"No Turning Back" (GB/US 2013) Kritik – Tom Hardy möchte seinen Namen reinwaschen

Autor: Pascal Reis

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„I’m not coming home.“

Seinen Traum, einen Film, der nur in einer Telefonzelle spielt, konnte sich die britische Legende Alfred Hitchcock („Ein Cocktail für eine Leiche“, „Ich beichte“) dann letztlich zwar nicht mehr verwirklichen (Joel Schumacher mit seinem Thriller „Nicht auflegen!“ aus dem Jahre 2002 hingegen schon), doch der Gedanke von einem Szenario, das sich auf einem komprimiert-limitierten Spielraum entfaltet, einem feurigen Tanz auf dem Bierdeckel sozusagen, mäandert resistent aller Zweifel beständig durch die Filmgeschichte. Erst im Januar war es beispielsweise Robert Redford, der als Skipper in „All Is Lost“ nicht nur das Meer als transzendente Erfahrung erlebte, sondern sich in Sachen Bewegung allein auf sein lädiertes Segelboot beschränken musste. Noch extremer traf es Hollywood-Beau Ryan Reynolds („R.I.P.D. – Rest in Peace Departement“), der im spanischen „Buried – Lebend begraben“ als Paul Conroy in einem Sarg um sein Leben telefonierte. Nun ist auch Tom Hardy („Inception“, „The Dark Knight Rises“) in den Genuss gekommen, auf beschränktem Raum zu glänzen.

Steven Knight, der zuvor das Drehbuch zu „Tödliche Versprechen“ von David Cronenberg verfasste und Regie beim bemüht ambitiösen „Redemption – Stunde der Vergeltung“ mit Jason Statham führte, konfrontiert seinen Star allerdings nicht den Mächten der Natur oder lässt ihn fünf Meter unter der Erde nach Sauerstoff ringen. In „No Turning Back“ klemmt sich Tom Hardy als Ivan Locke hinter das Steuer seines Wagens und braust die britische Autobahn von Birmingham runter nach London. In London nämlich wartet Bethan, die imstande ist, sein Kind zur Welt zu bringen. Das Problem ist nur: Bethan ist nicht Ivans Frau, sondern nur eine flüchtige Bekanntschaft, mit der er alkoholisiert auf einem Seminar einen One Night Stand hatte. Und nun erntet er die Frucht seines Seitensprungs und versucht auf der Fahrt zum Krankenhaus via Autotelefon sein berufliches wie privates Leben irgendwie unter Kontrolle zu bringen. Was „No Turning Back“ (der Titel ist genauso so spoilerlastig wie er auch metaphorisch Sinn ergibt) aus dieser Prämisse macht, ist zuweilen beeindruckend.

Steven Knight fokussiert sich stringent auf seinen Protagonisten und schafft es Empathie zu schüren, ohne auf manipulative Taschenspielertricks zu setzen: „No Turning Back“ ist freilich wenig an Augenwischerei interessiert, vielmehr bohrt er sich von Kilometer zu Kilometer tiefer in die Seele von Ivan Locke, der doch nur seinen Namen endlich reinwaschen möchte. Der dort versucht Verantwortung zu übernehmen, wo sein Vater einst kläglich versagte. Es mag ein billiger, ein abgegriffener Kniff sein, wenn Ivan seinem (imaginären) Vater auf der Rückbank in von Wut und Enttäuschung getriebenen Monologen vorhält, was er in seinem Leben doch alles falsch gemacht hat, doch dank Hardys famoser Vorstellung sind selbst derlei grobmaschige Sequenzen ungemein bedrückend. Allgemein ist Tom Hardy hier mal wieder in Höchstform zu erleben und beißt sich in ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle, welches berührt und nochmals unter Beweis stellt, wie wandelbar dieser Schauspieler einfach ist. Wie pointiert er es schafft, harte, schroffe und weiche, sensible, fragile Töne anzuschlagen.

Repetitiv arbeitet der Film mit Überblendungen, die Ivans Konterfei mit der nächtlichen Autobahn verschmelzen lassen, die ihn isoliert von der Außenwelt, aber im telefonischen Fadenkreuz vom privaten Scherbenhaufen und dem beruflichen Dasein durch ein Meer aus farblichen Schärfen und Unschärfen treiben lässt; die die Lichtkegel verwischen, über- und untereinander legt. Die Autobahn wird zur Metapher und verankert sich in einem existentiellen Dilemma: Ivans Leben gerät aus der Fugen, die Wunden klaffen auf allen Seiten, seine Frau, seine Kinder, sein Vorgesetzter, sein Assistent und nicht zuletzt seinem Seitensprung ist er Antworten schuldig, die er auch liefert, die seine Person aber nicht vor dem zwischenmenschlichen Kollaps befreit. Es geht immer geradeaus, im Rückspiegel reflektieren sich die Scheinwerfer, die Fensterscheibe spiegeln Locke, Silhouetten von Fahrzeugen rauschen vorbei, doch einen Weg zurück gibt es nicht. Neues Leben allein ebnet eben nicht den ungeschorenen Schritt zurück in alte Gepflogenheiten.