"Das Fest" (DK/SE 1998) Kritik – Die Dekonstruktion des gutbürgerlichen Familienbildes

„Entschuldige, dass du deinen Sohn so sehen musstest. Entschuldige auch, dass dein Mann dich bat, sofort wieder zu verschwinden, was du auch ohne Zögern gemacht hast. Entschuldige, dass du so mies und verlogen bist, dass ich hoffe, du stirbst daran.“

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Helge Klingenfeldt-Hansen ist ein äußerst erfolgreicher Hotelier, glücklich mit seiner Frau Else verheiratet und dazu auch noch Vater von vier Kindern. Nun steht sein 60. Geburtstag an und der angesehene Mann lädt zu einem großen Fest auf seinem Landsitz ein, zu dem natürlich auch seine Kinder Christian, ein Pariser Gastronom, Michael, der in Kopenhagen ein Restaurant führt und Helene, die wiederwillig Anthropologie studiert, erscheinen. Das vierte Kind, Tochter Linda, ist schon vor Jahren verstorben. Am Ort des Geschehens angekommen, beginnt alles wie eines dieser altbekannten Familienfeste. Es wird gelacht, es wird reichlich getrunken und die typischen Gespräche aufgetischt, bis es zur erschreckenden Rede von Christian kommt, der allen Anwesenden eine grausame Wahrheit aus der Vergangenheit über Vater Helge offenbart. Helge und seine Frau Else versuchen daraufhin alles, um die Stimmung nicht kippen zu lassen und wollen Christian wie einen Lügner darstellen, doch die gewollte Zerstörung seiner Glaubwürdigkeit, wird zum ausweglosen Unterfangen und die Feierlichkeiten werden immer weiter mit einem dunklen Schatten überdeckt…

Der Dogma-95-Stil, sollte jedem interessierten Cineasten ein Begriff sein und diese auch aufhorchen lassen, ganz im Gegensatz zum oberflächlicheren Unterhaltungspublikum, dass sich mit dieser visuellen Darstellung wohl nur bedingt anfreunden kann, denn man muss schon zugeben, dass die naturalistische Führung den festgefahrenen Sehgewohnheiten des Gelegenheitsguckers äußerst befremdlich erscheinen dürfte, genau wie jedem anderen Zuschauer, der sich vollständig an die standhaften Hochglanzeinstellungen gewöhnt hat. Um diese Regeln und Richtlinien noch einmal auf die Schnelle zu verdeutlichen, hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte: Die Drehorte in einem solchen Film, müssen Originalschauplätze sein, ohne große Kulissen und Requisiten. Eine musikalische Untermalung ist erlaubt, allerdings nur, wenn sie nicht nachträglich unterlegt wurde, genau wie die künstliche Beleuchtung, Spezialeffekte, Farbfilter, offensichtliche Tötungen und Toneffekte untersagt sind. Dazu darf der Filmemacher nur im 35-mm Format drehen und der verantwortliche Regisseur weder im Vorspann, noch im Abspann eine Erwähnung finden. Es gibt natürlich auch immer wieder Regisseure, die gegen diese Richtlinien verstoßen und so keinen reinen Dogma-95-Streifen entwerfen, sondern sich nur an das unterzeichnete Manifest lehnen, ohne es vollständig auszureizen.

Wenn man sich also entscheidet, seinen Film in diesem Stil zu verarbeiten, dann hat man zwei klare Vorteile auf seiner Seite: Geringe Produktionskosten und ein Maximum an Authentizität, Gesetz dem Fall, man beherrscht es, mit diesen minimalen Mitteln umzugehen. Regisseur Thomas Vinterberg versteht sein Handwerk, soviel sei an dieser Stelle schon gesagt, und kann den Zuschauer durch die pure Darstellung durchgehend in den Bann ziehen. Das Lob gilt an dieser Stelle selbstredend auch für Kameramann Anthony Dod Mantle, der die digitale Handkamera zwar gerne in alle Richtungen schwingen lässt, aber zu keiner Zeit die Nerven des Zuschauers strapaziert – eine Kunst für sich. Neben diesem überzeugenden Standpunkt, hat Vinterberg auch einen grandiosen Cast zusammentrommeln können. Dabei sehen wir in der wichtigsten Rolle einen der besten europäischen Schauspieler unserer Zeit: Ulrich Thomsen („Adams Äpfel“). Thomsen, der sein Talent natürlich schon oft genug unter Beweis gestellt hat, zeigt als Hauptfigur Christian eine seiner mit Abstand stärksten Performances und kann die Facetten seines Charakters mit präziser Zurückhaltung und eindringlicher Intensivität ausspielen. Aber im Cast von „Das Fest“ gibt es auch neben Thomsen keine weiteren Ausfälle. Ob Henning Moritzen als Helge, Thomas Bo Larsen als Michael, Paprika Stehen als Helene oder Birthe Neumann als Else. Jeder ist immer voll auf der Höhe und verkörpert die verschiedenen Charaktere durchgehend persuasiv.

Jeder kennt die traditionellen Geburtstagsfeiern und Familienfeste, an denen man wieder mal mit allen Verwandten und den alten Gesichtern zusammen am Tisch sitzt, in Erinnerungen kramt, über die vergangenen Tage lacht und darüber sinniert, was nur aus dem eigenen Leben geworden ist und wie sehr man sich doch verändert hat. Man sieht zu, wie Menschen, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen haben, wieder auf beste Freunde machen, man betrachtet die Leute dabei, wie sie dem Alkohol eigentlich absagen wollten für den Abend, aber eine Spirituose nach der anderen in den Hals schütten. Die Schamgrenzen fallen und der Fremdschamfaktor steigt rapide in die astronomische Höhe. So eine Familienfeier ist nicht immer wirklich spaßig, man denke nur an die Kinderzeiten, in der mehr immer mit erhobenem Zeigefinger gezwungen wurde, sich anständig an den Tisch zu setzen und auf das angemessene Benehmen zu achten. Die Minuten verstrichen wie Stunden, es werden immer wieder die gleichen Fragen von unbekannten Personen gestellt und der standardisierte Kniff in die Wange ist Gang und Gäbe. In Thomas Vinterbergs „Das Fest“ finden wir uns eben auf so einer Feier wieder, die verschiedenen familiären Charaktere prallen nach langer Zeit wieder aufeinander, doch eine derartigen Situation, wie uns Vinterberg in seinem Meisterwerk konfrontiert, kann und will man wohl in der Realität nie erleben, allerdings darf sie auch keinesfalls verschwiegen werden, denn was „Das Fest“ uns in seiner direkten Art offenbart, ist leider Realität vieler Familien.

Es gibt keine Familie, die nicht ihre – mehr oder weniger – schweren Geheimnisse unter der Oberfläche im Verborgenen hält. In „Das Fest“ kommt es zur Extremsituation und eine normale Geburtstagsrede von Sohnemann Christian für seinen gastgebenden Vater Helge endet mit einer schrecklichen Verkündung, die in ihrer nüchternen Offenbarung wie ein direkter Schlag ins deckungslose Gesicht wirkt. Vinterberg zerbricht die gutbürgerliche Familienidylle und stellt mit aller Deutlichkeit klar, was es bedeutet, wenn Menschen versuchen, Probleme wegzulächeln und ihrer gestellten Freundlichkeit freien Lauf lassen (Die Polonaise ist an Verabscheuung nicht zu überbieten). Niemand der Anwesenden will sich mit der schrecklichen Aussage Christians beschäftigen, alles wird verleugnet und die eigene Familie, die in Wahrheit schon längst in ihre Einzelteile zerbrochen ist und nur noch distanzierte Beziehungen zueinander führt, schiebt Christian immer brutaler aus dem Kreis der Feierlichkeiten, nur um den bitteren Tatsachen nicht in die Augen sehen zu müssen. „Das Fest“ wird zu einem Film, der sich nicht nur um Abhängigkeit, Verdrängung und Flucht dreht, sondern entwickelt sich immer intensiver zu einem Kampf um die Wahrheit, der auf die nötige Veränderungen setzt, die nicht nur Einzelpersonen betreffen wird, sondern die ganze Familie. Ein standhaft erscheinendes Familienporträt wird mit der unverzeihlichen Vergangenheit verknüpft und dekonstruiert die ignoranten Illusionen im intensivsten Augenblick des schrecklichen Geständnisses. Was bleibt ist ein letzter Blick in die Augen Christians, der Ausdruck des Mitleides und das offene wie punktgenaue Ende, gleichbedeutend mit der Zukunft. Besser hätte man „Das Fest“ nicht beenden können.

Fazit: „Das Fest“ ist ohne Wenn und Aber eines der Meisterwerke der 1990er Jahre. Ein aufwühlender, eindringlicher und ebenso verstörender Film über das stabile Familienkonstrukt, welches den verheimlichten Abgrund öffnet und alle Beteiligten in sich saugt. Auf das Dogma-95-Manifest muss man sich natürlich einlassen, denn sonst wird man sich eher durch den gesamten Film quälen und die eindringliche Brillanz nicht aufnehmen können. „Das Fest“ besticht nicht nur durch seine großartigen Schauspieler und der authentischen Atmosphäre, sondern gerade durch die direkte Herangehensweise an ein Tabuthema und die Folgen eines solchen Vorfalls innerhalb einer Familie. Ein wichtiger und unvergesslicher Film.

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