"Hannibal" (USA 2001) Kritik – Ein letztes Wiedersehen mit dem genialen Kannibalen

„Unsere Narben haben die Angewohnheit uns daran zu erinnern, dass die Vergangenheit Realität war!“

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Mit ‚Das Schweigen der Lämmer‘ gelang Jonathan Demme 1991 einer der größten Erfolge überhaupt. Seine Verfilmung des gleichnamigen Bestseller um den inzwischen bekanntesten Kannibalen der Filmgeschichte gewann die fünf wichtigsten Oscars und gilt heute bereits längst als Klassiker. 1986 verfilmte Michael Mann mit ‚Manhunter‘ zwar den zweiten Teil der Hannibal-Reihe, blieb damit aber leider viel zu unbeachtet. Dann kam das Jahr 2001 und der nächste Hannibal-Film, der auch gleichzeitig den letzten Teil der Buchreihe darstellte, stand vor der Tür. Mit ‚Hannibal‘ musste sich der britische Regisseur Ridley Scott natürlich den klaren Qualitätsvergleichen mit ‚Das Schweigen der Lämmer‘ unterziehen und zog mehr als deutlich den Kürzeren. Allerdings ist der Film nicht nur in dieser Hinsicht eine Enttäuschung.

Wenn der Name Ridley Scott auf einem Film steht, dann können wir uns nach wie vor in einer Sache vollkommen sicher sein: visuell und atmosphärisch spielen seine Filme immer in der ersten Liga und kratzen nicht selten an der handwerklichen Perfektion. Das beste Beispiel dafür ist Scotts unantastbares Meister- und Kunstwerk ‚Blade Runner‘. Aber auch seine zwei letzten Filme vor Hannibal, ‚Black Hawk Down‘ und ‚Gladiator‘, waren eine optische Wucht. John Mathiesons Aufnahmen verleihen ‚Hannibal‘ einen ganz besonderen, düsteren Charme. Die kräftigen Farbklänge in Verbindung mit dem finsteren Unterton sind eine wahre Pracht. Komponist Hans Zimmer steuert einen Soundtrack bei, der für seine Verhältnisse ungewöhnlich zart wirkt, den Film so auch immer nur ganz sanft streichelt und angenehm unaufdringlich die dichte Atmosphäre entstehen lässt.

Die Besetzungsliste liest sich dagegen mit gemischten Gefühlen. Agent Clarce Starling, die 1991 noch fantastisch von Jodie Foster verkörpert wurde, darf nun von Julianne Moore gespielt werden. Moore ist mit Sicherheit keine schlechte Schauspielerin, doch die Rolle der Polizistin will ihr einfach nicht stehen und ihre Darstellung wirkt nicht selten viel zu aufgesetzt. Die gute und beruhigende Nachricht dagegen: Anthony Hopkins spielt wieder den hochintelligenten Serienmörder Hannibal Lector. Seine erste Darstellung des Kannibalen ging in die Filmgeschichte ein und auch in ‚Hannibal‘ besticht er wieder durch seine kaltblütige und angsteinflößende Präzision. Die Nebenrollen sind mit dem entstellten Gary Oldman, Ray Liotta und Giancarla Gianini stark besetzt.

‚Das Schweigen der Lämmer‘ ließ wenige Wünsche offen. Roman-Fans meldeten sich natürlich wie immer zu Wort, aber das ist bei jeder Verfilmung so. Im Filmbereich gab es fast nur verdientes Lob und das meisterhaft inszenierte Psycho-Duell setzt neue Genre-Maßstäbe. Nun kommt Ridley Scott mit seiner Filmversion und enttäuscht auf erster Linie wegen der deutlichen Abänderungen zur Vorlage, wobei das Filmende mir auch wirklich gefallen hat und extrem schwarzhumorig geraten ist. Die Komplexität des Stoffes konnte Scott jedoch nicht einfangen. Wir bekommen mehrere Charaktere vorgestellt, die nun alle ihre Szenen bekommen sollen: Mason Vergen, der sich an Hannibal rächen will, weil der ihn dazu verleitet hat, sich selbst zu entstellen. Der italienische Inspector, der von dem enormen Kopfgeld erfährt und sich auf die Suche nach Hannibal in Florenz macht. Und natürlich Agent Starling, die wieder mit in die Sache gezogen wird und ein Lockvogel für Hannibal darstellen soll. Daraus hätte man einen hochspannenden und gleichermaßen intelligenten Thriller machen können. Können. Ridley Scott schafft es nur leider nie, den Film richtig ins Rollen zu bringen und die Spannung wird größtenteils vergeblich gesucht.

Die eigentlich vielschichtige Geschichte packt einfach nicht und die meiste Zeit der knapp 130 minütigen Laufzeit plätschert so vor sich hin. Das liegt auch in keinem Fall an dem ruhigen Erzähltempo des Films. Es passiert nur einfach recht wenig. Die brutalen Einlagen sind aber natürlich vertreten und die kann man gleich mit den Höhepunkten des Films gleichsetzen. Das klingt vielleicht banal, entspricht aber den Tatsachen. Wenn Scott das Tempo anzieht, dann kann ‚Hannibal‘ auch spannend sein und wenn es spannend wird, dann wird es deftig. Sowohl Blut als auch Ekelszenen. Die vielen Nebenstränge sind im Endeffekt zu unausgearbeitet und kommen nicht selten über die interessanten Ansätze hinaus, was äußerst schade ist, denn hier wäre so einiges drin gewesen.

Fazit: ‚Hannibal‘ überzeugt durch seine optische Klasse, den schönen Soundtrack, die stimmige Atmosphäre und den brillanten Anthony Hopkins. Leider ist Scotts Inszenierung einfach zu träge und höhepunktarm und geht als Thriller im Mittelfeld unter. Die guten Szenen sind zu spärlich, haben es dafür aber in sich. Julianne Moore ist eine klare Fehlbesetzung, ein schlechter Film ist es trotzdem nicht, nur spielt er weit unter seinen Möglichkeiten, ist zu langsam und nicht durchdacht genug. Kann man sich Mal ansehen, muss man aber nicht.

Bewertung: 5/10 Sternen