"Alexandre Ajas Maniac" (FR/US 2012) Kritik – Elijah Wood und sein unstillbares Verlangen

Autor: Pascal Reis

null

„Lauf nur, ich weiß wo du wohnst, Judy. Wir sehen uns später…“

Frank ist ein Einzelgänger und Betreiber eines urigen Ladens für Schaufensterpuppen. Er führt das Geschäft seiner Familie fort und der Name seiner Mutter ist auch noch lange nach ihrem Tod als Besitzer eingetragen. Allerdings ist das keine Schlamperei, sondern steht symptomatisch für die Beziehung zwischen Frank und seiner Mutter, die durch ihr schlechtes Verhalten ihren Sohn zunehmend traumatisierte und ihn mehr und mehr beziehungsunfähig machte. Seitdem ist Frank ein Jäger, der nachts durch die Straßen streift und sich junge Frauen aussucht, um sie zu töten und ihre Haare zur Vollendung seiner Puppen zu verwenden. Als er die Französin Anna kennenlernt, versucht er, sein Leben krampfhaft zu kontrollieren, doch Frank ist seiner Vergangenheit und dem daraus resultierten Verhalten vollkommen ausgeliefert…

»Maniac« hat mit dem erheblichen Problem zu ringen, dass dem Film letztlich die psychologische Ausarbeitung in Bezug auf den inneren Kampf seines Hauptakteurs Frank Zito (Großartig: Elijah Wood) verloren gegangen ist. Die Verständigung des Tätermotives ist hier nicht nur zweitrangig, es wird lediglich hin und wieder mit einigen reißerischen Andeutungen angereichert, die sich keinesfalls als subtil bezeichnen lassen können, sondern nur gehaltlose Lückenfüller darstellen, die weder dem Verhalten des gequälten Mörders Substanz verleihen, noch so zurückhaltend eingeworfen werden, dass man als Rezipient die Möglichkeit geschenkt bekommt, diese Szenen als angenehmen Freiraum für die Eigeninterpretationen zu nutzen. Wenn sich »Maniac« 20 Minuten mehr Zeit zur Entfaltung erlaubt hätte und dadurch den Bereich der saloppen Pseudo-Psychologisierung verlassen würde, die eben über keinerlei Bewandtnis verfügt und daher auch jede Kohärenz zwischen den Morden und der psychopathischen Basis im Keim erstickt, dann hätte Franck Khalfoun mit »Maniac« ohne Frage ein Meisterwerk mit hochinteressantem Hauptdarsteller inszenieren können.

Aber genug negative Kritik geäußert, denn auch wenn »Maniac« seinen seelischen Tiefgang nur vorgaukelt, in Wahrheit aber im luftleeren Raum umhertreibt, ist das modernisierte Remake des 80er Jahre Klassikers ein verdammt guter Film, der sich problemlos aus dem kontemporären Einheitsbrei des (Psycho-)Horror-Kinos abhebt. Den größten Gewinn kann der Film dabei aus seinem audiovisuellen Einverständnis ziehen, den man zuletzt in einem solch hypnotisierenden Einklang in Nicolas Winding Refns »Drive« zu sehen bekam. Mit dem kleinen Unterschied, dass die eruptive Brutalität in »Maniac« fast durchgehend mit den Augen des Mörders aufgenommen wird und die Ego-Perspektive dazu verleitet, keine Distanz zwischen dem Zuschauer und dem triebhaften Killer zu lassen. Wir blicken direkt in die Augen der sich im Todeskampf befindenden Opfer, da gibt es keinen Humor, kein Augenzwinkern, das was Khalfoun uns hier serviert ist ein ultrabrutaler Rausch direkt in die verschwommene Welt eines sklavisch Taumelnden, dessen Realität von Halluzinationen bestimmt wird und den ödipalen Komplex im Inneren immer wieder aufschreien lässt.

»Maniac« ist kein Psychogramm oder eine weitreichende Auseinandersetzung mit Ursachen und Motivationen, es wird aber deutlich, dass Frank Zito nicht aus Spaß tötet, sondern sich angeekelt von sich selbst zurückzieht, dass er ein desorientierter Niemand ist, der die Leere seines Daseins mit selbstgebauten Schaufensterpuppen füllt und diese mit den Skalps seiner auserwählten Damen vollendet. Er ist ein geschundener, zurückgezogener Mensch, der sich auf die Jagd begibt, weil er selber das größte Opfer in dieser Welt ist, ohne Chance gegen seine Vergangenheit anzukämpfen, ohne Möglichkeit dieses Verlangen überwinden zu können. Das Ende ist dann noch der ganz besondere Paukenschlag und von einer so intensiven Symbolik signiert, dass dem Zuschauer ein kalter Schauer über den Rücken läuft, denn es bleibt ein Trugschluss: Humanität wird zur statischen Fassade, alles Illusionäre greift ein und lässt die beiden Ebenen miteinander verschmelzen. Es gibt nur Einsamkeit, Tod und den stummen Schrei nach Liebe.

Fazit: Nach dem grandiosen »The Hills Have Eyes«, ist Alexandre Aja erneut an einem mehr als gelungenen Remake beteiligt gewesen, denn ein solches hat Regisseur Franck Khalfoun mit »Maniac« ohne Wenn und Aber inszeniert. Sicher kommen die psychologischen Komponenten äußerst verwaschen daher und sind zu keiner Zeit als wirklich tiefgängig zu bezeichnen, dafür ist »Maniac« ein audiovisueller Hochgenuss, mit einer fesselnden Hauptfigur samt Ego-Perspektive und ultrabrutalen Gewalteruptionen.