Blau ist eine warme Farbe (FR 2013) Kritik – Der Geschmack des Erwachsenwerdens

Autor: Philippe Paturel

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Die fünfzehnjährige Adèle (Adèle Exarchopoulos) träumt von der großen Liebe und sie glaubt, diese in Thomas, einem Mitschüler, gefunden zu haben. Doch eines Tages begegnet sie dieser jungen Dame mit blauen Haaren auf der Straße. Dieses kurze Aufeinandertreffen bringt ihr bisheriges Leben komplett aus den Fugen, da Adèle erstmals ihre Hingezogenheit zu Frauen wahrnimmt.

Wer hat schon zu Beginn des diesjährigen Cannes-Filmfestivals damit gerechnet, dass ein dreistündiges lesbisches Liebesdrama die goldene Palme mit nach Hause nehmen würde? Ich zumindest nicht, auch wenn ich im Nachhinein gestehen muss, dass es ein wenig offensichtlich war, dass „Blau ist eine warme Farbe“ im aktuellen Geschehen Frankreichs, der Debatte um die Gleichstellung der Ehe, den Preis mit nach Hause nehmen würde, um mit dieser Entscheidung ein mutiges (?) politisches Statement zu setzen. Zumindest war es wahrscheinlicher als in jedem anderen Kinojahr, dass „Blau ist eine warme Farbe“ (OT: „La Vie d’Adèle – Chapitres 1 et 2“) auf irgendeine Weise hervorgehoben werden würde. Doch unverdient ist die Auszeichnung deswegen noch lange nicht, denn Regisseur Abdellatif Kechiche muss sich zu keiner Sekunde auf die Erzählung einer queeren Liebesgeschichte beschränken lassen. Im Großen und Ganzen geht es in „Blau ist eine warme Farbe“ um das Leben selbst – mit all seinen Facetten, Höhepunkten und Rückschlägen. Das Resultat ist mitunter eines der großartigsten und bewegendsten Liebesdramen der Kinogeschichte, welches zudem auf wundersame Weise den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts – speziell den der französischen Jugend – einfängt und im selben Augenblick durch und durch zeitlos erzählt ist. Es versteht sich damit von selbst, dass die dreistündige Laufzeit wie im Flug vergeht.

Im Gegensatz zu vielen Liebesdramen der letzten Jahre („Blue Valentine“), die schlichtweg durch ihren Realismus begeistern konnten, gelingt es Kechiche den Liebesfilm inszenatorisch in neue Sphären zu heben. So nah wie in „Blau ist eine warme Farbe“ haben sich Regisseure bisher nur selten an ihre Heldinnen gewagt. Die Kamera ist immer ganz nah bei Adèle ihren Mitmenschen und so glauben wir bereits nach ein paar Minuten alles über sie, ihre Probleme und ihre Umwelt zu wissen. Und doch bleibt Adèle für uns bis zum Ende ein unlösbares Rätsel. Es ist schlichtweg atemberaubend, wie Kechiche diese Gratwanderung meistert, dass der Zuschauer Adèle wie eine gute Freundin zu kennen und doch nicht zu kennen scheint. Wir verlieben uns mit ihr, kämpfen uns an ihrer Seite durch den anstrengenden Schulalltag, durchleiden mit ihr ihre erste Trennung und spüren letzten Endes schließlich wie sie, was es bedeutet sich das erste Mal im Leben wirklich in jemanden zu verlieben.

In diesem Sinne ist „Blau ist eine warme Farbe“ auch mehr als nur eine Schilderung des Lebens an sich. Der Film läuft zwar die wichtigsten Lebensstationen ab, schenkt aber gleichzeitig den scheinbar unwichtigen Dingen des Lebens einen größeren Rahmen. Gerade die kleinen Szenen, wie der Dialog zwischen Adèle und ihrer großen Liebe Emma (Léa Seydoux) in einem Restaurant, können deutlich mehr begeistern, als beispielsweise die viel diskutierten Liebesszenen zwischen den Beiden. Abseits von der universellen Liebesgeschichte erzählt der Film aber auch von der Unentschlossenheit der heranwachsenden Adèle, ihren Bedürfnissen und ihren Hürden. Sie ist ein Individuum, welches ganz spezifische Probleme, Freuden und Wünsche hat. Dass Kechiche auch diese Gratwanderung zwischen Universalität und Individualität scheinbar spielend leicht nebenbei gelingt, ist überwältigend.

„Blau ist eine warme Farbe“ schlicht auf seine Sexszenen zu beschränken, ist also der größte Fehler, den der Zuschauer begehen kann. Wir bekommen hier nicht nur eine außergewöhnliche Liebesgeschichte geboten, sondern einen Film, der dem Kino der Zukunft ganz neue Dimensionen eröffnet. Mal abgesehen von Shion Sonos Liebeserklärung an die Liebe „Love Exposure“, der allerdings ganz andere Wege einschlägt, habe ich bis Dato keinen Film gesehen, der sich dem großen Thema Liebe auf so ehrliche, sinnliche, wunderschöne, aber auch zermürbende Weise nähert. Der Film zeigt aber auch, dass nicht die Geschichte an sich wichtig ist, sondern die Art und Weise zählt, wie die Figuren ebensolche wahrnehmen und durchleben.

Nach drei Stunden verließ ich also ebenso überrascht wie beeindruckt das Kino, ohne mich auch nur eine Sekunde gelangweilt zu haben, emotional überwältigt und froh darüber, Zeuge dieser cineastischen und schauspielerischen – Adèle Exarchopoulos liefert hier nicht weniger als eine der großartigsten Leistungen der letzten Jahre ab – Offenbarung gewesen zu sein. Die Zeit mit Adèle ist sicherlich nicht immer schön und manchmal geradezu erschütternd ehrlich, doch „Blau ist eine warme Farbe“ ist stets auch lebensbejahend und lässt genügend Spielraum für eigene Gedanken, so dass der Film noch Wochen später beschäftigen dürfte. Insofern ist „Blau ist eine warme Farbe“ nicht einfach nur „Kino“, denn Adèles Lebensgeschichte ist viel komplexer, beanspruchender, diskussionswürdiger, länger und intensiver als vieles, was die Kinogeschichte bisher zu bieten hatte. So sehen eben Meisterwerke aus.