Kritik: The Light Between Oceans (USA, GB, NZ 2016)

the-light-between-oceans-3

One day this will all feel like a dream.

Derek Cianfrance ist der Regisseur für die eindringlichen Kino-Momente: Mit Blue Valentine und The Place Beyond the Pines hat der Indie-Filmemacher aus dem Leben gegriffenes Gefühlskino inszeniert, das trotz hoher emotionaler Dichte frei von Kitsch geblieben ist. Mit The Light Between Oceans kommt nun endlich der nächste Film des amerikanischen Regisseurs in die Kinos und wieder bietet Cianfrance große Bilder und noch größere Gefühle. Doch im Gegensatz zu seinen Vorgängern, nimmt die Geschichte um den Kriegsveteranen und Leuchtturmwärter Tom Sherbourne (Michael Fassbender) und dessen verhindertes Familienglück nie richtig Fahrt auf. Insbesondere in der Charakterzeichnung, eigentlich das Meisterstück seiner bisherigen Filme, offenbaren sich eklatante Schwächen. Die Charaktere bieten dem Zuschauer kaum emphatischen Zugang, da sie zutiefst in überholten Rollen- und Geschlechterklischees feststecken und nicht müde werden, diese auch zu erfüllen.

Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bewirbt sich der von den Schrecken des Krieges emotional abgestumpfte Veteran Tom Sherbourne (Michael Fassbender) auf die Stelle eines Leuchtturmwärters. Auf Janus Rock, einer kargen Insel vor der Küste Australiens, möchte der wortkarge Tom ein Leben fernab der Zivilisation führen. Doch aus der Einsam- wird bald eine Zweisamkeit, denn der Leuchtturmwärter begegnet bei einem seiner wenigen Ländgänge die lebensfrohe Isabel (Alicia Vikander), die er schon bald zur Frau nimmt. Doch das junge Familienglück wird schnell getrübt, denn Isabel erleidet auf dem Eiland eine Fehlgeburt. Auch ein zweiter Versuch schlägt fehl und Isabel droht ihre Lebenslust zu verlieren. Als eine Jolle an das Ufer der kleinen Insel gespült wird, wird das Ehepaar vor eine moralische Zerreißprobe gestellt: In dem kleinen Boot befindet sich nicht nur die Leiche eines jungen Mannes, sondern auch ein Säugling, der kurz vor dem Hungertod steht. Sollen Isabel und Tom den Säugling behalten oder das Schiffsunglück melden und somit riskieren, dass das kleine Menschlein in ein Waisenhaus gesteckt wird…

Derek Cianfrance fehlt in seinem wunderschön gefilmten Drama ein Händchen für die Figuren. Zu grob umreißt er die Charaktere, lässt ihnen kaum Möglichkeit mit dem und an dem dramatischen Geschehen zu wachsen. Kriegsveteran Tom beispielsweise, bricht nur ein einziges Mal aus seinem durch und durch guten, pflichtbewussten Charakter. In dieser Schlüsselszene wird er gezwungen sich zwischen Recht und seinem persönlichen Glück zu entscheiden. Erfüllt er seiner jungen und tief verzweifelten Frau ihren Kinderwunsch und erhält sich damit auch die wahrscheinlich letzte Chance auf eine Rettung seiner Ehe oder obsiegt am Ende doch Toms von kühlem Rationalismus geprägter Charakter? Diese Szene schreit nach Veränderung, zwingt die Charaktere aus ihrer sonst so ewig gleichen Haltung heraus, die den Film immer wieder ausbremst und ihm den oftmals den Schein einer hochwertig inszenierten, öffentlich-rechtlichen Seifenoper verpasst und verpufft letztlich doch, da die Figuren immer wieder in alte Verhaltensmuster abgleiten. Tom, der durch Isabel und vor allem auch durch Zieh-Töchterchen Lucy (Florence Clery) seine Lebensfreude wiederentdeckt zu haben schien, zwingt sich durch die Enttarnung des „Kindesraubes“ in seine alten, moralisch stets korrekten Verhaltensmuster zurück. Zwar lag die Schuld für die folgenreiche Fehlentscheidung lag nicht allein bei ihm, dennoch lädt Tom diese uneingeschränkt auf sich, um einerseits Buße für die vergangenen Verbrechen des Krieges zu tun und eben um jene Personen zu schützen, die ihm ein neues Leben ermöglicht haben. Tom erbringt dieses Opfer jedoch mit einer solchen unerbittlichen Selbstgefälligkeit, dass die Figur ihre eigenen Lebendigkeit, Menschlichkeit einbüßt. Die Beweggründe des Leuchtturmwärters in ihrer Drastik nachzuvollziehen, wird für den Zuschauer zu einer echten Qual.

Während der Charakter von Tom noch einige interessante, wenn auch nicht immer gänzlich nachvollziehbare Züge aufweist, ist dessen junge Ehefrau Isabel fast beschämend einfach gehalten. Ihr gesamtes tragisches Sein wird in diesem Film auf den unerfüllbaren Kinderwunsch ausgelegt, was mit dem Zuschauer mit einer skurrilen Penetranz und dabei stetigen Simplizität nahegebracht wird. Trotz des Wissens um die Tragik des Gezeigten, kommt die Emotionalität nicht beim Publikum an. Das gesamte unausweichliche und unlösbare moralische Dilemma, in das jede der Figuren hineingezogen wird, kann von der Eindimensionalität seiner Charaktere nicht getragen werden. The Light Between Oceans scheitert als Drama an seinen Figuren, daran können auch die kraftvollen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Adam Arkapaw, der die Einsamkeit des Leuchtturmwärters in wunderbare Bilder kleidet, nichts mehr ändern.