Kritik: Die Unglaublichen 2 (USA 2018)

© Disney

You know it’s crazy, right? To help my family, I’ve gotta leave it. To fix the law, I’ve gotta break it.

14 Jahre sind vergangen, seitdem Brad Bird mit Die Unglaublichen den Superhelden im Animationsfilm ein kleines Denkmal setzte, das für viele Pixar-Fans bis heute eines der besten Werke aus der Animationsschmiede darstellt. Viel ist passiert in dieser Zeitspanne, die den Superhelden-Film aufgrund des Marvel Cinematic Universe, mehr oder weniger gelungenen Konkurrenzversuchen durch das DC Extended Universe und Fox-Vertretern wie die X-Men-Reihe und Deadpool flächendeckend im gegenwärtigen Blockbuster-Kino verankert hat. Eine Entwicklung, von der sich Pixar und Bird mit der Fortsetzung zu Die Unglaublichen auf ebenso simple wie überraschende Weise lösen. Die Unglaublichen 2 ignoriert den realen Lauf der Zeit, indem das Sequel unmittelbar an das Ende von Teil 1 anknüpft und die Superhelden-Familie im Kampf gegen den Maulwurf-Schurken Der Tunnelgräber zeigt, der ganz zum Schluss des Vorgängers eingeführt wurde.

Das einleitende Set-Piece zum Auftakt der Fortsetzung gibt dem Regisseur und seinem Team zugleich die Möglichkeit, das Publikum mit der gewohnten Mischung aus gewitzter Rasanz, chaotischem Humor und liebenswürdigem Charme mitten ins Geschehen zu schleudern. Gleichzeitig bedeutet dieses Verweigern von bedeutenden Entwicklungen aber auch, dass die Superhelden-Familie, bestehend aus Helen aka Elastigirl, Bob aka Mr. Incredible, Tochter Violet, Sohn Dash und Baby Jack-Jack, ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten weiterhin vor der Öffentlichkeit geheim halten muss, da Superhelden nach wie vor als illegal gelten. Ein neuer Hoffnungsschimmer ergibt sich allerdings durch den Kontakt zu dem reichen Firmenchef eines Telekommunikationsunternehmens namens Winston Deavor. Der ist ein regelrechter Superhelden-Enthusiast und will alles daran setzen, dass diese in der breiten Öffentlichkeit wieder geschätzt werden und vor dem Gesetz nicht mehr als illegal gelten.

Mit dem Vorhaben, Elastigirl als strahlende Superhelden-Repräsentantin Verbrechen in der Stadt bekämpfen zu lassen und ihre Taten mit einer Kamera festzuhalten, die in Miniatur-Form in ihrem Anzug angebracht ist, unterteilt Bird seinen Film zugleich in zwei Handlungsstränge. Diese überschaubare Struktur bedeutet jedoch keinesfalls, dass Die Unglaublichen 2 nicht trotzdem eine gigantische Spielwiese für ein ganzes Füllhorn an Ideen und Themenansätzen ist. Die erste Umkehrung der traditionellen Familiennormen findet sich bereits in dem Umstand wieder, dass ausgerechnet Elastigirl von Winston für die Rettung der Superhelden-Ehre ausgewählt wird und nicht der in seinem Stolz gekränkte Mr. Incredible, der bei seinen Taten in der Regel einen gewaltigen Kollateralschaden hinterlässt.

Während Bird den Handlungsstrang rund um Elastigirl in erster Linie für turbulent in Szene gesetzte Actionszenen nutzt, die aufgrund der tollen Animationen auch im Jahr 2018 neben all der Realfilm-Konkurrenz wirklich gelungen sind, ist es aber vor allem der andere Handlungsstrang, welcher neben den doch recht vorhersehbaren Entwicklungen ungleich unterhaltsamer ausfällt. Der Familienalltag mit Mr. Incredible als gestressten, überforderten Hausmann strotzt nur so vor gelungenen Gags, wobei Bird hierbei die wohl größte Stärke seiner Fortsetzung in vollem Maße ausspielt. Während Superhelden-Fähigkeiten an sich in den Marvel-Filmen aufgrund der eigentlichen Figurendynamik mehr und mehr als Selbstverständlichkeit in den Hintergrund gerückt sind und das DCEU diese verstärkt als schwere Bürde versteht, zelebriert Die Unglaublichen 2 die ungewöhnlichen Fähigkeiten der Figuren immer noch als aufregendes, staunenswertes Alleinstellungsmerkmal.

Obwohl der Regisseur die warmherzige Chemie zwischen seinen Figuren dabei nie aus den Augen verliert, läuft das Sequel immer dann zur Höchstform auf, wenn der wunderbar entfesselte Score von Michael Giacchino seine wildesten Töne anschlägt und Baby Jack-Jack als erneuter heimlicher Szenenstehler beispielsweise im Kampf gegen einen Waschbär vollkommen die Kontrolle über seine vielen verschiedenen Superkräfte verliert und alles im puren Chaos versinkt. Aufgrund der unterschiedlichen Themen, die Bird als alleiniger Drehbuchautor in dem Film unterbringt, läuft Die Unglaublichen 2 über die insgesamt kurzweiligen 2 Stunden der Laufzeit hinweg nicht immer ganz rund.

Zwischen all dem vergnüglichen Spektakel will der Regisseur gleichzeitig von Eltern erzählen, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen wollen, von Kindern, die sich im Gegensatz dazu um ihre Eltern kümmern müssen, von Superschurken und ihrem hypnotischen, manipulativen Umgang mit der medialen Wirkung und der gefährlichen Linie zwischen Verehrung und Verachtung strahlender Ideale. Wo andere Filme unter dieser überladenen Last mit Sicherheit zusammenbrechen würden, lässt sich Brad Bird allerdings kaum von seinem eingeschlagenen Kurs abbringen und gleicht erzählerische Defizite mit ungebremstem Herzblut wieder aus. So ist Die Unglaublichen 2 eine rollende Lawine aus charmanten, spaßigen Einzelteilen, die sich, ähnlich wie der Superheld Mr. Incredible, trotz verursachten Schäden von nichts abhalten lässt. Eine schöne Fortsetzung.

Die Unglaublichen 2 ist ab dem 27. September 2018 im Kino zu sehen.

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