Klassiker-Tipp der Woche "Aguirre, der Zorn Gottes" (DE, PE, ME, 1972) Kritik – Der Rausch des Wahnsinns

„Wenn ich, Aguirre, will, dass die Vögel tot von den Bäumen fallen, dann fallen die Vögel tot von den Bäumen herunter. Ich bin der Zorn Gottes. Die Erde, über die ich gehe, sieht mich und bebt.“

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Es war das Jahr 1972 in dem Werner Herzog und Klaus Kinski ihren ersten gemeinsamen Film zusammen drehten. Mit ‚Aguirre, der Zorn Gottes‘ begann eine der kräftezehrendsten Zusammenarbeiten der Filmgeschichte. Die Dreharbeiten waren nicht nur einmal unglaublich turbulent und von Kinskis berühmten Wutausbrüchen geprägt, denn mit Klaus Kinski als Hauptdarsteller hatte Herzog eine pure Naturgewalt ausgewählt, dem in seiner Art niemand gewachsen war. Doch egal wie schwer die gemeinsame Zeit auch war, egal wie oft sie sich gegenseitig umbringen wollten und egal wie oft Kinski alles auseinander schlagen wollte, am Ende kam doch immer wieder ein einzigartiges Kunstwerk des deutschen Films dabei raus. Das lässt sich ohne Probleme auch auf ‚Aguirre, der Zorn Gottes‘ übertragen, der zum Beispiel für Hollywood-Größen wie Francis Ford Coppola als Inspiration diente.

Lange Zeit vorher reiste Herzog in die peruanischen Anden und erforschte das Gebiet um die passenden Drehorte für seinen Historien-Film zu finden. Viele Probleme kamen natürlich auf, Stromschnellen die zu reißerisch waren, undurchdringliche Sumpfgebiete und die Bestie Natur in ihrer ganzen Kraft. Doch Herzog fand die richtigen, wenn natürlich auch extrem gefährlichen, Drehorte und das ist die erste, fast überschattende Stärke des Films. Die Kameraarbeit von Thomas Mauch zählt mit zu den intensivsten die ich bis jetzt erleben durfte. Zum Teil immer mit Handkamera ganz nah am Geschehen, ob auf einem Floß mitten in den Stromschnellen oder vor den Schluchten der nebeligen Anden, die gleich zu Anfang des Films eine der besten Einstellungen der Filmgeschichte liefert. ‚Aguirre‘ lebt zuerst von seinen unglaublich kraftvollen und aufbrausenden Bildern der unberührten peruanischen Natur. Dazu immer wieder der elektronisch beeinflusste, mystisch-paralysierende Score von Popol Vuh der dem Film in seinem unausweichlichen Sog den perfekten Klang gibt.

Mit Klaus Kinski als besessener Eroberer Aguirre hat Herzog SEINEN Schauspieler gefunden. Kinski spricht nur wenig, doch wenn er spricht zittert die Erde. Allein seine unbeschreibliche Ausstrahlung stellt alles in den Schatten und Kinski versteht es allein durch die winzigste Gestik den Zuschauer absolut zu bedrängen und angsteinflößend zu wirken. Und das zu jeder Zeit. Kinski zählt zu den besten Darstellern die je gab und wenn man sich allein die Filme mit ihm unter der Regie von Herzog ansieht, lässt das auch die letzten Skeptiker verstummen. Viel zu groß ist eine ständige Präsenz, auch wenn er nicht zu sehen ist. Mit Kinski atmet der Film und durch seine grandiose, einmalige und perfekte Darstellung setzt Kinski ‚Aguirre‘ die Krone auf. In den weiteren Rollen, natürlich auch gut gespielt aber immer im Schatten von Meister Kinski, Nastassja Kinski Film-und echte Tochter Kinskis, Del Negro als Gasper de Carvajal und Cecilia Rivera als Flores.

Was ‚Aguirre‘ zuerst so besonders und ausdrucksvoll macht ist die extreme Authentizität und die realistische Darstellung des Films. Es gibt keine Spezialeffekte, es gibt kein Double, alles wird selber gemacht, auch wenn es natürlich unglaublich waghalsig ist. Herzog schiebt sein Verhalten heute noch gerne auf den jugendlichen Leichtsinn. Dazu ist die Wahl seiner Schauspieler mehr als exzellent, denn wenn Indianer zu sehen sind, dann sind das auch echte Stammes-Indianer. Niemand wird von den eingeborenen verkleidet und alles bleibt echt. Dazu natürlich die bereits erwähnten langen, fast hypnotisierenden Einstellungen der berauschenden peruanischen Landschaften. ‚Aguirre‘ ist ein purer Kraftakt, für den Zuschauer sowie für die Schauspieler. Wenn die Schauspieler sich direkt am Anfang durch einen schmalen Pfad direkt neben einer Schlucht abmühen wird einem schnell bewusst, was für Strapazen die Menschen auf sich genommen haben. Doch es hat sich allemal gelohnt. Der Film behandelt natürlich ein ganz anderes Thema. Mit ‚Aguirre‘ inszeniert Herzog einen Film, über einen größenwahnsinnigen Eroberer, immer erzählt aus den Tagebüchern von Mönch de Carvajal. Aguirre, besessen von Gier und Macht. Erfüllt von Zorn und gleichermaßen Liebe für seine Tochter, will er sein eigenes Reich aufbauen. Immer dem Wahnsinn nah, wie Kinski selbst. Mit einer Handvoll Männer macht er sich auf dem Weg nach El Dorado, doch sein Plan erweist sich als reines Himmelfahrtskommando. Ein Weg, der zum Ruhm führen sollte findet sein Ende im Tod. Doch es ist nicht nur Aguirre der seine Männer an den Rand des Möglichen treibt. Der unsichtbare Feind aus dem Dschungel ist immer da, erst immer nur angedeutet, dann in manchen Szenen deutlich und doch immer fremd. Dazu die Krankheiten die ausbrechen, der Hunger der sich breit macht und die Wahnvorstellungen die den Männern jeglichen Sinn für Realität nimmt. Eine Reise ins Verderben, der Weg in die Schwärze. Gesprochen wird im Film dazu allgemein wenig, immer wieder lässt sich erkennen, das ‚Aguirre‘ in seiner Art manchmal auch gerne als dokumentarischer Stummfilm durchgehen könnte. Dazu muss man einfach nochmal lobend erwähnen, wie exzellent ‚Aguirre‘ Kinski immer wieder in Szene setzt, allein durch seine berühmte Kinskische-Schraube, indem er sich von hinter der Kamera ins Bild schraubt und plötzlich aus dem Nichts wieder das ganze Hauptaugenmerk auf sich zieht. Auch die geniale Art in der Aguirre einen Dialog führt um dann fast ausschließlich in einem absolut angsteinflößenden Monolog zu enden. Genau diese Sachen machen ‚Aguirre‘ einfach zu einem der besten Filme aller Zeiten, denn so etwas hat es bis dahin nicht gegeben und so etwas wird es nie wieder geben. Absolut Empfehlenswert an dieser Stelle auch der Audiokommentar von Werner Herzog.

Fazit: ‚Aguirre, der Zorn Gottes‘ zählt ohne weiteres zu den besten deutschen Filmen, aber auch zu den besten Filmen überhaupt. Zu seiner Zeit zerrissen, heute gefeiert. Mit Kinskis unheimlicher Leinwandpräsenz hat ‚Aguirre‘ den perfekten Schauspieler für den wahnsinnigen Eroberer gefunden, niemand hätte diese Rolle besser spielen können. Dazu der fast lähmende Score und der unbeschreiblich kraftvolle Sog der Bilderflut, der ‚Aguirre‘ zu einem einzigartigen Kunstwerk und zur vielleicht besten Zusammenarbeit von Kinski und Herzog macht.

Bewertung: 10/10 Sternen