Kritik: World War Z (USA, UK 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„Sie kommen.“

Die Zombiewelle ist einfach nicht totzukriegen. „The Walking Dead“ ist zurzeit eine der erfolgreichsten TV-Serien der Welt und mit Blockbustern wie „I am Legend“ hat sich das Sub-Genre der fleischfressenden Untoten endgültig von seinem Horror-Nischendasein befreit. Die soziopolitisch-revolutionären Endzeit-Metaphern George A. Romeros wurden vollständig vom Mainstream assimiliert und am Ende blieb ein Haufen bewegter Bilder zwischen herausragend inszeniertem High-Budget und ausgestelltem Konformismus. Marc Forsters krisengebeutelter Mega-Blockbuster darf als Speerspitze dieser Entwicklung betrachtet werden.

In „World War Z“ spielt Brad Pitt den UN-Mitarbeiter Gerry Lane, der zusammen mit seiner Familie mit einer alles verschlingenden Zombie-Pandemie fertig werden muss. Anders als in Max Brooks‘ gleichnamigen Roman schildert der Film nicht die Ereignisse zehn Jahre nach der Katastrophe anhand unterschiedlicher Figuren, sondern erzählt seine Geschichte zum Zeitpunkt des Ausbruchs einzig aus den Augen Lanes, der sich, nachdem er seine Familie dem Schutz des Militärs überlassen musste, auf die globale Suche nach einem Heilmittel begibt.

Forster ist neben Roland Emmerich der erfolgreichste deutschstämmige Regie-Export der Gegenwart. Seine bisherige Filmografie umfasst so unterschiedliche Filme wie das Drama „Monster’s Ball“, den Mystery-Thriller „Stay“ oder den „007“-Blockbuster „Ein Quantum Trost“. Seine Ausbildung genoss er nicht wie viele seiner europäischen Kolleg_innen auf einer heimischen Filmhochschule, sondern in der großen, fernen Stadt New York an der dortigen Film School. Seine vielseitigen Werke verwehren sich einem vordergründigen Auteur-Touch, dafür zeigt sich bei jedem Film sein außerordentliches handwerkliches Können.

Bereits der Beginn von „World War Z“ bestätigt das eindringlich. Nach der interessant gestalteten 3D-Opening-Sequenz und einer heiteren Familienszene voller Alltagsbanalitäten und grinsender Kindergesichter, stecken die Autoren die amerikanische Vorzeigefamilie mitten in einen New Yorker Verkehrsstau und innerhalb dieses organisierten Chaos zivilisatorischer Hochkultur beginnt die Pandemie der naturrechtlichen Barbarei. Zuerst ist es nur ein Schuss; dann eine Explosion. Wenig später zeigen sich am Bildrand die ersten „Sickos“, die mit ungeheurer Agilität über ihre Mitmenschen herfallen. Mit seiner stark auf Brad Pitts Vaterfigur zentrierten Erzählperspektive erinnern die ersten zwanzig Minuten enorm an Steven Spielbergs „Krieg der Welten“, der die Alien-Invasion ebenso einzig durch die Augen Tom Cruises schilderte und für den Terror der extraterrestrischen Bedrohung unfassbare Bilder fand. Forster hat sich die richtigen Vorbilder ausgesucht und so gelingt es ihm im ersten Akt den Survival-Horror kontinuierlich zu steigern. Die dynamische Handkamera, die effektiv gesetzten Schocks und besonders die alles in den Schatten stellende Aggressivität der Zombies auf Speed lassen die erste halbe Stunde wie im Flug vergehen.

Leider endet dieser Flug mit der Landung auf einem Flugzeugträger mitten im Atlantik, wo sich das Militär und wenige Überlebende verschanzt haben, um der Pandemie auf die Spur zu kommen. Die von allen Seiten proklamierte Ansicht, dass Brad Pitt hier einen ganz normalen Familienvater spielt, der über sich hinauswachsen muss, wird spätestens ab hier ad absurdum geführt. Der gefeierte Charakterdarsteller Pitt, den man sich noch nicht mal als Alltagsmenschen vorstellen könnte, wenn man die Fantasie von Spongebob Schwammkopf hätte, sprintet so unantastbar und souverän durch den Zombie-Krieg, dass andere amerikanische Übermenschen der Blockbustergeschichte dagegen wie Schulkinder beim Backyard-Wrestling wirken. Er weiß immer was richtig ist, wo die Gefahren liegen und das nötige Maß an Opferbereitschaft hat er natürlich auch ins Heldenbewusstsein gepflanzt bekommen; der perfekte Mensch, die perfekte Familie. Einer der Gründe, warum das Budget des Films auf die astronomische Höhe von 400 Mio. Dollar gestiegen ist, war eine Vielzahl von Nachdrehs, wo es u.a. darum ging den Fokus auf das Familiendrama zu stärken. Während Tom Cruises Figur in Spielbergs Film sichtlich mit der Situation überfordert ist und die Zusammenführung der Familie am Schluss sogar wie ein ironisches Happy-End lesbar ist, verplempert „World War Z“ viel Zeit mit völlig unnötigen Familienszenen, wo Pitt und seine Filmfrau mit Kindern darunter leiden von einander getrennt zu sein. Mehr gibt es da auch nicht zu erzählen. Die grenzdämliche Idee Mutter und Vater jeweils ein Handy in die Hand zu drücken, trägt gar schon parodistische Früchte. Wenn sich die Beiden gegenseitig nicht erreichen können oder sich knapp verpassen, dann könnte das auch als ein Sketch über das O2-Netz verstanden werden; mit Zombie-Horror oder der gewünschten akademischen Strenge eines „Contagion“ hat das nichts zu tun.

Die anfängliche Ultra-Spannung gelingt Forster bis zum Ende nie wieder. Zwar versucht der Film mit beeindruckenden Set-Pieces in Jerusalem und in einem fliegenden Flugzeug zu punkten, aber die effektiven Bilder der Bedrohung des ersten Akts toppen jede dieser hochbudgetierten CGI-Geburten. Das Finale in irgendeinem europäischen Labor ist dann wieder so nüchtern konstruiert, dass es schon unterwältigt und in seinem Prozedere an eine Mischung aus „Resident Evil“ und „Metal Gear Solid“ erinnert. Brad Pitt kommt doch sowieso heil aus allem raus, weil er seine Familie liebt, inklusive eines neu-adoptierten hispanischen Jungen. Wahrscheinlich riechen alle auch noch unbeschreiblich gut. Die weiße Vorstadthölle könnte so schön sein, wenn nur diese doofen Zombies nicht wären. Dabei begann alles mal mit einem einsamen, afroamerikanischen Mann in einer Hütte, der einfach nur überleben wollte.