Kritik: Reise ins Herz der Finsternis (USA 1991)

„The Horror! The Horror!“

null

Die legendären Dreharbeiten zu „Apocalypse Now“ gebährten eine ebenso legendäre Dokumentation, die in aller Ausführlichkeit, aber unterbewusst, das Kino an sich in Frage stellt.

Der in “Apocalypse Now” thematisierte Wahnsinn des Krieges wurde wohl durch den Wahnsinn der Dreharbeiten für diesen Film noch übertroffen. “Hearts of Darkness” ist eine Making-of-Dokumentation über Francis Ford Coppolas bahnbrechendes Werk.

Es scheint vielleicht ungewöhlich das „Making-Of“ eines Films höher zu bewerten als den eigentlichen Film. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist „Hearts of Darkness“ weit mehr als ein bloßes Making-Of, zum anderen bedingen sich die Existenzen beider Filme gegenseitig, weshalb man keinen der beiden objektiv schlechter oder besser einschätzen könnte.

Coppolas Über-Film bleibt also das Meisterwerk und wahrscheinlich sollte man ihn sich sowieso mehr als einmal ansehen um ihn wirklich zu fühlen. „Hearts of Darkness“ kann man dieses Privileg zwar nicht anerkennen, aber dennoch gehört diese Dokumentation zu Coppolas Film, sie komplettiert ihn. Eigentlich komplettiert sie jeden Film, jedes künstlerisches Werk, was im tiefsten ja nichts anderes als eine Reise ins Herz der Finsternis sein sollte. Dieser Weg muss gegangen werden und entweder man kehrt heil zurück, so wie Coppola, oder man stirbt im Dschungel, so wie Kurtz.

Filmemachen im besonderen fordert ohnehin weitaus mehr, eben weil es eine sehr materielle Kunst ist, eine die man schlecht im Dunkeln machen kann. Sie lässt sich nicht nur mit Pinsel und Leinwand oder Stift und Papier erschaffen. Manchmal braucht man Hunderte von Komparsen, Tonnen von Stahl und Beton, Geld, Unmengen von Geld, Explosionen, Feuersbrünste, Drogen oder Waffen etc. Das alles für eine inszenierte Wirklichkeit?

Letztendlich sieht man es nur im Kino. Doch den wenigstens ist klar, dass hinter einer Exposion auf der Leinwand, auch eine echte Explosion steckt. Das ist die Unökonomie des Filmemachens. Du bläst ein Haus in Schutt und Asche. Du riecht es, schmeckst den Staub. Am Set bist du direkt im Geschehen. Im Kino schmeckst du nichts mehr. Wo liegt da der Sinn?

Martin Sheen, schwach vor Erschöpfung, betrunken, schlägt einen Spiegel ein. Sein Daumen blutet füchterlich. Er beschmiert seinen Körper mit Blut, wälzt sich nackt zwischen den Laken. Er weint und schreit, beinah gleichzeitig. Eine Prozedur von Tagen gerinnt auf der Leinwand zum halbsekündigen Destillat, wo man bereits die Hälfte verpasst, wenn man auch nur einmal blinzelt. Was bleibt? Wie soll der Zuschauer den selben Schmerz spüren? Ist das Zelluloid im Weg? Ist Filmemachen nichts anderes als eine Kunst-Installation mit schweren Handicaps?

Wie ist es heute? CGI relatviert viel und verschleiert noch mehr. Wenn man heute eine Explosion auf der Leinwand sieht, denkt man an den Computer. Wird dadurch alles besser? Ist der Animationsfilm die einzige filmische Kunst, wo nichts auf der Strecke bleibt, wo das Leid nicht umsonst scheint?

Es sei vermessen zu behaupten, „Hearts of Darkness“ stelle all diese Fragen, von dem Buchstaben-Trio CGI ganz zu schweigen und dennoch ist diese Dokumentation auf den Spuren eines Gleichnisses, einer Gegenüberstellung von Wirklichkeit und Zelluloid. Was macht den Film so besonders, dass er es sich leisten kann, die Wirklichkeit so zu verstümmeln? Welchen Zweck haben die Anstrengungen von hunderten Menschen eine Kulisse zu errichten, die in spontaner Zerstörungswut abgefackelt wird, wenn das gedrehte Material aber noch nicht mal als Abspann taugt? Coppola wurde zu Kurtz. Jeder Regisseur muss kurzzeitig zu Kurtz werden. Nur so darf man poetische Schönheit beim Schlachten eines lebendigen Tieres empfinden und es unverfroren als Aufnahme für den Film verwenden. Bei dieser Produktion sind natürlich Tiere zu Schaden gekommen. Scheiß drauf! Wie kann sich das Kino da noch rechtfertigen?

„Apocalypse Now“, wie auch „Hearts of Darkness“ sind durchzogen von der Dialektik zwischen Leben und Tod, oder Tod und Wiedergeburt. Die Sonne geht zwar unter, sie geht aber auch wieder auf. Wenn man die Dreharbeiten eines Films als Zerstörung begreift, dann ist doch die Projektion im Kino nichts anderes als eine Wiedergeburt, ja sogar eine unendliche. Das Kino ist deshalb eine so große Kunst, weil es Zeitreisen ermöglicht, weil es unsterblich macht. Für Tarkovksy war der Film das einzige Medium das Zeit konservieren konnte. Den verstorbenen Marlon Brando auf der Leinwand zu sehen, mag vielleicht nicht das gleiche sein, wie leibhaftig vor ihm zu stehen, aber dennoch bleibt er bei uns.

Bewertung: 10/10 Sternen

Das folgende Video ist kein Trailer, sondern der besagte Martin-Sheen-Ausschnitt: