße. Als wärst du der idiotische Bruder von König Midas!“

Im New York der 60er Jahre platzt die Folkszene aus allen Nähten. In verrauchten Lokalen, auf der Straße oder im Bekanntenkreis geben die Künstler ihre Werke zum Besten und suchen nach dem einen großen Deal, der sie aus ihrer künstlerischen Misere holen wird, denn für viele reicht die Kunst nicht zum Leben, doch ein Leben ohne Kunst ist keine Option. In „Inside Llewyn Davis“ bringen die Coen-Brüder das ganz alltägliche Elend des Künstlertums auf die Leinwand, natürlich nicht ohne den ihn eigenen Witz. Doch trotz einiger heiterer Passagen handelt es sich bei „Inside Llewyn Davis“ wohl um den melancholischsten und gleichzeitig geerdetsten Coen-Film, der den Kinogänger mit ungewohnt düsteren Gedanken aus dem Film entlässt. „Inside Llewyn Davis“ ist eine bittere Milieustudie mit einem fantastischen Soundtrack und einem großartigen Ensemble, wobei sich besonders Hauptdarsteller Oscar Isaac mit seiner fantastischen Performance als erfolgloser Folk-Musiker in die Köpfe der Zuschauer gespielt haben dürfte.

Dunkel und verraucht ist die Welt von Sänger Llewyn Davis (Oscar Isaac), der sich schon seit einiger Zeit als Musiker in der New Yorker Folk-Szene einen Namen machen will und dafür jeden Job in jeder noch so kleinen Spelunke annimmt. Doch der große Durchbruch blieb dem erfolglosen Sänger bisher verwehrt. Und so fristet seine erste Solo-Platte „Inside Llewyn Davis“ auch weiterhin ein einsames Leben als Ladenhüter. Llewyn sieht sich an einem Scheideweg, soll er seine Kunst hinschmeißen und einem „anständigen“ Beruf nachgehen, oder so weitermachen wie bisher und weiter auf den großen Durchbruch hoffen. Ein Trip nach Chicago zum Musik-Produzenten Bud Grossman (F. Murray Abraham) soll für Klarheit sorgen…

Mit „Inside Llewyn Davis“ haben die Coen-Brüder einem besonderen Künstlerschlag ein Denkmal gesetzt, denn in ihrer düsteren Milieustudie stehen die Musiker und Künstler im Vordergrund, die ihr Leben zwar der Kunst verschrieben haben, von ihrer Kunst jedoch nicht leben können. Sie inszenieren Llewyn Davis Leben als wahre Künstler-Hölle, gefangen in einem nicht enden wollendem Kreislauf der Hoffnungslosigkeit. Davis spielt immer wieder in den gleichen Bars, trifft die gleichen Leute und muss sich Abend für Abend wieder Gedanken darüber machen, auf welcher Couch er wohl heute Nacht in einen unruhigen Schlaf fallen wird. Seinen Lebensunterhalt verdient er – wenn überhaupt – mit Gelegenheitsjobs, die ihm durch befreundete Musiker verschafft werden. Er ist immer „on the road“, ein echter Künstler-Streuner eben, der von Haus zu Haus zieht, immer in der Hoffnung, dass sich irgendwann doch noch einmal alles zum Guten wenden könnte. Für die Künstlerseele Llewyn Davis ist seine Folk-Musik Lebenselexir und Untergang zugleich.

Für den Soundtrack zu „Inside Llewyn Davis“ hat das Dream-Team Coen/T Bone Burnett 13 Jahre nach „O‘ Brother, Where Art Thou?“ wieder zusammengefunden. Doch während bei der Südstaaten-Odyssee „O‘ Brother, Where Art Thou?“ die musikalischen Einlagen noch im Hintergrund standen und der Film von der herausragenden Schauspielleistung des Hauptdarsteller-Trios George Clooney, John Turturro und Tim Blake Nelson getragen wurde, lebt „Inside Llewyn Davis“ von seinem träumerischen Soundtrack. Sich dessen bewusst, gibt das Regie-Duo den melancholischen Folk-Songs ungewohnt viel Freiraum zur Entfaltung, denn diese werden allesamt vollständig ausgespielt und können dadurch in ihrer ungebrochenen Kraft auf den Zuschauer wirken. Dies wird bereits in der Eröffnungsszene deutlich, in der uns Oscar Isaac mit einer gelungenen Interpretation von Dave Van Ronks Folk-Klassiker „Hang me, oh hang me“ von seinen gesanglichen Qualitäten überzeugen kann.

Fazit: „Inside Llewyn Davis“ ist ein echtes Kino-Kleinod. Die Kraft, die von dem neuen Werk der Coen-Brüder ausgeht, mag sich auf dem ersten Blick nicht jedem Zuschauer erschließen und doch hat wohl kaum ein anderes Werk in den letzten Jahren Freud und Leid des Künstlers so treffend auf die Leinwand gebracht. Joel und Ethan Coen bieten mit „Inside Llewyn Davis“ einen bitteren Einblick in den alltäglichen Kampf, den alltäglichen Wahnsinn des Künstler-Daseins. Perfekt abgerundet wird das Ganze durch einen wunderbar melancholischen Soundtrack, der einem noch Tage nach dem Kinobesuch nicht aus dem Kopf gehen will.