"Blood Ties" (FR/US 2013) Kritik – Nicht noch eine Crime-Saga!

Autor: Pascal Reis

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„He was my hero.“

Guillaume Canet ist schon ein guter Mann, hat er sein Talent vor und hinter der Kamera doch schon unlängst unter Beweis gestellt. Man sollte von dem Franzosen selbstredend kein Schauspiel der Güteklasse eines Yves Montand („Vier im roten Kreis“) oder die inszenatorische Wucht eines Jacques Audiard („Der Geschmack von Rost und Knochen“) erwarten, doch Canet ist einer der Akteure, die jeden Rollentypus auszufüllen vermögen, vom perfiden Mysterium bis zum stinknormalen Jedermann. Und auch die Projekte, die unter seine Ägide entstanden sind, gefallen dadurch, dass sie gutes Entertainment generieren, sich darüber hinaus aber auch einem gewissen Arthouse-Impact nicht verwehren können und doch tiefer bohren, als man es zu Anfang hätte erwartet (seine Ensemble-Tragikomödie „Kleine wahre Lügen“ von 2010 ist ein gutes Beispiel dafür). Mit „Blood Ties“ geht Canet nun quasi den Weg, den auch schon sein spanisch-isländischer Kollege Baltasar Kormákur beschritten ist: Er legt einen Film neu auf, in dem er einst höchstselbst die Hauptrolle gespielt hat.

Stand Baltasar Kormákur noch in „Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung“ im Rampenlicht, inszenierte er anschließend dessen Remake „Contraband“ mit Mark Wahlberg als populäres Zugpferd. In „Rivals – Zwei Brüder“ war es Guillaume Canet, der neben Francois Cluzet mit einer soliden Leistungen zu gefallen wusste. Und nun hat er sich eben bei „Blood Ties“ den Regiestuhl gesichert, um diese Geschichte noch einmal aufzulegen, damit die Amerikaner sich bloß nicht mit mühseligen Untertiteln herumschlagen müssen. Aber trotzdem bleibt es ein interessanter Gedanke: Canet inszeniert ein toughes Crime-Drama. Das verspricht nicht nur stylische Aufnahmen, sondern auch reichlich Tiefgang im verworrenen Charaktergeflecht. Doch an dieser Stelle muss bereits Einspruch eingelegt werden: „Blood Ties“ sieht sicher fantastisch aus, doch inhaltlich orientiert sich der Film beinahe durchgehend an dem oberflächlichen Strom abgedroschener Genre-Vehikel à la „Helden der Nacht“ oder „The Iceman“. Dass „Blood Ties“ jedoch nicht in diesem wellenschlagenden Fahrwasser absäuft, hat er vor allem Clive Owen zu verdanken, der den Film unbedingt über die Ziellinie tragen möchte – Und ihn dafür komplett auf seine Schultern schnallt.

Schon in den ersten Minuten wird deutlich, wie viel Liebe Guillaume Canet der Rekonstruktion des in den 1970er Jahren angesiedelten Brooklyns entgegenbringt. In dieser Hinsicht definiert sich sein Werk als stimmungsvolles Peroid Picture, das seine fokussierte Ära gut mit der Crime- und Familiengeschichte verknüpfen kann. Es versteht sich dabei wohl auch von selber, dass die Tonspur vollgeklatscht wurde mit zeitgenössischer Musik, von Ace Freshley über The Rubettes bis hin zu Al Wilson ist wohl alles dabei. Doch Canet ist nun mal kein Martin Scorsese, auch wenn manche Kameraeinstellungen und -Schwenks Meister Marty gehörigen Respekt zollen sollen. Von den brillanten Montagen eines „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ oder eines „Casino“ ist „Blood Ties“ Lichtjahre entfernt, genauso wie es das Drehbuch zwar versteht, Gangster respektive Genre-Klischees sklavisch nachzuäffen, seine Charaktere und ihr Innenleben allerdings eher stiefmütterlich behandelt und sich mit jeder Menge Augenwischerei aus der Affäre zu ziehen versucht: Die großen Themen werden zwar angeschnitten, sie werden aber nicht tiefergehend behandelt, was diesen doch elementaren Aspekt für die Dramaturgie irgendwo tragisch verwelken lässt.

„Blood Ties“ ist ein waschechter Schlagwortfilm: Es geht um Ehre, um Liebe, um Loyalität und um familiäre Werte, die dem Polizeiethos überlegen sind. Im Mittelpunkt stehen die ungleichen Brüder Chris (Clive Owen) und Frank (Billy Crudup). Der eine ein Verbrecher, frisch aus dem Knast gekommen, der andere ein Cop, vom Dezernat als aufrichtiger Kamerad registriert. Chris versucht sein Leben endlich auf die Reihe zu bekommen, doch die Vergangenheit holt ihn natürlich wieder ein und er lässt ihn zunehmend zurück alte Verhaltensmuster fallen, was die Diskrepanzen zwischen ihm und seinem Bruder weiter schürt. Schon in dieser minimierten Ausgabe einer Synposis wird deutlich, mit welcher Formelhaftigkeit „Blood Ties“ doch hantiert. Die Frauenrollen fallen allerdings nicht besser aus: Marion Cotillard ist die obligatorische Ex, während Mila Kunis als neue, irgendwie komplett charakterlose Flamme herhält. Und wie es sich in einem so oft vom Chauvinismus heimgesuchten Sujet gehört, bekommen die Damen direkt mal welche geknallt, wenn sie sich erlauben, frech zu werden. Sie sind doch eh alles nur geldgeile Nutten oder hilflose Geschöpfe, die sich nach der starken Schulter ihres virilen Beschützers sehnen.

Was „Blood Ties“ ebenfalls vermissen lässt, ist ein ausgegorener narrativer Rhythmus: Zu Anfang erweckt der Film noch den Eindruck, sich wirklich für seine Charaktere zu interessieren und ihnen mit aller Ruhe folgen zu wollen, um das Familienkonstrukt zu grundieren und die sich anbahnende Konflikte im Folgenden noch viel heftiger auf die Protagonisten wie die Zuschauer einprasseln zu lassen. Dem ist aber nicht so. „Blood Ties“ wechselt seine Tonalität irritierend oft, ist plötzlich von einer garstigen Brutalität gezeichnet, um im nächsten Moment wieder ganz gemächlich die Kugel zu schieben: Er steigert sich nicht. Am Ende, wenn sich die Dynamiken (so hat es sich der Film jedenfalls erhofft) bis zum Anschlag aufgeladen haben, will er sich dann in einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd entladen, die in einem intensiven Aufeinandertreffen der beiden Brüder gipfeln soll. Aber „Blood Ties“ ist zu konstruiert und damit auch zu transparent, um Spannung und Emotionalität zu evozieren. Wenn man positiv gestimmt ist, könnte man „Blood Ties“ als klassischeren Vertreter seiner Zunft bezeichnen, letztlich ist der Film aber nur eine lauwarmes Aufwärmen augenscheinlich inhärenter Klischees und Stereotype jener Domäne.