"Philadelphia" (USA 1993) Kritik – Im Kampf gegen Aids und für die Menschenwürde

„Überleg doch mal, diese Kerle gehen zum Bodybuilding und wollen Macho und Tunte zu gleich sein. Ich kann diesen scheiß echt nicht ab!“

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Zwei Jahre nach seinem Psycho-Thriller-Geniestreich ‚Das Schweigen der Lämmer‘, kehrte Jonathan Demme 1993 erneut mit einem erstklassigen Film zurück in die Kinos. Dieses Mal widmete er sich jedoch einem wichtigen und brandaktuellen Thema: Aids. Mit ‚Philadelphia‘ inszenierte Demme einen Film, der nicht im Ansatz etwas von seiner Brisanz verloren hat und den jeder Mensch einmal im Leben mit offenen (!) Augen gesehen haben sollte.

Andrew Beckett ist ein angesehen und erfolgreicher Jurist, der auf der Karriereleiter in einer Anwaltskanzlei in Philadelphia steil nach oben wandert. Was die Leute jedoch nicht wissen: Andrew ist homosexuell und HIV-Positiv. Bislang hat er es geheim halten können, doch die äußerlichen Symptome werden immer deutlicher und Andrew verliert von jetzt auf gleich seinen Job. Damit will er sich nicht abfinden und versucht irgendwie gegen seinen Rauswurf vorzugehen. Ausgerechnet im schwulenfeindlichen Anwalt Joe Miller findet er jemanden, der seinen Fall übernimmt.

Tak Fujimoto arbeitet mit eindringlichen und intensiven Nahaufnahmen und lässt die Schauspieler auch oft in die Kamera schauen, so dass sie direkten Augenkontakt mit dem Zuschauer aufnehmen können. Ein sinnvolles und emotionales Stilmittel. Neben dem gewohnt tollen Score von Howard Shore, sind auch die gewählten Songs absolut großartig. Bruce Springsteens Oscar prämiertes Lied „Streets of Philadelphia“ oder Neil Youngs „Philadelphia“, das am Ende des Films eingespielt wird, während wir zum Abschied Kindsheitsaufnahmen von Andrew zu sehen bekommen, sind hochemotional und treffen genau den richtigen Ton.

Tom Hanks verkörpert Andrew Beckett, einen intelligenten Juristen, der zu Anfang noch voller Lebensfreude steckt und scheinbar alles in seinem Leben erreichen wird. Doch von Tag zu Tag wird Andrew schwächer und verliert immer mehr Gewicht. Hanks hatte 1993 natürlich noch nicht den Ruhm, den er heute genießen darf, wobei er von diesem auch schon einiges einbüßen musste. Hanks könnte man gut und gerne als Idealbesetzung bezeichnen und der Oscar für seine Performance geht auch in Ordnung. Neben ihm kann aber auch Denzel Washington glänzen. Er gibt den Anwalt Joe Miller, der große Vorurteile gegenüber Schwulen hat. Beckett hatte zuvor von ganzen 9 Anwälten eine Absage bekommen, bis er auf Miller traf. Washington spielt wieder einmal sehr selbstbewusst und ausdrucksstark und die Vorurteile schrumpfen mit der Zeit immer mehr.

Zum Glück ist die Zeit vorbei, in der Aids noch als Schwulenseuche abgestempelt wurde. Oder als Skeptiker noch von einer Aids-Lüge sprachen und der klaren Meinung waren, dass Aids eigentlich gar keine Krankheit ist, sondern die Strafe Gottes für ihr Fehlverhalten. Diese Aussagen sind nicht nur vollkommen idiotisch, sondern auch menschenverachtend und mehr als ärgerlich. In den 90er Jahren stand Aids allerdings noch in einem ganz anderen Licht als heute. Vor allem war es auch immer ein Thema, welches jahrelang einfach todgeschwiegen wurde und übergangen. Unverständlicherweise, denn wir müssen uns doch mit diesem Thema befassen und lernen damit umzugehen, in manchen Fällen eben auch damit zu leben. Und diese Schutzinformationen muss man bekommen, je früher desto besser.

In genau dieser Zeit fand ‚Phildelphia‘ den Weg in die Kinos und sorgte für reichlich Aufsehen. Demme inszeniert einen wichtigen und vor allem aufklärenden Film über die unheilbare Krankheit. Wenn Beckett ohne jeden Grund von seiner Anwaltsfirma fallen gelassen wird, dann werden die verschiedenen Sichtweisen der Menschen überdeutlich gezeigt. Doch trotz dieser Rückschläge und Diskriminierungen geht er seinen weg und will gerichtlich vorgehen. In der Bibliotheken-Szene wird Beckett fast schon wie ein abtrünniger oder wie ein Monster behandelt und von herablassenden Blicken von allen Seiten bestraft. Und hier schaltet sich der beobachtende Joe Miller ein und erklärt sich endlich bereit Andrew zu helfen. So beginnt eine sensible und gefühlvolle Mischung aus berührendem, aufrüttelnden, emotionalem Drama und packendem Gerichtsfilm. Eine wundervolle Szene ist noch die, in der Andrew mit Tränen in den Augen die Arie „La Mamma Morta“ interpretiert und Miller dabei völlig gefesselt auf dem Stuhl sitzt und jedes Wort von ihm aufsaugt. Die Krankheit dringt immer weiter vor. Wenn Andrew dann schwer gezeichnet im Krankenbett liegt und sich von seiner Familie verabschiedet, bleibt kein Auge trocken und die tonnenschwere Betroffenheit nimmt jeden Zuschauer ein.

Fazit: ‚Philadelphia‘ ist ein Aufruf an Toleranz, die oft verlorene Menschlichkeit und gegen unnötige Vorurteile und Hass auf Menschen, die einfach nur eine andere Lebensweise und Neigungen haben, als man selbst. Mit der fantastischen Musik, den tollen Darstellern und natürlich Demmes feiner Inszenierung wird ‚Philadelphia‘ ein unheimlich nahegehender Film, ohne übertriebenen Hollywoodkitsch oder Abmilderungen des schwierigen Themas. Ein dramatischer und fesselnder Film und immer noch genauso wichtig wie am Erscheinungstag.

Ain’t no angel gonna greet me
it’s just you and I my friend
and my clothes don’t fit me no more
I’d walk a thousand miles
just to slip this skin

Night is falling
and I’m lying awake
I can feel myself
fading away

So receive me brother
with your faithless kiss
or will we leave each other
alone like this
on the streets of Philadelphia…

Bewertung: 8/10 Sternen