Kritik: Silence (USA 2016)

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Dominics Meinung:

War Martin Scorseses letzter Film The Wolf of Wall Street noch ein Werk, bei dem man angesichts des hohen Alters des Regisseurs in zweifelhaftes Staunen verfiel, so fühlt sich Silence nun angenehm nach der Arbeit eines Mittsiebzigers an. Über 20 Jahre hat es gedauert, bis Scorsese sein Herzensprojekt umsetzen konnte, altersmilde ist er hingegen keinesfalls geworden. Die erhabenen und ruhigen Bilder des Films leben nicht nur von ihrem expressionistischen Ausdruck, sondern ihnen scheint auch eine unglaubliche Intensität inne zu wohnen. Bemerkenswert, führt man sich vor Augen, dass Silence vor allem ein Film der inneren Konflikte ist.

Viele Aufnahmen strotzen nur so vor gefährlicher Schönheit, denn von Beginn an ist klar, dass Adam Driver und Andrew Garfield nicht nach Japan reisen, um dort Urlaub zu machen. Formal wie inhaltlich bannt der Film die Strapazen ihrer Reise eindringlich auf die große Leinwand, untermalt von einer eindrucksvollen Soundkulisse, die punktiert und kraftvoll mit dem titelgebenden Schweigen arbeitet. Mit seinen knapp drei Stunden Laufzeit wird Silence zum filmischen Kraftakt, für den Zuschauer nicht weniger anstrengend als für die Figuren des Films selbst. Scorsese macht das Martyrium seines Protagonisten erfahrbar und stellt damit auch den Zuschauer vor unlösbare Aufgaben.

Dass bei Scorsese Glaube auch immer eng an Leid geknüpft ist, wurde schon in Die letzte Versuchung Christi deutlich. In Silence bedeutet zu Glauben nun nicht mehr nur zu Leiden, sondern vor allem auch zu Zweifeln. Die zentrale Frage des Films ist ebenjene, die sich jeder Gläubige zumindest einmal im Leben gestellt hat. Warum bleibt Gott angesichts all des menschlichen Leides stumm? Eine eindeutige Antwort darauf kann und will Scorsese natürlich nicht liefern, schließlich ist der amerikanische Filmemachern auch im höheren Alter weder senil noch größenwahnsinnig geworden.

Vielmehr nähert er sich diesem Glaubenskonflikt aus der einzig möglichen, nämlich der persönlichen Perspektive seiner Hauptfigur und kommt dabei zu sehr ambivalenten Erkenntnissen. Dass man sich vor allem als ungläubiger Zuschauer an manchen Gedanken stoßen kann, ist verständlich, schließlich schießt der Regisseur hin und wieder merklich übers Ziel hinaus und gestaltet seinen spirituellen Einblick eine Spur zu explizit. Letztlich erscheint jedoch auch das nur konsequent, schließlich liegt kein Widerspruch darin, dass ein gläubiger Regisseur seinem eigenen Glauben den Weg bereitet – selbst wenn dieser mit der Meinung des Zuschauers kollidiert.

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Patricks Meinung:

„Go on, pray. But pray with your eyes open!“

Martin Scorsese ist kurz vor dem Ende seiner Karriere angelangt. Nach eigener Aussage habe er noch ein paar wenige Filme auf Lager, bevor der oscarprämierte Regisseur (für The Departed) sein Zepter niederlegen und sich dem verdienten Ruhestand widmen möchte. In seinem neuesten Werk Silence, widmet sich Scorsese einer (scheinbar) lange vergessenen Epoche und legt mit seiner allseits bekannten Konsequenz ein Film voller innerer und äußerer Konflikte vor, der zwar ab und an etwas unrund wirken mag aber voller Denkanstöße ist, in einer Zeit, in der religiös-fundamentale Anhänger unterschiedlicher Glaubensrichtungen, zum Hass und zur Intoleranz gegeneinander aufrufen.

In Silence ist der Glaube für Vater Rodrigues (nach Hacksaw Ridge erneut richtig stark: Andrew Garfield) ein Leidensweg. Die Arroganz, dass der eigene Glaube über allem anderen steht, wird zur Prüfung für den jungen Priester, der auf der (Sinn-)Suche nach seinem Mentor Vater Ferreira (Liam Neeson) ist. Die Reise in das unbekannte, feudale Japan, ist für den jungen Portugiesen und seinen Begleiter Vater Garupe (Adam Driver) ein Eintauchen in eine neue Welt, in der kein Verständnis für die ‚andere Religion‘ an den Tag gelegt wird. Das Leid, welches beide zu Gesicht bekommen, ist nicht nur für den Zuschauer schwer zu ertragen, sondern wird zur Glaubensfrage für den Protagonisten: Warum wird gebetet, wenn Gott doch nur mit Stille antwortet? Warum muss für den Glauben gekämpft werden, wenn die Einwohner des Landes kein Gespür für die Ausmaße ihrer Taten haben und die einzigen Berührungspunkte die zweifelnden Priester sind?

Gerade im Dialog zwischen Andrew Garfield und Liam Neeson offenbaren sich unterschiedliche Weltanschauungen. Läuterung und das Streben nach neuem Wissen endet niemals, zu dieser Erkenntnis erlangt der teilweise fast schon kindlich-gutgläubige Rodrigues erst am Ende des Films. Die Sturheit um den eigenen Glauben, den unabdingbaren Willen dass die Mission die verfolgt wird auf jeden Fall die Richtige und vor allem von Gott gewollt ist, wird durch die Härte des japanischen Inquisitors nach und nach abgeschwächt, der den katholischen Glauben in seinem Land als etwas Störendes und Unnatürliches empfindet: Wie kann dies der richtige Weg sein, wenn Menschen unnötig leiden und wegen seiner eigenen Uneinsichtigkeit und Sturheit, sterben müssen? Die lange Laufzeit von beinahe drei Stunden, wird zum inneren Konflikt und ruft zur Auseinandersetzung mit aktuellen Geschehnissen auf. Scorsese hat einmal mehr ein schwer zugängliches aber unglaublich intensiv-reflexives Drama über Standhaftigkeit, Wissen, Religion und Menschlichkeit geschaffen, welches bei den Oscars leider (bis auf eine Nominierung für Kameramann Rodrigo Prieto) komplett übergangen wurde.