Kritik: Antichrist (DE, DK 2009)

„Wovor fürchtest dun dich im Wald?“

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Ein trauerndes Ehepaar zieht sich in ihre einsame Hütte, “Eden”, in den Wäldern zurück. Dort hoffen sie, ihre gebrochenen Herzen heilen und ihre kriselnde Ehe retten zu können. Aber die Natur verschafft sich ihr Recht, und die Situation kann nur schlimmer werden.

— Prolog:
Natürlich schwirrten mir etliche Fragen im Hirn herum, doch eine stand über allem. „War der Skandal um Antichrist nun gerechtfertigt?“ Nein, es ist sogar überaus enttäuschend wie sich das Feuilleton hier aufgespielt hat, als hätte es was zu sagen. Ich bezweifle auch, dass Lars von Trier das geplant hat. Er wusste zwar, was er dem Publikum da zumutet, aber einen Skandal braucht der Film nicht. Denkt man allein an die anderen Cannes-Skandale der letzten Jahre, wie „Trouble Every Day“ oder „Irreversible“, dann fällt Antichrist doch gehörig ab, jedenfalls als Skandalfilm. „Die Idioten“ z.B. war ein viel besserer Skandal. Schon da wurde sexuelle Penetration en detail gezeigt, das schlug Wellen, doch anscheinend hat die Presse nicht so ein gutes Gedächtnis und dachte bei „Antichrist“, sie würde so etwas zum ersten mal sehen, was ja auch Quatsch ist, da bestimmt jeder von denen schon mal einen Porno gesehen hat. Auf etwas anderem baut von Trier ja auch nicht auf. Er fügt einfach eine Einstellung, die man gemeinhin nur im Porno vorfindet, in den „normalen“ Spielfilm ein. An sich nichts besonderes, wenn da nicht ein Haufen Ironie und Verstörung drin stecken würde. Denn das hier Grenzen überschritten werden, liegt auf der Hand. Inwieweit hier Schauspiel und Wirklichkeit in einander fließen, fällt wohl schwer zu unterscheiden, da die beiden Hauptdarsteller, besonders Gainsbourg, mit jeder Faser ihres Körpers spielen. Sie hat ja angeblich alles zugelassen, und das sieht man auch.

— Sam Peckinpah erblasst vor Neid:
Der Film beginnt mit einer der längsten Zeitlupensequenzen der Filmgeschichte, in sanftem schwarz-weiß, dazu läuft Händel, es wird das einzige Musikstück des Films bleiben. In dieser Sequenz, vögeln die beiden Hauptdarsteller, es vögeln nicht nur die Figuren, sondern auch die Darsteller, wirklich, das sollen wir jedenfalls denken. Parallel dazu passiert ein Unglück, was den ganzen folgenden Film, wie ein Schatten begleiten wird. Das ist der Prolog, der sich, genauso wie der Epilog, ästhetisch stark, vom eigentlichen Film unterscheidet. Bei dieser Szene habe ich an den Audiokommentar von „Dogville“ denken müssen, in dem Anthony Dod Mantle Lars von Trier förmlich anfleht, ihm bei „Manderlay“ ordentlich Licht setzen zu lassen. Jetzt bei „Antichrist“ war es soweit und er geht sogar darüber hinaus, denn was Mantle allein im Prolog an Bildern zaubert, das schlägt fast die komplette Europa-Trilogie.

— Er und Sie:
Erst danach beginnt der eigentliche Film und schon wieder kommt ein irritierendes Element dazu. Die Beerdigung des Kindes aus Schneewittchen-Perspektive, die Gesichter der Eltern schmerzverzerrt, die Rollgeräusche des Sargs und die Verwandtschaft ohne Gesichter. Filmisch beinah plump und in seiner Offenheit gewagt ehrlich, brüllt uns von Trier zu: „Blickt nicht auf die anderen, hier geht es nur um sie und ihn!“, der Ausbruch der Depression.

— Der Beginn eines Farbzyklus:
Mit dem Zusammenbruch, die Trauer, und Willem Dafoe, als rationales, liebenswertes Monstrum versucht seine Frau nach Hause zu holen, doch dort wird es nicht besser. Hier verarbeitet Trier seine Depression, ganz ohne Ironie und mit einer Ernsthaftigkeit, die man seit „Die Idioten“ nicht mehr gesehen hat. Es gehört gerade zu Triers Stärken, dass er mit Stimmungen hantiert. Wo „Idioten“ radikal von einer Komödie in eine Tragödie umschlug, da wechselt Antichrist nun gekonnt vom Arthouse-Masturbations-Schick in ein wahrhaftiges psychologisches Drama. Diese Szenen gehören zum besten, was der Film zu bieten hat und allein für die ersten 20 Minuten hätte ich Gainsbourg die Palme überreicht. Mantle filmt diese Szenen mit sichtbaren Spots und der typischen Handkamera. Dazu dominiert die Farbe Blau, die für Melancholie und Trauer steht, aber auch für Treue. Sobald sich er und sie (man kann sie auch Adam und Eva nennen, aber das will von Trier doch nur) nach Eden begeben, kippt das Farbschema und es dominiert logischerweise die Farbe Grün. Denn mit dem ersten Schritt Richtung Heilung, kehrt auch Hoffnung in den Film ein. Später findet eine weitere Verwandlung statt. Aus dem psychologischen Drama wird langsam das, was wir unter einem Horrorfilm verstehen, obwohl der eigentliche Horror die ganze Zeit da war. Mit diesem Wandel geht die Sonne unter, denn sobald die Hoffnung erloschen ist und Mühlsteine und Scheren zum Einsatz kommen, verschwindet das Grün des Tages und das Schwarz der Nacht kommt hervor, was keine Interpretation mehr bedarf.

— Horror als Klischee und Stilmittel:
Der symbolische Einsatz von Farbe ist eher untypisch für Lars von Trier. Jedenfalls in dieser Einfachheit und ganz ohne Ironie (Ich weiß, das Wort ist schon öfter gefallen, aber man kommt nicht drumherum). Ganz anders und schwieriger fällt es, den Horror zu klassifizieren, der sich vor unseren Augen abspielt. Das Genre selbst ist zu wandelbar. Ist Horror die Aneinanderreihung von Gore-Szenen à la „Saw“? Ist es das flaue Gefühl im Magen, wenn der Protagonist durch dunkle Wälder läuft und dabei von einem basslastigen Score begleitet wird? Es fällt schwer zu entscheiden. Letztendlich ist Horror all das, was Angst macht und da sich „Antichrist“ mit nichts anderem beschäftigt, macht ihn allein das schon zum puren Horror. Von Trier weiß das. Das reicht ihm aber nicht. Er beginnt ein böses Spiel mit dem Zuschauer.
Das Publikum will einen Horrorfilm, es kriegt einen Horrorfilm, mit allen Klischees nachdem es lechzt. Da wären zum einen die dunklen Wälder + Protagonisten, die da durch laufen + „musikalisches“ Brummen auf den untersten Frequenzen + Aneinanderreihung von Gore-Szenen. Es ist alles dabei oder „all inclusive“ könnte man sagen, aber von diesem Horrorzeugs will sich von Trier ja nicht seinen Film kaputt machen lassen, also, was macht er? Er streut sie einfach so zwischendurch ein, wie z.B. einen bedeutungsschwangeren Zoom auf eine Blumenvase, dazu Gebrumme. Zwischendurch Schattenspiele mit Ästen, dazu Gebrumme. Das wirkt beliebig, ist es aber nicht. Es erfüllt den gleichen Zweck, wie die Kapiteleinteilung oder die extreme Zeitlupe in schwarz-weiß. Es dient als Verfemdungseffekt, als Puffer zwischen Film und Publikum. Das ist nicht neu bei Trier. Die Kreidestriche in „Dogville“, Dogma-95, Musicalszenen in „Dancer in the Dark“, alles nur Verfremdungseffekt, um den Zuschauer zu fordern, ihn zu eigenem Denken anzuregen und um letztendlich die Manipulation durch Bilder offen zulegen. Bei „Antichrist“ ist das sogar amüsant, da gerade die Horrorelemente dazu beitragen sollen. Wenn ich Gainsbourg und Dafoe, in Hochform, spielen sah, wie sie versuchten gemeinsam die Depression und die Trauer zu besiegen, ging mir das nahe, doch dann setzte auf einmal ein Gebrumme ein und ich sah einen düsteren Wald in dem die Schatten tanzten. Da spürte ich nicht viel im Vergleich zu vorher. Das Bild war schön, aber die Angst, die Gefühle waren weg. „Antichrist“ ist die Dekonstruktion eines Horrorfilms, die zeigt, dass Genrefilme sich nicht durch Manierismen und Klischees auszeichnen sollten, sondern durch Inhalte und Figuren, wie jeder andere Film auch. Horror wird erst zu Horror, wenn er Angst macht, nicht durch gruselige Musik, Dunkelheit oder Gewalt.

— Epilog:
Ich habe absichtlich die eigentliche Geschichte umfahren, da ich denke, dass der Film eher eine Reflexion über die Filmsprache herausfordert.
Es macht wenig Sinn über die Misogynie in „Antichrist“ zu diskutieren, da Lars von Trier auch in diesem Film seiner Protagonistin näher ist als den männlichen Konsorten. Die Gedanken zu Natur, Hexentum und Kindesmissbrauch bleiben haften. Die theologische Ebene interessiert mich eher nicht. Ein stilistisch aufregender, inhaltlich unausgewogener Lars-von-Trier-Film.

Bewertung: 7/10 Sternen