Kritik: Avengers: Infinity War (USA 2018)

© Disney

Death follows him like a shadow.

Innerhalb des Begrifflichskeit- und Deutungsschemata des Marvel Cinematic Universe hat man sich über einen Zeitraum von über zehn Jahren in eine Dimension hinaufgeschwungen, in der greifbare Wortfügungen in keinerlei Hinsicht zum Greifen kommen können: Die produktionstechnische Größe, die einst Iron Man sehenswert losgetreten hat und nun von Avengers: Infinity War für das Erste auf ihren multimillionenschweren Höhepunkt gebracht wird, artikuliert sich nur noch in einem Radius, dem man selbst durch überbordende Formulierungen wie ‚gigantisch‘ oder ‚ultimativ‘ kaum gerecht werden kann. Die akkuraten Superlative, die die Superhelden-Formation um Thor, Captain America, Spiderman und Co. umspannen, müssen erst noch erfunden werden. Aber was bedeutet dieses überspannte Agieren in einem Rahmen, dessen Grenzen schier nicht mehr einzusehen sind? Nun: Avengers: Infinity War ist das Ergebnis eines künstlerischen Selbstverständnises gegenüber der eigenen Maßlosigkeit.

Man kann diese zehn Jahre und 18 (!) qualitativ weitgehend durchwachsenen Werke, die diese umzirkeln, nun also auch als eine Art Sensibilisierungsprozess des Zuschauers verstehen, der durch jene Einträge in das Marvel-Universum auf bisher nahezu unbekannte Wahrnehmungsorgane konditioniert wurde, um dem laut-grellen Treiben auf der Leinwand einigermaßen ohne neurologische Folgeschäden nachkommen zu können. Denn Marvel im Kino, das bedeutete auch über immer Reizüberflutung und Ermüdungserscheinungen. Umso überraschender erweist sich nun der Umstand, dass ausgerechnet Avengers: Infinity War der Film geworden ist, der selbst Marvel-Kritiker zufriedenstellen kann, eben weil sich nun endlich die Zeit und der Aufwand ausbezahlt machen, die man in die drei Phasen des filmischen Comic-Universums investiert hat. Das Regie-Gespann um Anthony und Joe Russo jedenfalls offenbart, welch unglaublich paralysierende Kraft dem MCU-Franchise inne wohnt.

Und Avengers: Infinity War ist es in seiner 150-minütigen Laufzeit primär daran gelegen, genau diese Kraft, diese Dynamik, diese Energie zu entfesseln. Der größte Vorteil, den dieses Gipfeltreffen der Superhelden mit sich bringt, ist, dass sich der Film nicht mehr darum bemühen muss, die einzelnen Charaktere einzuführen, ihnen Hintergründe anzuheften, ihre Gefühls- und Gedankenwelten anschaulich darzubieten. Stattdessen lassen Anthony und Joe Russo keinen Zweifel darauf aufkommen, dass Avengers: Infinity War von einem großen Gefühl der Angst durchzogen sein wird. Allein die Exposition ist von einer derartigen Gnadenlosigkeit angetrieben, dass es den Zuschauer ob all der beklemmenden Härte tiefer und tiefer in den Sitz presst. Die Befürchtung, dass es sich bei dieser Eröffnungssequenz um eine Ausnahme handelt, die womöglich nur den Kampfgeist der Avengers anstacheln soll, erweist sich schnell als Trugschluss.

Tatsächlich nämlich bleibt sich Avengers: Infinity War in seiner Tonalität der Ausweglosigkeit nicht nur treu, nein, er potenziert dieses Klima der mehr und mehr weichenden Hoffnung dermaßen gekonnt, dass es einen aufgrund der daraus entstehenden Immersion urplötzlich aus dem Geschehen (und der Beklemmung) reißt, wenn nach diesem zweieinhalbstündigen Leidensweg der Abspann einsetzt. Es erweckt ohnehin den Eindruck, als hätte das MCU ein Stück weit gelernt, seinen Protagonisten das Leiden zuzugestehen – also eben genau jene Stärke, die Zack Snyder in Man of Steel oder Batman V Superman: Dawn of Justice eindrucksvoll an die Oberfläche trug. Wenn sich Thanos (Josh Brolin, Sicario) auf die Suche nach den sechs Infinity-Steinen begibt, gleicht dies einer einzigen Schneise der physischen und psychischen Zerstörung. Egal, wo dieser Koloss auftaucht – alles, was er hinterlässt, ist Tod und Verderben.

Thanos darf sich indes auch als erster echter Bösewicht nach Loki aus dem ersten The Avengers beschreiben lassen – und das, obwohl sein Auftritt in den Trailern immer auch mit einer gewissen unfreiwilligen Komik verbunden war. Im Film selbst allerdings geht von ihm kontinuierlich eine unheimliche Aura der Vernichtung aus, weil sich das Regie-Gespann nicht auf beschwichtigende Kompromisse einlässt, sondern Thanos in seiner ganzen machtgierigen Unerbittlichkeit porträtiert. Bevor dieser Charakter aber Gefahr laufen könnte, zur Karikatur zu verkommen, ermöglicht Avengers: Infinity War ihm leise Momente der emotionalen Offenbarung, ohne diese schematisch oder kalkuliert wirken zu lassen.  Der berechtigte Vorwurf, dass Marvel es einfach nicht beherrscht, einen gelungenen Bösewicht zu entwickeln, stampft Thanos jedenfalls in Grund und Boden und hinterlässt nur Schutt, Asche und, ja, Tränen.

Von fundamentaler Wichtigkeit ist es schließlich auch für einen Film, der sich in einer solch ausgeprägten Hoffnungslosigkeit verständigt, die emotionale Fallhöhe des Geschehens nachvollziehbar und organisch fassbar zu machen. Und auch hier punktet der Film, wenn sich das Scheitern der Superhelden-Gruppe immer augenfälliger anbahnt und auf das Grauen nicht nur Zeiten der Sorge, sondern Zeiten des Sterbens folgen. Das emotionale Gewicht, welches die Russos mit ihrer starken Inszenierung wuchten, fußt immerzu auf der Gegebenheit, dass einer unserer liebgewonnenen Heroen tatsächlich getötet werden könnte. Nichtsdestotrotz ist der Humor, der zuvor Marvel-typisch auch gerne mal überstrapaziert wurde, auch in Avengers: Infinity War vorhanden – und das, bis auf wenige Ausnahmen, sogar treffsicher und charmant. Der Witz ergibt sich hierbei aus einer gut konstruierten (und nicht zuletzt zehn Jahre vorbereiteten) Narration.

Avengers: Infinity War begeistert letztlich auch in Sachen Storytelling und arrangiert seine Geschichte in einer Art großer Parallelmontage, in der Thanos Pfad des Grauens und die Wieder- und Neuzusammenführung der Superhelden ineinanderfließt. Gerade die Augenblicke, in denen sich die Guardians of the Galaxy die Bälle mit Chris Hemsworths Thor zuspielen, sind hinreißend komisch, rauben dem Szenario aber nichts von seiner dringlichen Düsternis. Die Verwunderung, die sich nach dem Seherlebnis einstellt, basiert in erster Linie also wohl darauf, wie homogen dieser Film doch wirkt, obwohl er unter seinem Erwartungsballast eigentlich nur hätte zusammenbrechen können. Anthony und Joe Russo allerdings beweisen ihre fachliche Kompetenz und machen aus Avengers: Infinity War ein mitreißendes, bisweilen aufwühlendes Spektakel, an dem sich im Zuge seiner Geradlinigkeit weitere Blockbuster dieser Größenordnung messen lassen müssen.

Avengers: Infinity War ist ab dem 26. April im Kino zu sehen.