Klassiker-Tipp der Woche "Der Marathon-Mann" (USA 1976) Kritik – Dustin Hoffman rennt um sein Leben

„Beruhigen Sie sich, bitte, ich bohre nicht an der alten Stelle weiter. Der Nerv dieses Zahnes stirbt bereits. Ein lebendiger, junger, frischer Nerv ist sehr viel empfindsamer, also werde ich einfach in einen gesunden Zahn hineinbohren, bis ich den Nerv treffe.“

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Die 1970er Jahre stehen für jeden Cineasten und Filmfreund in einem ganz besonderen Licht und werden nicht umsonst als glorreicher zweiter Frühling der Filmgeschichte bezeichnet. Die Regisseure konnten ihre eigenen Ideen konsequent umsetzen und die Drehbuchautoren gehörten zu den zielstrebigsten und präzisesten aller Zeiten. Wenn man sich einmal ansieht, welche Meisterwerke im Thriller- und Gangster-Genre in den 70ern auf die Welt losgelassen wurden, dann wird schnell klar, wieso man diese Zeiten einfach nur vermissen kann: „Taxi Driver“ von Martin Scorsese, „Serpico“ und „Hundstage“ von Sydney Lumet, „Der Pate 1 und 2“ von Francis Ford Coppola und natürlich „French Connection“ von Willam Friedkin. Düsternis, Brutalität und grandios ausarbeitete Charaktere zeichneten diese Jahre in ihrer ganzen Qualität aus. Aber in diese geniale Kategorie lassen sich noch zwei andere Namen zählen, die in Verbindung einen ebenso grandiosen Klassiker geschaffen haben: Regisseur John Schlesinger und Drehbuchautor William Goldman und ihr zeitloser Thriller „Der Marathon-Mann“ aus dem Jahre 1976.

Thomas Babington Levy, genannt Babe, ist ein engagierter Geschichtsstudent, der sich in seiner Doktorarbeit mit der McCarthy-Ära beschäftigt, die einen ganz persönlichen Wert für Babe hat, denn sein Vater hat sich in dieser Zeit aufgrund der antikommunistischen Demütigungen das Leben genommen. Aber Babe hat neben seinem Studium noch eine ganz andere Leidenschaft: Er läuft Marathon, und das jeden Tag, ohne Ausnahme, quer durch den Central Park, Runde für Runde um die Gitter des Sees. Als Babes Bruder Henry, genannt Doc, wieder in seinem Leben auftaucht, lässt das Chaos nicht lange auf sich warten, denn Babe wird in dunkle Machenschaften gezogen, mit denen er nicht im Ansatz etwas zu tun hat, sondern sein Bruder, der sich für etwas ganz anderes ausgibt, als er in Wirklichkeit ist. Babe blickt hinter die aufgesetzte Fassade und bekommt es schon bald mit dem ehemaligen Auschwitz-Zahnarzt Christian Szell zu tun, der ebenfalls seine Finger im Spiel hat…

Allerdings zeigen sich in „Der Marathon-Mann“ nicht nur die Namen hinter der Kamera in Bestform, sondern auch der hervorragend gewählte Cast ist ein wahres Erlebnis. In der Hauptrolle sehen wir Dustin Hoffman als Thomas Badington „Babe“ Levy, der auch schon in „Asphalt-Cowboys“ mit Regisseur Schlesinger zusammenarbeitete. Hoffman füllt seinen nach und nach desperaten Charakter mit derart viel Gefühl und Dynamik, dass jede Facette seiner unschuldigen Figur grandios heraussticht und Babe zu einer seiner besten Performances macht. Als Babes Bruder Doc ist Roy Scheider zusehen, einer der unterschätztesten Darsteller der Filmgeschichte, der hier zwar nur wenige Szenen zugesprochen bekommt, aber immer mit seiner wunderbaren Präsenz überzeugt und eine äußerst intensive Kampfszene zu bieten hat. Auch William Devane als Janeway und Martha Keller, die für ihre Rolle erst noch Englisch lernen musste, weiß als Elsa Opel zu gefallen. Das wahre Highlight in der Besetzung ist jedoch die unvergessliche Schauspiellegende Laurence Olivier als Christian Szell, der im KZ von Auschwitz nur als Weißer Engel bekannt war. Eine diabolische Glanzleistung, die in ihren besten Moment eine gewisse Tragik mit sich bringt und Szell nicht nur zum gefürchteten Gegenspieler macht, sondern auch ungemein interessant.

„Der Marathon-Mann“ zieht uns in das düster-rauchige New York der 70er Jahre. Kaum einladende Farbtöne, geschweige denn ein Hauch von Wärme. Hier scheint alles trist, verregnet und hoffnungslos. Kameramann Conrad L. Hall arbeitet mit unaufgeregten Einstellungen, bleibt immer nah am Geschehen und verliert sich zu keiner einzigen Sekunde auch nur einen Teil seiner exquisiten Standhaftigkeit. Gerade auch in der Konnektivität mit Michael Smalls energischem Soundtrack, der die Szenen genauestens unterstreicht und voll zur Geltung bringt. Dabei liegt das klare Interessengebiet von „Der Marathon-Mann“ jedoch in der Charakterzeichnung und der daraus resultierenden Entfaltung. Vom Geschichtsstudenten, der mitten in seiner Dissertation steckt und als wäre das nicht schon Stress genug, wird er in die Probleme seines CIA-Bruders gezogen, dessen wahre Berufung er immer geheim gehalten hat. Denen gegenüber steht der Alt-Nazi Christian Szell, spezialisiert für Zahnbehandlungen und weißhaariger Alptraum des Konzentrationslagers von Auschwitz. Wie Schlesinger diese Charaktere nach und nach offenbart und die Geschichten verknüpft, zählt zur großen inszenatorischen Klasse.

Dabei fängt „Der Marathon-Mann“ eigentlich ziemlich undurchsichtig und zusammenhangslos an. Die Handlungsstränge mit den dazugehörigen Charakteren werden zwar eingefügt, bekommen aber vorerst keinen klaren Hintergrund geschenkt. Babe, Doc, Elsa und Szell. Die Frage, die sich unweigerlich dem Zuschauer stellt ist, wie die Beziehungen zwischen diesen Figuren wirklich aussehen und in welche extreme Situation allesamt gestürzt werden, vor allem natürlich unser Protagonist Babe, dem die Todesangst immer wieder unverblümt in aller Deutlichkeit abzulesen ist. John Schlesinger beherrscht es meisterhaft, die Spannung kontinuierlich aufzubauen und das fesselnde Netz aus Konspirationen, Diamantenschmuggel, falschen Identitäten und verzweifelter Unschuld exzellent zu verknüpfen. Dazu gibt es dann noch eine der unbehaglichsten Szenen der Filmgeschichte, erzeugt durch den gänsehauterregenden Antagonisten und einer ganz speziellen Zahnbehandlung. „Der Marathon-Mann“ ist dynamisches, intensives, zeitloses und intelligentes Thriller-Kino der Extraklasse, gerade auch dank seiner Atmosphäre, die nicht nur packen kann, sondern auch die durchdachte Brillanz von Schlesingers Führung sorgfältig offenbart.

Fazit: „Der Marathon-Mann“ zählt zu den großen Thriller-Klassikern der Filmgeschichte. Mit hervorragenden Darstellern, die sich allesamt in Bestform zeigen, einer ausgeklügelten wie hochspannenden Geschichte, die zwar langsam anfährt, aber dafür umso schneller ihre Sogwirkung entfalten kann, einem präzise ausarbeiteten Drehbuch und dem umklammernden Score, wird Schlesingers Meisterwerk zur Pflicht für jeden, der sich gerne haltlos in eine durchdachte wie dynamisch erzählte Inszenierung ziehen lassen will.

Bewertung: 9/10 Sternen