Kritik: Ghostland (FR/CA 2018)

„They broke me. And now they’re playing with you.“

Mit seinem höchst umstrittenen Werk Martyrs schuf Regisseur Pascal Laugier eine Art konsequenten Endpunkt der grob zwischen 2003 und 2008 kursierten Terrorfilm-Welle aus Frankreich. Neben bekannten Vertretern wie High Tension oder Frontier(s) führte Laugier das Ausmaß des psychisch sowie physisch erfahrbaren Terrors geradezu in neue Dimensionen, indem er nichts weniger als die vollständige Transzendenz innerhalb des filmischen Mediums anstrebte. Anhand der Philosophie von Bataille und de Sade entwarf der Regisseur nicht nur einen unvergleichlichen Terrorfilm, der explizite Extreme auslotete, sondern eine grenzüberschreitende Auseinandersetzung mit der Leidensfähigkeit des Menschen. In der Geschichte des Films wird dieser in Gestalt junger Frauen unerträglichen Qualen ausgesetzt, damit durch die Augen des transzendierten Opfers der Übertritt in eine bislang unerforschte Bewusstseinssphäre sichtbar wird, die nur erreicht werden kann, sobald eine unvorstellbare Schmerzgrenze überschritten wird.

An diesem Film, der außerhalb von euphorischer Anerkennung und hasserfüllter Verachtung kaum andere Meinungen oder Reaktionen dazwischen zulässt, wird sich Laugier sicherlich für den Rest seiner Karriere messen lassen müssen. Dass mit dem französischen Filmemacher nach seinem letzten durchwachsenen Werk The Tall Man – Angst hat viele Gesichter aber durchaus noch zu rechnen ist, beweist Laugier nun mit seinem neuen Film Ghostland, für den er ohne Rücksicht auf Verluste mit ungebremster Zitierwut aus allen Rohren feuert. Dafür eröffnet der Regisseur den Film gleich zu Beginn mit einer Huldigung an H.P. Lovecraft, der sich als Autor diverser einflussreicher Horrorgeschichten unsterblich machte. Das Kreieren von Geschichten wird auch in Ghostland zum zentralen Bestandteil der Handlung, in der die alleinerziehende Mutter Colleen mit ihren beiden jugendlichen Töchtern Beth und Vera in das Haus zieht, das sie von ihrer kürzlich verstorbenen Tante geerbt hat. Nachdem eine der beiden Teenagerinnen das schaurig wirkende, mit allerlei finsteren Puppen dekorierte Anwesen damit kommentiert, dass sie sich nun in Rob Zombies Haus befinden würden, hat Laugier direkt eine weitere Referenz offengelegt, mit der sein aggressives Werk garniert ist.

Überraschend schnell zieht der Regisseur seinem Publikum anschließend den Boden unter den Füßen weg, als sich zwei bizarre Eindringlinge Zutritt in das Haus verschaffen und die Jagd auf die dreiköpfige Familie eröffnen. Ähnlich wie schon in Martyrs lässt Laugier frühzeitig einen Reigen des puren Terrors über seine Figuren einbrechen, der sich aufgrund der viszeralen Erbarmungslosigkeit nahtlos auf die Verfassung des Zuschauers überträgt. Der Regisseur beweist in diesen Szenen abermals, dass er in erster Linie ein begnadeter Genre-Handwerker ist, der Horror als unaufhörliche Abfolge von Schlägen in die Magengrube begreift. Der Angriff der beiden Eindringlinge, die Laugier aufgrund ihres skurrilen Erscheinungsbildes fast schon märchenhaft als Hexe und Oger überhöht, verkommt zum brutalen Überlebenskampf, an dessen Ende tatsächlich die drei Frauen als Siegerinnen über das Böse triumphieren. Ein unerwarteter Bruch mit der Erwartungshaltung des Betrachters, der nicht der letzte in diesem Film sein wird, in dem fortan keine eingeschlagene Richtung als vertrauenswürdig eingestuft werden kann und stattdessen das erzählerisch Unzuverlässige regiert.

16 Jahre später scheint zumindest eine der drei Hauptfiguren ihr Trauma ansatzweise überwunden zu haben, indem sie den lange zurückliegenden Schrecken auf kreative Weise als Buchautorin verarbeiten konnte. Beth, die sich schon als Teenagerin am Schreiben von Horrorgeschichten versuchte, landet mit ihrem neuesten, offenbar autobiographisch gefärbten Werk Incident in a Ghost Land ihren bisher größten Erfolg, während sich die Geister der Vergangenheit erneut in ihr Leben drängen. Ein panischer Anruf ihrer Schwester führt sie zurück in jenes Anwesen, in dem vor 16 Jahren die Hölle auf Erden losgebrochen ist. Dort begegnet Beth nicht nur ihrer Mutter, die vergleichsweise entspannt in der Gegenwart angekommen zu sein scheint, sondern auch einer Vera, die sich hysterisch hinter abgeschlossenen Riegeln verschanzt hat, um sich vor einer ungewissen Bedrohung abzuschotten.

Mit verschiedenen Genre-Versatzstücken und Einflüssen, die von Home-Invasion-Elementen über unsichtbare Haunted-House-Spukeinlagen bis hin zu exzessivem Body-Horror reichen, bei dem die Körper von Laugier wieder einmal bevorzugt weiblichen Figuren entsetzlich entstellt werden, verknüpft der Regisseur verdrängte Traumata, konkrete Gefahren und verschwommene Realitätsebenen zu einem schrillen Horrorkabinett der garstigen Attraktionen, in dem das Subtile stets dem maximalen Effekt weichen muss. In der Tradition seines offensichtlichen Vorbilds H.P. Lovecraft, dem Laugier spät im Film sogar noch einen unerwarteten Auftritt verschafft, ist Ghostland neben seinen mitunter fragwürdigen Qualitäten als ungestümes, offensives Zitate- sowie Stilrichtungsfeuerwerk vor allem ein Film über jene Art von Geschichten, die wir Menschen uns gerne selbst erzählen, um mit den Unzulänglichkeiten des Lebens irgendwie zurechtzukommen. Im Fall des Regisseurs sind das blutdurchtränkte, von entstellten Körpern und fiktiven sowie leider allzu realen Monstern bevölkerte Geschichten, an deren Ende folglich nur ein bitteres Erwachen wartet.

Ghostland startet in Deutschland am 05. April 2018 in den Kinos.

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