"Blow" (USA 2001) Kritik – Johnny Depp wird zum Drogenbaron

„Die toxische Dosis für Menschen, liegt zwischen 1 und 1 1/2 Gramm Kokain, abhängig vom Körpergewicht. Ich konsumierte durchschnittlich fünf Gramm pro Tag, vielleicht mehr…Es gab Zeiten da hab ich 10 Gramm in 10 Minuten gezogen“

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Der Aufstieg und der darauffolgende Fall wurden in der Filmwelt schon so manches Mal durchgekaut und ab und an entnervt ausgespuckt. Das berühmteste Beispiel für einen solchen Film ist an erste Stelle natürlich ganz klar Brian De Palams unantastbarer Klassiker „Scarface“ aus dem Jahre 1981, welcher das Leben von der fiktiven Drogenlegende Tony Montana zeigt und dabei den Thronbezug und den ehrenlosen Fall dokumentiert. Dann wären da natürlich noch „GoodFellas“, „American Gangster“ und die auch „Der Pate“-Trilogie zählt dazu, wenn man sich den Werdegang von Michael Corleone anschaut. Es lässt sich also jetzt schon feststellen, dass sich dieses Thema immer im kriminellen Bereich abspielt, verursacht durch Habgier, Größenwahn und Realitätsverlust. Im Jahre 2001 durfte sich noch ein weiterer Film in diese Reihe gesellen und zwar mit erhobenem Haupt, auch wenn er den genannten Werken nicht das Wasser reichen kann. Es handelt sich um „Blow“ von Ted Demme, in dem es um das Leben des berühmten Drogenbarons George Jung.

In den 70er und 80er Jahren hatte George Jung seine Hochzeit und hat getickt, als gäbe es keinen Morgen mehr. Doch in „Blow“ steigen wir in seine Kindheit ein, wo wir die Familie kennenlernen, die sich als klarer Mittelschicht bezeichnen lässt und wir erfahren den engen Draht zu seinem Vater, der ihm immer zur Seite gestanden und seine Frau dabei nie glücklich gemacht hat. Doch die große weite Welt ruft und George geht mit seinem korpulenten Freund Tuna nach Kalifornien, wo nicht nur hübsche Frauen, das Meer, schönes Wetter und der Strand warten, sondern auch der Einstieg in das Drogengeschäft durch den Handel mit Marihuana. George ist schnell gefragt und sein Gras geht wie weg wie heiße Semmel, doch die Menge reicht nicht mehr, deswegen muss George selber direkt nach Mexiko reisen um die großen Mengen über die Grenze zu transportieren. Natürlich lässt der erste Gefängnis Aufenthalt nicht lange auf sich warten, doch George tritt seine Strafe nicht an, nur um in seinen eigenen vier Wände doch noch überführt zu werden. Dort, im Gefängnis, lernt er dann den Kolumbianer Diego Delgado kennen, der ihm nach seinem Knastaufenthalt direkt mit kolumbianischen Dealern bekannt macht und schließlich auch auf den legendären Pablo Escobar trifft. George wächst über sich hinaus, wird überall bekannt und schließlich auch Vater. Der Lebenswandel, den George sich bei der Geburt seiner Tochter vorgenommen hat, geht nicht wirklich auf und der eigentlich schon andauernde Fall blickt seinem wirklich schlimmen Ende erst noch entgegen…

Natürlich sollte man die Atmosphäre von „Scarface“ in keinem Fall mit anderen Filmen vergleichen oder suchen, denn was De Palma dort gelungen ist, wird wohl auf ewig an der Spitze stehen. In jeder Szene war das Feeling dieser Zeit da, jeder Moment versprühte die Mentalität und man wurde selbst in diese Generation gezogen. In „Blow“ kommt eine derart perfekte Atmosphäre nicht auf, doch Regisseur Ted Demme verstand es ebenfalls, seinen Film mit dem richtigen Grundton und atmosphärischen Glaubwürdigkeit zu bekleiden. Dazu trägt natürlich auf einer Seite der Soundtrack bei, wie auch die Klamotten, die den reinen Retrostil besitzen und Frisurentechnisch, gerade in Bezug auf Johnny Depps Zottel, einfach nur genauestens dieser Zeit entsprechen. Vortrefflich sind dabei auch die ruhigen Kamerafahrten von Ellen Kuras, die sich immer an den richtigen Stellen positionierten und „Blow“ in passende Einstellungen verpacken. Das größte Lob hat sich jedoch Johnny Depp verdient, der die Hauptfigur George Jung verkörpert und mal wieder eine brillante Leistung zeigen kann, die nicht auf große Gefühlsausbrüche oder extreme Wutanfälle setzt, sondern auf seine treffsichere Mimik und Gestik, die immer auf den Punkt zu sein scheint und in ihrer unaufgeregten wie kontrollierten Art durchgehend vollkommen überzeugt. Depp gehört wieder die große Bühne und passende Schauspieler wie Penélope Cruz, Franka Potente oder Ethan Suplee werden zur Nebensache. Einzig Ray Liotta als Georges Vater Fred Jung kann in seinen Szenen ebenfalls begeistern und seinen Charakter mit viel Emotionalität ausfüllen.

Das alte Lied vom Aufstieg und Fall wurde uns schon so manches Mal vorgesungen, doch langweilig oder uninteressant wird es eigentlich nie, gerade dann nicht, wenn sich ein Film mit einem realen Hintergrund beschäftigt und uns ein vollkommen fremdes Leben näherbringt. In „Blow“ bekommen wir es mit George Jung zu tun, der inzwischen eigentlich nicht nur Amerikanern ein Begriff sein dürfte. Vom normalen Mittelständler wird er zum Drogenbaron, der sogar Geschäfte mit Legende Pablo Escobar machen konnte. Ted Demme bringt uns den Menschen George Jung näher, geht auf seine Familienverhältnisse ein, auf den Zuspruch des Vaters, auf die Ablehnung der Mutter, auf den tragischen Schicksalsschlag in der ersten Beziehung in Kalifornien und der kommende Aufstieg zum Star der Drogenszene, der dann den tiefen Sturz mit sich bringt. Wir sehen, wie George bis 330kg Marihuana schmuggelt und daraufhin zum Heroin übergeht, bis er schließlich zum Vater wird, sein Dasein vollkommen umkrempeln und ein Beschützer wie verantwortungsbewusster Halt für seine Tochter werden muss. Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Wir dürfen einen Blick auf das aufregende Leben dieses Mannes werfen, doch dabei bleibt es fast durchgehend nur bei einer Ansicht, denn Regisseur Demme schafft es nicht, die emotionale Tiefe, die jeder Charakter mit sich gebracht hätte, wirklich darzustellen und den Zuschauer einzubeziehen. Einzig George und sein Vater wissen über den Tellerrand zu schauen, das weitere Geschehen bleibt dabei zumeist oberflächlich, genau wie Demme den Handel und die dunklen Machenschaften nie wirklich drastisch genug offenbart, sondern in diesen Szenen zu harmlos bleibt. Die letzten gut 10 Minuten entschädigen das dann zwar ein wenig, denn genau dann kann „Blow“ eine gefühlvolle Bandbreite aufweisen, die wirklich berührt, doch zum Meisterwerk reicht es hier wirklich nicht.

„War’s das letztendlich alles wert? Ach verdammt. Wie unwiderruflich ich mein Leben vertan habe. Es ist immer der letzte Tag des Sommers. Ich steh draußen in der Kälte und keiner öffnet mir die Tür. Zugegeben es gab in meinem Leben mehr als genug bewegende Momente. An den meisten Menschen zieht das Leben vorüber, während sie damit beschäftigt sind, grandiose Pläne zu schmieden. Überall, all die Jahre habe ich hier und dort Stücke meines Herzens gelassen und jetzt ist kaum noch genug davon übrig, um weiter zu leben. Doch ich zwinge mich zu lächeln, denn ich weiß, dass mein Ehrgeiz mein Talent bei weitem übertrifft. Es stehen keine prachtvollen Schimmel oder schöne Damen mehr vor meiner Tür.“

Fazit: George Jung wollte nie wie sein eigener Vater werden, doch schlussendlich hat es ihn noch schlimmer getroffen. Die Bindungen, ob zwischenmenschlich oder geschäftlich, haben ihn aus der Bahn geworfen und jeglichen Halt aus den Augen verlieren lassen, dabei wollte er doch eigentlich nur für seine Tochter da sein. Er war nie ein draufgängerischer und habgieriger Ticker, viel mehr war ein Mensch, der nicht wirklich wusste in welche Richtung sein Leben geht und wie er seine Vergangenheit aus der Gegenwart vertreiben kann, denn die wurde ihm schließlich zum Verhängnis. „Blow“ ist eine spannende, interessante und hervorragend gespielte Biografie über einen der größten Drogenbarone überhaupt, doch Demmes Inszenierung bleibt immer etwas zu oberflächlich und kann die Tiefe der Charaktere, auch in Verbindung zueinander, erst am Ende des Filmes ausreizen. So bleibt ein sehenswerter Film, der sein Potenzial nicht ausnutzt, dafür aber die Stärken hat, die ihn deutlich über den Durchschnitt heben.

Bewertung: 7/10 Sternen