"Sin City: A Dame to Kill For" (USA 2014) Kritik – Gescheiterte Wiedererweckung

Autor: Sebastian Groß

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„Your gonna suck me dry, and you’ll never ever stop!“

Neun Jahre. Neun Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Das 3D-Kino etablierte sich im Multiplex, neue Stars wie Jennifer Lawrence und Christoph Waltz kamen auf und Marvel erbaute sich ein filmisches Imperium. Comicfilme sind aktuell das Nonplusultra am Box Office. Eigentlich die perfekte Zeit das langersehnte Sequel zu „Sin City“ in die Lichtspielhäuser zu bringen. Immerhin war die Fortsetzung seit dem der erste Teil 2005 seinen blutigen Fußspuren in den Köpfen vieler Filmfans hinterließ einer der Filme, über den gefühlt jede Woche eine andere Neuigkeit publiziert wurde. Aber Gerüchte und Ideen (wie etwa Angelina Jolie mitwirken zu lassen) machen eben noch keinen fertigen Film. Und so mussten wir warten. Neun Jahre. Eine verdammt lange Zeit, in der das Projekt wohl immer wieder bearbeitet wurde, um es wieder in der Schublade verschwinden zu lassen (die enorme Anzahl der im Abspann genannten Produzenten lässt darauf schließen). Die Frage, die sich da stellt lautet: hat sich das Warten gelohnt?

Basin City, genannt Sin City, ist ein Hort der Gewalt. Auch im zweiten Teil gibt es gleich mehrere Episoden rund um Gangster, Verräter, Perverse, Opfer und was sich sonst noch so in der Stadt herumtreibt. So muss Privatdetektiv Dwight den Avancen seiner alten Flamme Ava widerstehen und gerät in eine Intrige, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt. Zocker und Glückskind Johnny will in Sin City groß abräumen und legt sich mit jemanden an, der es nicht gewohnt ist zu verlieren. Schläger Marv wacht ohne Erinnerung mitten auf der Straße auf, um ihn herum einige tote Männer und Tänzerin Nancy verfällt immer mehr dem Wahnsinn und versucht den Tod ihres Lebensretter, Cop Hartigan, zu rächen.

„Sin City“-Godfather Frank Miller, der auch im zweiten Teil wieder einen Gastauftritt absolviert, und Regisseur Robert Rodriguez vereinten erneut ihre Kräfte und zerren zwei aus den Comics bekannte Geschichten, sowie einer neuen, vom Papier auf die Leinwand. Das graphische Konzept des Vorgängers wird dabei selbstverständlich beibehalten und nun via 3D „aufgehübscht“. Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Virtuosität des Visuellen bleibt beharrlich auf der zweidimensionalen Ebene. Mehrwertig ist das 3D hier nicht. Überhaupt hätte der Look des Films keinerlei solcher technischer Schönheitskorrekturen nötig. Das Monochrome, das Düstere, das Schmutzige der Bilder braucht die Größe und Weite des Kinos, nicht deren Tiefe. Die verschiedenen Zeitlinien der Handlungen werden ebenfalls wie die Bilder weit ausgebreitet. Noch wilder und ungehemmter als im ersten Teil wird an den Zeitlinien gezogen und gezerrt. Bald ist daraus eine Peitsche geworden, die dem Publikum links und rechts um die Ohren gehauen wird. Was passierte vorm ersten Teil, was danach, was davor? Das ist alles zwar recht schnell zu begreifen, nur mag das Entwirren nicht wirklich zu reizen. Mehr noch wie sein Vorgänger, pocht das Herz des Sequels nur noch für das Visuelle, doch selbst da zieht „Sin City: A Dame to Kill For“ den Kürzeren.

„Sin City: A Dame to Kill For“ sieht blendend aus, dennoch die exploitative Schönheit des ersten Teils erreicht er nie. Während sich die Szenen aus „Sin City“ ins Gedächtnis gebrannt haben, sind die Momentaufnahmen des Sequels schon vergessen, wenn das nächste Szenenbild projiziert wird. Es wird grafisch mit Platzpatronen geschossen. Waren die Bilder früher eine Selbstverständlichkeit, so wirken sie in „A Dame to Kill For“ zu marktschreierisch und zu redundant. Die daran gekoppelten Stories bleiben auch hinter den Erwartungen zurück. Die drei Geschichten sind narrativ behäbig und wenig galant positioniert. Als Gesamtwerk gesehen ist das Sequel zu zerfasert und unfokussiert. Die dargebotenen Welt aus Gewalt und Chauvinismus, sie hält dem Druck eines Sequels (dem Druck mehr vom Alten zu zeigen, gepaart mit erhofften wie erwünschten Neuerungen) nicht stand. Miller und Rodriguez liefern dass, was gefordert wurde, doch fehlt dem Ergebnis sichtbar die Schlagfertigkeit, die Inspiration und vor allem die Lust und der Spaß sich wieder nach Basin City zu begeben.

Konnte man sich im ersten Teil komplett in diesem Destillat aus hartgekochten Film-Noir und stumpfer Exploitation verlieren, so wirkt „Sin City: A Dame to Kill For“ wie ein Trip mit dem Touristen-Shuttlebus. Aus dessen Fenster wird man dann Zeuge, wie Eva Green als klassische Femme Fatale 80% ihrer Auftritte oben ohne verbringt und die Geschichte rund um Cop Hartigan (Bruce Willis) und Tänzerin Nancy (Jessica Alba) auf ein ätzend espritlosen Showdown zusteuert. So wirklich überzeugen vermag eh keine der drei Geschichten. Was Rodriguez und Miller allerdings mit der finalen (Nancy-)Episoden machen, kratzt schon mit gigantischen Tigerpranken an der Schwelle zur unfreiwilligen Komik. Nicht unbedingt weil es stupider Fan-Service ist, sondern mehr weil die Geschichte charakterliche Entwicklungen beinhaltet, die jeder Beschreibung spotten. Die cineastische Wiedererweckung von Basin City, sie ist gescheitert.

Fügt man alle Qualitäten und Schwächen von „Sin City: A Dame to Kill For“ zusammen, hat sich die Frage, ob sich das Warten gelohnt hat, erübrigt. Die bessere Frage lautet wohl eher, ob die Fans einen zweiten Teil wollten? Die Antwort: Ja, sie wollten. Die noch viel bessere, weil wirklich richtige Frage ist aber dann doch, ob es wirklich ein Sequel gebraucht hätte? Nein, das hat es nicht. Ein dritter Teil? Nein, vielen Dank. Nach dem desaströsen Start in den US-Kinos wird dies aber wohl so oder so ein fixes Hirngespinst bleiben. Gut so.