Kritik: Fast & Furious 9 (USA 2021)

Eine Gastkritik von Jan Benz

Fast&Furious9-Film-Kritik-Trailer

Nachdem die deutschen Kinos seit dem 1. Juli wieder geöffnet haben, war es nun auch für mich an der Zeit vor die große Leinwand zurückzukehren. Ziemlich genau ein Jahr nach meinem letzten Kinobesuch  (Tenet) ging es also stilecht in einen echten Actionreißer. Fast & Furious 9 ist der inzwischen zehnte Teil der Testosterongeschwängerten Reihe und tritt in die Fußstapfen des ersten Spin-offs Hobbs & Shaw, das vor zwei Jahren solide zu unterhalten wusste. Keine Filmreihe in Hollywood hat dabei über die Jahre so eine Entwicklung hingelegt wie die Fast & Furious-Reihe. Was vor genau 20 Jahren mit The Fast and the Furious noch ziemlich geerdet mit illegalen Autorennen und rasanten Raubüberfällen begann, ist inzwischen ein völlig abgedrehtes Sci-Fi-Superhelden-Spektakel mit Autos geworden. Mir soll’s recht sein, denn während ich mit dem Tuning-Gehabe der ersten Teile nie richtig warm wurde, zähle ich mich seit Teil 5, dem Höhe- und Wendepunkt der Reihe, zu den Fans des unterhaltsamen Spektakels. Im neunten Teil bröckelt meine Begeisterung für die Reihe jedoch nun etwas, da es selbst mir langsam zu bunt wird und die unzähligen Charaktere den Film ziemlich chaotisch werden lassen.

Dom Toretto (Vin Diesel) lebt gemeinsam mit Letty (Michelle Rodriguez) und Sohnemann Brian inzwischen ein abgeschiedenes und idyllisches Leben. Bis seine Crew eines Tages wieder vor der Tür steht und vom Verschwinden von Mr. Nobody (Kurt Russell) und Cyber-Terroristin Cipher (Charlize Theron) berichtet. Hinter all dem steckt ausgerechnet Doms verloren geglaubter Bruder Jacob Toretto (John Cena). Mit der Privatarmee eines Milliardärs im Rücken, wird das Geschwisterkind, das immer in Doms Schatten stand, zur großen Bedrohung.

So sehr sich die Reihe im Laufe der Zeit auch gewandelt hat, das übergeordnete Thema Familie blieb doch immer bestehen. Entsprechend unglaubwürdig ist es nun, dass nach neun Teilen ausgerechnet Mr. Family himself, Dom Toretto, einen heimlichen Bruder hat. Aber sicher, wer nach Logik sucht, muss um die Reihe ohnehin den größtmöglichen Bogen machen. Die Geschichte muss eben weiter gehen und Dwayne Johnsons vorläufiges Aus, nachdem es hinter den Kulissen von Fast & Furious 8 alles andere als harmonisch zuging, muss durch einen anderen muskelbepackten Ex-Wrestler aufgefangen werden. Dessen Abstinenz und das Fehlen von Jason Statham machen sich übrigens negativ bemerkbar, waren sie doch meine Highlights im Vorgänger. John Cena ist aus der Reihe der schauspielernden Ex-Wrestler derweil sicher am unteren Ende des Talentlevels einzuordnen. Anders als Dave Bautista, der mich immer wieder überzeugt oder der zumindest charismatische Dwayne Johnson, fehlt es Cena eigentlich fast an allem. Trotzdem hat mich Cenas Auftritt weniger gestört als vermutet, zumal er relativ wenig zu tun bekommt und sein Charakter fast schon eine Kopie von Dwayne Johnsons Charakter ist, was sich insbesondere in den Kampfszenen mit Vin Diesel bemerkbar macht. Ein einzelner Charakter wie John Cenas Bösewicht ist ohnehin nicht das größte Problem des Films, vielmehr ist es die inzwischen unüberschaubare Schar an Charakteren. Neben neuen Gesichtern wie Cena und Michael Rooker, Rückkehrinnen wie Charlize Theron und Jordana Brewster, arbeitet die Reihe auch weiterhin fleißig daran, sämtliche gestorbene Charaktere zurückzuholen. Nicht nur Brian O’Connors Rückkehr wird angedeutet, was nach dem phänomenalen Abschied von Paul Walker in Fast & Furious 7 ein rotes Tuch für mich wäre, sondern auch der totgeglaubte Han (Sung Kang) kehrt zurück. Dessen Rückkehr wurde leider bereits im Trailer verraten und so konzentriert man sich als Zuschauer nicht auf seine überraschende Rückkehr, sondern auf die Erklärung seines Überlebens und die ist eben genauso hanebüchen wie der Rest der Geschichte. Das Problem daran ist, dass das Figurenkabinett inzwischen aus allen Nähten platzt und jede persönliche Geschichte eben ein wenig vorangetrieben werden muss. Dadurch entsteht ein ziemliches Chaos und dem Franchise würde es eher gut tun, sich von einigem Charakterballast zu befreien, als immer mehr Leute in die Reihe zu holen. Verstärkt wird dieser Eindruck auch durch zahlreiche Rückblenden in die Jugend von Dom und Jacob, in denen wir erstmals auch auf den Vater der Familie stoßen. Die Rückblenden sind jedoch nur mäßig interessant und nehmen im ohnehin überladenen Film zu viel Platz weg.

Fast-and-Furious-9-2021

Wer derweil dachte, das Hochhäuserweitspringen in Teil 7 oder der Kampf mit dem U-Boot in Teil 8 wäre schon alles gewesen, der hat sich definitiv geirrt. Während Teil 8 größtenteils noch daran scheiterte seinen Vorgänger zu toppen, scheißen die Macher hier sprichwörtlich auf alles. Autos, die eine herabstürzende Hängebrücke hochfahren. Jets, die Autos in der Luft auffangen. Ultrastarke Magneten, die Autos durch die Lüfte wirbeln. Und dann auch noch: Ein raketenbetriebenes Auto, womit die Reihe endgültig in den Weltraum abhebt. Letzten Endes war der Ausflug ins Weltall nur eine Frage der Zeit und der nächste logische Schritt wäre jetzt auch eine Verfolgungsjagd auf einem anderen Planeten. Zuzutrauen ist der Reihe inzwischen alles, denn Reihenveteran Justin Lin, der zuvor Teil 3-6 inszenierte, feuert aus allen Rohren. Als in Teil 6 Letty von Dom mit der Motorhaube aufgefangen wurde, haben alle im Kino noch gelacht, inzwischen sind solche Aktionen an der Tagesordnung. Es wird fröhlich von Auto zu Auto gesprungen, die Charaktere werden endgültig zu unverwundbaren Superhelden (was der Film auch thematisiert) und im Zentrum der abstrusen Sci-Fi-Geschichte steht eine leuchtend grüne Kugel, die etwas an den Tesserakt aus The Avengers erinnert. Nachdem ich mich mit Idris Elbas Superheldencharakter in Hobbs & Shaw bereits nicht richtig anfreunden konnte, wird die Entwicklung also auch hier fortgesetzt, was dazu führt, dass ich das übertriebene Spektakel nicht mehr so genießen konnte wie noch in den Vorgängern.

Nach inzwischen sechs Teilen voll übertriebener Action erleidet die Reihe somit langsam Abnutzungserscheinungen und ob die „letzten“ beiden geplanten Teile Fast & Furious 10-11 diesen Trend nochmal umkehren können, bleibt mehr als fraglich. Immerhin ist die Action gut inszeniert (obwohl der Film mehr handgemachte Action vertragen könnte), die Effekte sind ordentlich und der Soundtrack ist wie immer gelungen, weswegen die Actionszenen eben immer noch eine Menge Spaß machen. Wer sein Hirn ausschaltet und das ganze Geschehen nicht so ernst nimmt, wird also weiterhin ganz gut unterhalten.

Fazit: Nach Fast & Furious 8 war klar, dass das Spektakel nur noch durch einen Ausflug ins Weltall zu toppen ist. Gesagt getan, hier ist der neunte Ableger, der in Sachen Wahnsinn so ziemlich alles toppt, was ich bislang gesehen habe. Als völlig abgedrehtes Sci-Fi-Superheldenspektakel mit Autos macht der zehnte Teil der Reihe in seinen Actionszenen wieder durchaus Laune, vorausgesetzt man schaltet sein Hirn aus und nimmt das Ganze nicht zu ernst. Trotzdem konnte ich das launige Spektakel nicht mehr so sehr genießen wie noch in den Vorgängern, da es selbst mir langsam zu bunt wird und die unzähligen Charaktere zu einem ganz schön chaotischen Film führen. Somit befindet sich die Reihe zunehmend auf dem Holzweg und nach den jetzt noch geplanten Teilen 10 und 11 wäre es an der Zeit, die Reihe endgültig ruhen zu lassen. Dann aber bitte noch mit einer Verfolgungsjagd auf einem anderen Planeten, mit einer Weltraumschlacht oder vielleicht mit einer Zeitreise. Alles andere wäre ja wohl enttäuschend!

Fast & Furious 9 startet am 15. Juli 2021 deutschlandweit im Kino.

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