"Young Adult" (USA 2011) Kritik – Charlize Theron muss endlich erwachsen werden

„Männer wie ich wurden geboren um Frauen wie dich zu lieben.“

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Jason Reitman mauserte sich zu einem Filmemacher, der es verstand, seine Charaktere zu entfalten und auf sympathische und lebensnahe Art und Weise dem Zuschauer näher zu bringen. Ohne jegliche Effekthascherei, überschlagenen Übertreibungen oder sonstigen ungünstigen Beilagen legte er den gesamten Wert auf seine Figuren und blühte auf zu einem der begehrtesten Indie-Regisseure der heutigen Zeit. Alles begann 2000 mit der zynischen Komödie ‚Thank You for Smoking‘, ging über zur gefeierter und ausgezeichneten Komödie ‚Juno‘ und der tollen Tragikomödie ‚Up in the Air‘ mit George Clooney aus dem Jahr 2009. Der Mann hat was auf dem Kasten, auch als Drehbuchautor. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen und die Vorfreude, als Reitman 2011 seinen neuen Film ‚Young Adult‘ ankündigte. Das Ergebnis war jedoch kein erfüllendes und ‚Young Adult‘ stellt den bis dato schwächsten Film in der jungen Karriere des kanadischen Regisseurs dar.

Mavis Gary lebt in Minneapolis und arbeitet als Ghostwriter an Geschichten für Heranwachsende. Ihr Leben ist jedoch vollkommen höhepunktarm und eintönig. Neben einigen Dates, ihrem Spitz und dem Schreiben hat sie eigentlich nichts. Als sie eines Tage eine Mail von ihrem inzwischen glücklich verheirateten Ex-Freund Buddy bekommt, die ein Bild seines ersten Kindes beinhaltet, fasst sie sich das Ziel, ihre ehemalige Flamme wieder zurückzugewinnen und fährt in ihre Heimatstadt. In einer Stadtkneipe will sie sich mit Buddy treffen, trifft allerdings auch einen anderen alten Schulkameraden wieder: den gehbehinderte Matt. Die Welt von Mavis stellt sich langsam als einsamer Trümmerhaufen heraus…

Schauspielerisch gibt es unter Reitmans Führung natürlich wieder nichts zu meckern. Die Hauptrolle spielt Charlize Theron als Mavis Gary, die groß auffahren kann und ihren schwierigen wie zerrütteten Charakter vollkommen ausfüllen. Sie hält den Spagat zwischen Tragik und zynischen Humor bestens und versteht ihn glaubwürdig darzustellen. Das große Highlight im Cast ist jedoch Patton Oswalt als Matt Freehauf, der durch die Serie „King of Queens“ bekannt wurde, in der er das Muttersöhnchen Spence spielte und zum heimlichen Star der Serie wurde. Patton beweist hier, dass er ein fantastischer Schauspieler sein kann und verkörpert seinen interessanten Charakter großartig. Schade ist es, dass er nicht gerade viele Szenen geschenkt bekommt, denn die hätte er mehr als nur verdient gehabt. Ebenfalls toll besetzt ist auch Patrick Wilson als Ex-Lover Buddy, der seine Figur fein und ausdrucksstark wiedergibt.

Wenn man sich einen Film von Jason Reitman ansieht, dann sollte man sich im Klaren darüber sein, dass Reitman nicht auf übergroße Szenen setzt, sondern mit viel Fingerspitzengefühl seine Charaktere und deren äußere Schalen wie inneren Kerne langsam freischaufelt und dem Zuschauer näher bringt. In ‚Young Adult‘ ist die Hauptfigur die alleinlebende Mavis Gray, die für eine Buchreihe der Young Adult-Rubrik arbeitet, die Bücher aber für eine andere Autorin veröffentlicht und ihren Namen an den Seitenrand quetschen lässt. Für die Leute aus ihrer Heimatstadt, die in ihrem Provinzstädtchen hängengeblieben sind, ist sie ein Star, ein Mensch, der den Sprung in die große Stadt geschafft hat und mit Sicherheit ein aufregendes und abwechslungsreiches Leben führt. In Wahrheit ist die geschiedene Mavis aber einsam. Ihre einziger Bezug scheint ihr weißer Spitz zu sein, ansonsten gibt sie sich dem Flaschenhals hin und säuft wie ein Loch. Wenn sie Lust hat, trifft sie sich auch mal mit einem Mann, den sie ja dann morgens schnell verlässt und ohne ihn zu wecken verschwindet. In ihrer alten Heimat trifft sie dann zufällig Matt wieder, der in der Schulzeit heftig verprügelt wurde und seitdem auf Krücken läuft und sich ebenfalls in sein trauriges Dasein zurückgezogen hat und in seiner Garage eine illegale Schwarzbrennerei führt. Immer wieder begegnen sie sich, doch Mavis will ihren Ex Buddy wieder, der jetzt ein glückliches Eheleben führt und frischer Papa geworden ist. Für Mavis ist der Fall allerding sofort klar, denn Buddy kann sich in diesem gepflegten und strukturierten Leben nicht wohlfühlen und sie muss ihn wieder für sich gewinnen. Dabei belügt Mavis sich wo sie nur kann und vertauscht die Realität mit ihrem Wunschdenken immer mehr, bis sie auf den harten Boden der Tatsachen schmettert. Aus diesen Figuren hätte Reitman eine tolle Tragikomödie zaubern können, das Potenzial dazu hat er unlängst bewiesen, doch der Film scheitert an Sachen, die bei Reitman vorher immer wunderbar funktionierten.

In ‚Young Adult‘ bekommen wir es mit einer eigentlich unsympathisch Hauptperson zu tun, mit der man sich weder identifizieren oder anfreunden kann. Mavis schreibt Bücher über das Erwachsenwerden, doch sie selber wurde nie erwachsen und stolpert in ihrer unreifen Verlassenheit von A nach B. Sie hat sich seit der schlampigen Highschoolzeit kaum weiterentwickelt und macht sich einen Plan, der absolut nichts mit einem volljährigen Menschen zu tun hat. Und doch schafft Reitman es immer wieder, eine gewisse Nähe zum Zuschauer aufzubauen und Mavis so darzustellen, dass man nicht nur Mitleid mit ihr hat, sondern auch stellenweise mitfühlen kann. Das gelingt allerdings nur viel zu selten, denn seine Inszenierung verkommt ungewohnt oberflächlich und ungenau und verwehrt den Zugang zu oft. Was dazu noch furchtbar tragisch ist, dass der beste Charaktere des Films, Matt, zu wenig Zeit bekommt und man sich als Zuschauer immer nach dem Mann mit der inneren Traurigkeit sehnt. ‚Young Adult‘ kann den richtigen Funken nicht überspringen lassen, steht nicht selten auf der Stelle und bringt einige Längen mit sich, die den Erzählfluss schleppend erscheinen lassen. Der Film hätte ein einfühlsames und ausbalanciertes Beleuchten eines emotionalen und selbst belügenden Scherbenhaufens werden können, bleibt aber einfach zu unsortiert und zu selten wirklich gefühlvoll, wenn er auch trotzdem ein guter Film ist und bleibt, aber sein großes Potenzial hat er kläglich verschenkt.

Fazit: Das hätte der nächste große Wurf des Jason Reitman werden können, doch ‚Young Adult‘ entpuppt sich als ein unausgeglichener Film, der sich oft um seine eigene Achse dreht und kein Ziel vor Augen hat. Gut ist ‚Young Adult‘ trotzdem, denn die feinen gefühlvollen Spitzen treffen, genau wie die toll gezeichneten Charaktere. Reitman kann es aber viel besser. Als Fan des Mannes sollte man Young Adult natürlich gesehen haben, alle anderen dürfen auch reinschauen, wenn nichts Besseres ansteht oder die Langeweile angesagt ist.

Bewertung: 6/10 Sternen