"Insomnia" (USA 2002) Kritik – Al Pacino im Nebel der Lügen

„Ein guter Cop kann nicht schlafen, weil ihm ein Teil des Puzzles fehlt und ein schlechter Cop kann nicht schlafen, weil sein Gewissen ihn plagt.“

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Christopher Nolan standen nach seinem (überbewerteten) Erfolg mit ‚Memento‘ alle Türen für sein neues Projekt offen und Nolan nutzte diese Möglichkeiten. Mit seinem tollen und eiskalten Psycho-Thriller ‚Insomnia‘ von 2002 stellt er sein Können eindrucksvoll unter Beweis.

Die kalten Töne aus ‚Memento‘ sind geblieben, mit dem Unterschied, dass ‚Insomnia‘ diese mit tollen Bildern der atemberaubenden Landschaft von Alaska in Verbindung bringen kann. So ist ‚Insomnia‘ visuell direkt über jeden Zweifel erhaben. Der unaufdringliche, fast unscheinbar schleichende Score von David Julyan passt sich genau dem ruhigen Stil des Films an und macht ihn schlussendlich atmosphärisch extrem dicht.

Schauspielerisch fährt ‚Insomnia‘ die ganz großen Geschütze auf. Mit Al Pacino in der Hauptrolle hat Nolan genau den richtigen Mann für den verzweifelten wie schlaflosen Polizisten Dormer gefunden. Pacino reißt mit seiner, für seine Verhältnisse, zurückhaltende aber dennoch kraftvolle Darstellung voll mit. Das Pacino einer der Besten ist/war hat er natürlich unlängst bewiesen. Dagegen lassen die meisten seiner nachfolgenden Rollen eher zu wünschen übrig. Robin Williams als gesuchter Täter Walter Finch bringt wieder einmal in einer ernsten Rolle eine starke Leistungen und kann, genau wie Pacino, durch sein feines Charakterspiel voll überzeugen. Beide sind tragische Figuren die sich in ihren Situationen durch überschlagenes Verhalten ins Aus geschossen haben. Hilary Swank hat gegen die beiden allerdings nicht zu lachen und geht völlig unter. Ihr Schauspiel wie ihr Charakter bleibt durchgehend blass und austauschbar. Da hätte sie deutlich mehr rausholen können.

Liest man sich die Inhaltsangabe von ‚Insomnia‘ durch, wird einem schnell auffallen, dass man es nicht mit einem herkömmlichen Standardthriller zu tun bekommt. Wer sich dennoch auf ein wildes Raten nach dem Mörder einstellt, wird schnell enttäuscht. Die Frage nach dem Mörder war nie relevant. Hier geht es ganz klar um die hervorragenden Schauspieler und deren hochinteressante Figuren. Dormer ist ein Polizeiheld, sein Ruf eilt ihm weit voraus. Bei der Jagd auf den Mörder, irgendwo im dichtesten Nebel, tötet er aus Versehen seinen Partner. Ab diesem Punkt zeigt sich eine neue Seite in ihm. Der harte Ermittler fühlt sich eingeengt und wird vom Gesetzeshüter zum Gesetzesbrecher und steht nicht zu seinem Unfall. Immer mehr wird er zu einem Wrack, die innere Verzweiflung aufgrund seiner Tat und die schreckliche Schlaflosigkeit zerfressen Dormer von Tag zu Tag mehr. Finch ist Dormer gar nicht so unähnlich. Beide haben ein Geheimnis, wenn auch aus völlig verschiedenen Sichtweisen. Das Problem: Finch hat den Mord von Dormer beobachtet und nimmt Kontakt mit ihm auf, da Dormer ihm den Mord anhängen will. Beide lernen sich kennen, testen sich, analysieren sich und versuchen irgendwie aus ihrer Haut zu fliehen ohne einen Fehler zu begehen. Moralisch ist das nicht vertretbar und doch entwickelt man für beide Sympathie, die aber eher sprunghaft ist und so keinen festen Sympathieträger festmacht. So entwickelt sich ein spannendes und fesselndes Psychoduell zweier Fremder, die sich doch so nah sind. Diese Geschichte inszeniert Nolan fast durchgehend hervorragend. Bis auf das Ende, bei dem Nolan leider kein Risiko eingehen wollte. Nichtsdestotrotz bleibt ‚Insomnia‘ erstklassig.

Fazit: ‚Insomnia‘ hebt sich ohne Probleme über jeglichen Durchschnittsthriller ab. Das liegt an den tollen Bildern, Nolans Inszenierung und vor allem an den genialen Darstellern, die ‚Insomnia‘ zu einem hochspannenden und authentischen Psycho-Thriller machen.

„Keiner ist so einsam wie der, der nicht schlafen kann.“